Die Küche ist voller Menschen, die gerade erst ihre Häuser verloren haben. Zwei Tage sind seit der Flutkatastrophe vergangen. In einem Hotel im Ahrtal müssen Lebensmittel verarbeitet werden, die ein Obsthof gespendet hat, Menschen, die ihre Häuser verloren haben, sind hier untergekommen. Gleichzeitig geht es um Liebe, Beziehungen und um die politische Vereinnahmung der Katastrophe.
Es ist nur eine einzelne Szene. Und doch stecken in ihr beinahe schon alle Themen, um die sich die neue SWR-Serie „Im Tal“ dreht. Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe wird das Geschehen an der Ahr also nun in Serienform aufgearbeitet. Nicht als eine Art Dokumentation, nicht mit realen Betroffenen, sondern mit erfundenen Figuren, die stellvertretend für unterschiedliche Erfahrungen stehen sollen.
Eine Katastrophe, fünf Perspektiven
Im Mittelpunkt der vierteiligen Serie stehen fünf junge Menschen, die im Ahrtal aufgewachsen sind. Sie stehen am Beginn ihres Erwachsenenlebens, haben Zukunftspläne – bis die Flutnacht vom 14. Juli 2021 ihr Leben verändert. Einige von ihnen sind als Helfer bei der Freiwilligen Feuerwehr im Einsatz.
Die Figuren sind bewusst fiktiv angelegt und orientieren sich laut Produktion nicht an realen Einzelschicksalen. Produzentin Simone Höller begründet das in der SWR Berichterstattung damit, dass so die Erfahrungen vieler Menschen in einer Geschichte gebündelt werden könnten, ohne einzelne Betroffene auf dem Bildschirm wiederzufinden.
Eine der Hauptrollen spielt Antonia Moretti. Die junge Schauspielerin sagt, vor allem das Drehbuch habe sie überzeugt. „Ich fand den multiperspektivischen Erzählansatz total spannend“, so Moretti. Verschiedene Figuren und ihre Beziehungen zueinander werden beleuchtet und damit die Wucht der Flut aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Für die Schauspielerin ist dabei auch die Erinnerung ein wichtiger Punkt: Die Flut dürfe nicht in Vergessenheit geraten.
Neben den jungen Darstellerinnen und Darstellern ist die Serie prominent besetzt. Unter anderem spielen Heino Ferch, Joachim Król und Margarita Broich mit. Moretti, Tochter des österreichischen Schauspielers Tobias Moretti, übernimmt die Hauptrolle einer jungen Frau, die im Elektro-Betrieb ihres Vaters arbeitet.
Gedreht wird dort, wo die Flut Spuren hinterlassen hat
Reporter Constantin Pläcking aus dem SWR Regionalbüro Bad Neuenahr-Ahrweiler durfte beim Dreh der eingangs beschriebenen Serien-Szene dabei sein. Das Besondere: Die Szene wird an einem original Schauplatz gedreht, die dargestellte Situation ist an die tatsächlichen Ereignisse nach der Flut angelehnt.
„Es ist wirklich richtig viel drin in so einer kleinen Szene“,, erzählt Pläcking. Die realen Geschehnisse jener Tage wurden für die Serie dramaturgisch verdichtet. Nicht nur die aktue Not spielt eine Rolle, es ist auch die Rede von politischer Vereinnahmung.
Gerade darin sieht Pläcking einen besonderen Reiz der Produktion. Eine einzige fiktive Szene kann verschiedene Ebenen miteinander verbinden. Die Serie erzählt deshalb nicht ausschließlich von der Flutnacht selbst, sondern auch von dem, was danach geschieht.
Gedreht wird dafür an verschiedenen Orten im Ahrtal. Auf dem Drehplan stehen unter anderem Weinberge, Hotels sowie Orte wie Dernau, Rech, Altenahr und der Bereich um Sinzig. Die Landschaft des Ahrtals soll ebenfalls eine Rolle spielen.
Die Flutnacht wird nicht an der Ahr gedreht
Nur die Szenen der eigentlichen Flutnacht entstehen nicht im Ahrtal. Ein Großteil der Dreharbeiten fand bereits im Mai in Belgien statt. Dort gibt es ein Spezialstudio für Wasseraufnahmen. Die Produktion hat sich allerdings nicht ausschließlich aus technischen und wirtschaftlichen Gründen dafür entschieden, die Flutszenen außerhalb des Ahrtals zu drehen.
