Debütfilm im Dritten

„Heilig‘s Schnitzel“: Die Komödie „Holy Meat“ über Passionsspiele in Schwaben

Sado-Maso-Outfits und der Heilige Geist mit Wurstkette: Die Passionsspiele in der schwäbischen Gemeinde Winteringen entwickeln sich wenig gottgefällig. Das Langfilm-Debüt von Alison Kuhn ist eine schwarzhumorige Komödie über Kirche und Einsamkeit.

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Stand

Von Autor/in Julia Haungs

Eine Passion als Fleischgemetzel

Darsteller in Sado-Maso-Outfits wälzen sich in Blut. Von der Decke schwebt der Heilige Geist mit Wurstkette um den Hals. Der Erlöser erscheint in Gestalt eines echten Schweins auf der Bühne. Und auch ein Gummipenis ist im Spiel. 

Eine Sado-Maso-Inszenierung aus dem Film "Holy Meat"
Zu den Passionsspielen in Winteringen gehören krasse Sado-Maso-Outfits Matthias Reisser

Bei den Passionsspielen von „Holy Meat“ geht es ganz wörtlich um die Wurst, aber auch im übertragenen Sinne. Denn nur wenn dem theateraffinen Erzbischof die Aufführung gefällt, entgeht das schwäbische Winteringen der drohenden Eingemeindung.

Viel ist von der Provinz-Pfarrei ohnehin nicht übrig, wie der neue Priester aus Dänemark feststellen muss. Die Kirchentheatergruppe war sein Versuch, die Gemeinde wiederzubeleben. Das Geld für das Theaterspektakel hat der Pfarrer einer sterbenden Metzgereibesitzerin auf der Palliativstation abgeschwätzt.

Filmstill aus "Holy Meat"
Das Geld für die Winteringer Passionsspiele kommt aus dem Nachlass einer verstorbenen Metzgerin. Ihre Tochter Mia (Homa Faghirii) ist ahnungslos. Matthias Reisser

Deren Tochter reagiert bei der Testamentseröffnung entsetzt. Ihre Mutter vererbe alles an die „scheiß Pfarrei“? Die Antwort spricht für sich: Familienverhältnisse seien ja oft „ein bisschen kompliziert“.

Metzgerstochter zwischen Pfarrer und Regisseur

Regisseurin und Drehbuchautorin Alison Kuhn erzählt „Holy Meat“ aus drei Perspektiven. Da ist die Metzgerstochter, die bereit ist, mit allen Mitteln um ihr Erbe zu kämpfen. Der Pfarrer schleppt ein erst spät gelüftetes, dunkles Geheimnis mit sich herum. Und der Regisseur ist nach einem Ableismus-Skandal in der Berliner Off-Szene ebenso verzweifelt auf einen Erfolg angewiesen.

Filmstill aus "Holy Meat"
Regisseur Roberto (Pit Bukowski) steckt auch privat bald über beide Ohren in seiner Winteringer Passion Matthias Reisser

In vielen Szenen treibt Kuhn die Absurdität des entgleisenden Theaterprojekts auf die Spitze. Dennoch gerät ihr Film – auch dank dem großartigen Ensemble – nicht klamaukig. Allerdings macht es die ambitionierte Erzählstruktur „Holy Meat“ schwer, wirklich Fahrt aufzunehmen.

Durchgeknallte Performance-Szene

Dasselbe gilt für die Fülle der Themen. Neben sexuellem Missbrauch in der Kirche geht es um die Enge des Dorflebens, um Einsamkeit und Entfremdung. Auch die Verstiegenheiten der Performance-Szene nimmt Kuhn treffend auf die Schippe.

Filmstill aus "Holy Meat"
Auch Bischof Henning (Lars Brygmann) spielt eine etwas zweifelhafte Rolle. Matthias Reisser

Mit diesem Langfilmdebüt traut sich die 30-jährige Regisseurin etwas, formal und inhaltlich. Das muss man ihr hoch anrechnen. Kuhn bearbeitet ernste Themen mit schwarzem Humor und einem guten Gespür für ihre Figuren.

Erlösung bietet am Ende weder die Kirche noch die Kunst, sondern allein die Gemeinschaft und die Bereitschaft des Einzelnen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Trailer „Holy Meat“- Filmstart ist am 1. Januar 2026

Zeitwort 22.02.1990: Ein Gericht entscheidet für Oberammergauer Frauen

Das Urteil gewährte allen Frauen das Recht, bei den Passionsspielen in Oberammergau mitzuspielen und in das zuständige Organisationskomitee gewählt werden zu können.

Zeitwort SWR Kultur