Typisch deutsch: Die Eisdiele
Es ist heiß in Deutschland, und die Eisdielen haben Hochsaison. Wenn die Temperaturen steigen, gehören Schlangen vor den gläsernen Vitrinen der Eiscafés zum Straßenbild: Familien, Jugendliche, Rentnerinnen, Touristen auf Fahrradtour oder Menschen in der Mittagspause wählen zwischen Amarena, Vanille oder so ausgefallenen Sorten wie Safraneis.
Auf den voll besetzten Terrassen klappern lange Eislöffel in Glasschalen: Spaghetti-, Pizza- oder Lasagne-Eis, Bananensplit, Pinocchioeis, Schwarzwald- oder Mexikobecher. Dazu Sahne, Früchte, Soßen, Krokant oder Pistazien. Je üppiger, desto besser.
Gelato von Achern bis Amrum
Wer mal längere Zeit im Ausland war, merkt schnell: Diese Institution Eisdiele mit ihrer erstaunlich hohen Dichte an Cafés, ihren großen Terrassen und meterlangen Speisekarten voller opulenter Eisbecher ist in dieser Form einzigartig.
Kaum eine deutsche Kleinstadt, die mit weniger als drei Eisdielen auszukommen scheint. Bestes italienisches Gelato findet man von Achern bis Amrum.
Eismacher verkauften aus dem Küchenfenster
Die Eisdiele ist kulturgeschichtlich untrennbar mit Italien verbunden Anfangs war Speiseeis eine luxuriöse Delikatesse, die sich nur reiche Leute leisteten. Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert änderte das.
Dank Fabriken und Kältemaschinen konnte man Eis unabhängig von der Jahreszeit herstellen. Bergbauern aus den Dolomiten bildeten sich zu Eismachern. Sie verbreiteten als Wanderarbeiter das Speiseeis in den Sommermonaten in Deutschland und Österreich-Ungarn.
Der Eisdielen-Boom kam aber erst in der Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts so richtig ins Rollen. Italienische Einwanderer eröffneten Eiscafés im ganzen Land und etablierten das Handwerk und das typische Café-Gefühl in Deutschland.
Die „Eisdiele“ entstand im Deutschland der Nachkriegszeit
Anfangs verkauften sie aus den Küchen- und Stubenfenstern ihrer Wohnungen. Oft lagen Dielenbretter unter den Fenstern, auf denen Kinder stehen konnten – daher stammt wohl die Bezeichnung „Eisdiele“.
Viele der heute in Deutschland betriebenen Läden sind nach wie vor fest in italienischer Hand. „Ein großer Teil stammt auch heute noch von Gelatieri aus dem Zoldo-Tal in den Dolomiten“, sagt Annalisa Carnio vom Verband der italienischen Speiseeishersteller in Deutschland gegenüber SWR Kultur – manche führten den Betrieb in vierter oder fünfter Generation.
Warum Italiener kein Spaghettieis essen
Klar, das Gelato ist eine italienische Erfindung. Doch die Eisdiele als Institution ist eine deutsch-italienische Kulturschöpfung. Ein Pinocchio-Becher käme in Italien nicht auf den Tisch.
„Die Italiener mögen diese Eisbecher nicht, die Italiener essen gerne das Eis so aus der Waffel zum Mitnehmen, aber diese Becher mit vielen Früchten und Soße sind bei den Deutschen viel beliebter“, sagt Carnio.
Das berühmte Spaghetti-Eis entstand deshalb auch nicht in Italien, sondern in Mannheim. Dort presste der Eisdielenbesitzer Dario Fontanella Vanilleeis durch eine schwäbische Spätzlepresse und schuf einen Klassiker, der heute auf keiner Eiskarte fehlt.
Dolce Vita im Wirtschaftswunder
Zum Erfolg der Eisdielen war das Wirtschaftswunder in Deutschland entscheidend. Die kleinen Genüsse des Alltags wurden erschwinglich. Viele entdeckten Italien als Urlaubsziel, Vespa und Malagabecher standen für Dolce Vita für zu Hause.
Eisdielen entwickelten sich in den 1960er-Jahren zugleich zu Begegnungsorten gerade für junge Menschen. Sie waren die moderne Alternative zu den konservativen Kaffeehäusern jener Zeit: Große Fenster, helle Fliesen, modernes Mobiliar.
Manche Läden hatten Jukeboxen, aus denen amerikanische Popmusik lief, lange bevor sie im Radio zu hören war. Eisdielen galten als weltgewandt und familienfreundlich.
In Deutschland ist Eis besonders günstig
Bis heute gehört der sonntägliche Ausflug in die Eisdiele in vielen Familien zum Ritual, obwohl das Geschäft schwieriger geworden sei. „Es ist ein Kampf, die Kosten zu zahlen“, sagt Annalisa Carnio. Mieten, Energie, Investitionen, Personalkosten seien stark gestiegen. Früher habe oft die ganze Familie unbezahlt mitgearbeitet – auch diese Zeiten seien vorbei.
Trotzdem sei Speiseeis in Deutschland vergleichsweise günstig. „Deutschland hat das beste Preis-Leistungs-Verhältnis in Europa. Trotzdem wird geklagt, dass eine Kugel für zwei Euro zu teuer ist. In Italien zahlt man drei Euro“, sagt Carnio.
Fruchteis: Voll im Trend
Was die Preise auch treibe, sei die Vielfalt der Sorten heutzutage. Beispiel Schokoladeneis: „Heute gibt es Schokoladeneis ohne Milch, Schokoladeneis mit Nougat, mit Minze, Kokos, Schokolade mit Espresso, weißes Schokoladeneis mit Walnuss“, sagt Carnio.
Der größte Trend im Eissortiment sei allerdings ein anderer: „Fruchteis.“ Mango, Himbeere oder Aprikose mit Lavendel gehörten heute selbstverständlich zur Auslage. Das habe mit dem Klimawandel zu tun. An heißen Tagen wollen die Leute kein schweres Milcheis, so Carnio.
Spaghettieis: Das ewige Top 1
Am Klassiker kommt aber bis heute nichts vorbei: „Spaghettieis ist Top eins. Es gibt nichts, was dagegen ankommt“, sagt Carnio.
„Diese Kombination aus Vanilleeis, feiner Erdbeersoße, Sahne und geraspelter weißer Schokolade ist einfach ein Vergnügen.“