Die Entscheidung hat auch mit den Menschen vor Ort zu tun. Produzentin Simone Höller sagt in einem SWR Interview, man habe den Drehort auch aus Respekt vor den Menschen verlegt: „Niemand soll im Tal vor seiner Haustür noch einmal die Bilder von damals sehen müssen.“
Auch Regisseur und Drehbuchautor Niki Stein bezeichnet die Flutsimulationen als besonders sensibel. Sie könnten bei Betroffenen Erinnerungen und möglicherweise Traumata hervorrufen, sagt er im Gespräch mit dem SWR. Im Ahrtal selbst wird deshalb vor allem das Leben im Tal nach der Katastrophe eingefangen. Die Flutnacht bleibt dem Spezialstudio in Belgien vorbehalten.
Was kann Fiktion, was eine Dokumentation nicht kann?
Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Was kann eine fiktionale Serie über die Ahrtal-Flut erzählen, was eine Dokumentation nicht auch kann? Pläcking kennt beide Formen aus seiner journalistischen Arbeit. Eine Dokumentation orientiert sich an realen Personen und tatsächlichen Ereignissen. Eine fiktionale Serie hat dagegen die Möglichkeit, verschiedene Erfahrungen in Figuren zu bündeln und emotionale Situationen zu verdichten.
Für Pläcking liegt darin eine besondere Stärke von „Im Tal“: „In der Serie, wo man eben auch die Emotionen durch Schauspiel zeigen kann, erreicht man eine ganz andere Ebene als mit realen Menschen.“ Das liege daran, dass man als Reporter Menschen vor der Kamera in ihrer Trauer nicht bloßstellen will. Auch falle es einigen Menschen nicht leicht, ihre Emotionen in einem Interview wiederzugeben.
Pläcking betont zugleich, dass die beiden Formen nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten. Auch Dokumentationen seien wichtig. Eine fiktionale Serie könne jedoch ein anderes Publikum erreichen und einen anderen Zugang zu den Ereignissen eröffnen.
Das ist gerade bei der Ahrtal-Flut interessant. Denn die Katastrophe ist vielfach dokumentiert worden. Bilder der Flutnacht, Interviews mit Betroffenen und Recherchen zur politischen Verantwortung sind Teil der öffentlichen Erinnerung. „Im Tal“ versucht nun, dieselben Ereignisse über erfundene Figuren und deren Beziehungen zueinander zu erzählen.
Zwischen persönlichem Schicksal und politischer Verantwortung
Auch die politische Aufarbeitung der Katastrophe soll eine Rolle spielen. Das macht die Fiktion besonders anspruchsvoll, denn die juristische Aufarbeitung der Flut ist noch nicht abgeschlossen. Gleichzeitig gibt es reale politische Verantwortlichkeiten und Entscheidungen, die bis heute diskutiert werden.
Wie lässt sich daraus eine fiktionale Geschichte machen, ohne reale Personen einfach zu Serienfiguren zu erklären?Diese Frage beschäftigt auch Regisseur Stein. In der Serie werden politische Figuren und Konflikte aufgegriffen, die fiktionalisierten Charaktere schaffen dabei Abstand und ermöglichen gleichzeitig, politische und gesellschaftliche Fragen zu erzählen.
Für Pläcking gehört diese Auseinandersetzung zum öffentlich-rechtlichen Auftrag. Gerade auch schwierige und politisch brisante Geschichten müssten erzählt werden können. Entscheidend sei dabei die Unabhängigkeit und der kritische Blick.
Gegen das Vergessen
Mehr als zwei Jahre hat Niki Stein an der Recherche und den Drehbüchern gearbeitet. Er kennt das Ahrtal seit seiner Kindheit. Ein wichtiges Motiv für ihn ist die Erinnerung an die Katastrophe. Stein spricht von einer „Flutamnesie“, der er mit der Serie entgegenwirken wolle.
Dabei geht es ihm nicht nur um die Katastrophennacht. Stein sieht die Ahr auch als Beispiel für den Umgang der Gesellschaft mit dem Klimawandel. Die Serie soll deshalb unterschiedliche Aspekte miteinander verbinden: die Überforderung und das Versagen vor und während der Katastrophe ebenso wie die Solidarität der Menschen danach.
Die Ausstrahlung von „Im Tal“ ist frühestens Ende 2027 im Ersten und in der ARD Mediathek geplant.