Technik wie im Mittelalter
Albert Martz zieht sich seine Maske über und aktiviert die Absauganlage. „Im roten Vogesen-Sandstein ist viel Silizium, das ich ohne den Sauger einatmen würde. Ich will aber keine Staublunge wie im Mittelalter“, sagt der Leiter der Bildhauerwerkstatt am Straßburger Münster. Dann nimmt er Hammer und Meißel und bearbeitet vorsichtig den berühmten roten Sandstein vor ihm. „Dieser Stein ist sehr brüchig, da muss man vorsichtig sein“, sagt Martz.
Noch einige Stunden Arbeit, dann ist Albert Martz mit seiner spätgotischen Fiale fertig, die den Abschluss des Laurentius-Portals an der Nordseite der Kathedrale bilden wird. Bis April 2026 war es eingerüstet, durch eindringendes Wasser war die Bausubstanz des um 1500 errichteten Portals stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Jetzt fehlen nur noch kleinere Elemente, wie die Ziersäule, die Albert Martz aus dem Stein haut.
In der Werkstatt der Münster-Bauhütte gegenüber der Kathedrale – ihr offizieller Name lautet Fondation de l’Œuvre Notre-Dame – ist so gut wie nichts elektrisch. Albert Martz und seine Kollegen arbeiten noch wie im Mittelalter. „Uns ist es eines der wichtigsten Anliegen, dass diese alten Techniken nicht verloren gehen“, sagt der Bildhauer.
Möglichst viel Originalsubstanz erhalten
Sabine Bengel ist Kunsthistorikerin an der Münster-Bauhütte: „Es geht immer darum, dass man möglichst viel Originalsubstanz erhalten will.“ Früher habe man alte Steine einfach ausgetauscht. Vor ungefähr 20 Jahren sei man von dieser Strategie abgewichen, „damit das Münster eben authentisch bleibt“.
Dafür ist eine minutiöse und langfristige Planung der Arbeiten wichtig. Bevor ein Stein behauen wird, gibt es eine lange Studienphase. Dabei kommt modernste Technik wie Drohnen oder 3D-Scanner zum Einsatz. Auf die Vorstudien folgt eine Hauptstudie, die anschließend von der Denkmalpflege genehmigt werden soll.
Für solche Projekte muss Sabine Bengel monatelang recherchieren: „Da wird mal die ganze Literatur, alle Fotos werden zusammengetragen, die Restaurierungsgeschichte, die ganze Baugeschichte. Was gibt es an Skulpturen, was haben wir an Gipsabgüssen, was weiß man sonst noch.“
Eine in Frankreich außergewöhnliche Institution
Die Münster-Bauhütte ist in dieser Form eine Rarität in Frankreich. Was es in Deutschland häufiger gibt, nämlich einen eigenen Betrieb ausschließlich für den Erhalt einer Kathedrale, ist in Frankreich einzigartig. „Mit der französischen Revolution sind fast alle Kathedralen in Staatsbesitz übergegangen, nur in Straßburg hat sich ununterbrochen die Bauhütte unter städtischer Führung erhalten“, sagt Sabine Bengel.
Der außergewöhnliche Erhaltungszustand des Münsters ist also kein Zufall. Während viele Kathedralen in Frankreich unter langwierigen staatlichen Verwaltungsverfahren und knappen öffentlichen Kassen leiden, kann man im Elsass schnell reagieren.
Zudem kennen die 30 Mitarbeitenden der Münster-Bauhütte ihre Kathedrale wie ihre Westentasche. „Wir machen praktisch wöchentlich Rundgänge, auch Reinigungsrundgänge und können kleinste Schäden sofort beheben“, erklärt Sabine Bengel. Daneben gebe es eine Art Baulastenheft für alle Arbeiten, die anschließend geplant werden müssten.
Die Münster-Bauhütte ist für den Stein da
Traditionell kümmert sich die Münster-Bauhütte nur um die Steinarbeiten. Für alle anderen Maßnahmen werden spezialisierte Fremdfirmen von der Denkmalpflege beauftragt.
Was genau bei der nächsten größeren Baustelle ansteht, ist noch nicht klar. Wo sie sich befindet, steht hingegen schon fest. Eine der vier Wendeltreppen des 142 Meter hohen Hauptturms muss dringend renoviert werden.
„Das wird eine Baustelle zwischen 66 und 100 Metern Höhe“, erklärt Sabine Bengel. „Man versucht natürlich auch hier möglichst viel Originalsubstanz zu erhalten. Wir werden allerdings einige Treppenstufen austauschen müssen.“
Eine außergewöhnliche Baustelle
Seit dem 15. Jahrhundert hat sich dieser Treppenturm so stark verformt, dass schwere Schäden am Bau entstanden sind. Aktuell werden die einzelnen Bauabschnitte des Münsters mithilfe von Drohnen gescannt, um ein 3D-Modell zu erstellen.
Nach Abschluss dieser Scans muss die Münster-Bauhütte gemeinsam mit der Denkmalpflege eine passende Strategie entwickeln. „Die schwierige Frage ist, wie man die Treppenstufen aus den Wendeltreppen ausbauen kann“, erklärt Sabine Bengel die Überlegungen. „Entweder müsste man den Treppenturm zum Teil ganz abbauen oder diese Arbeiten sogar im Treppenhaus selbst durchführen.“
Dombauhütten bald Weltkulturerbe?
Innerhalb Europas sind die Dombauhütten, von denen es beispielsweise in Deutschland etliche gibt, gut vernetzt. Sie treffen sich, wie im Oktober 2026 im spanischen Toledo, um sich über Projekte, Baustellen und Forschung auszutauschen.
Aktuell läuft eine Bewerbung bei der UNESCO um die Aufnahme in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit. 18 europäische Dombauhütten aus Frankreich, Deutschland, Österreich und Norwegen haben sich hierfür zusammengeschlossen.
Ob und wann der Antrag angenommen wird, ist derzeit noch unklar. Als „gutes UNESCO-Praxisbeispiel“ sind sie allerdings schon gelistet.