Eine Passion als Fleischgemetzel
Darsteller in Sado-Maso-Outfits wälzen sich in Blut. Von der Decke schwebt der Heilige Geist mit Wurstkette um den Hals. Der Erlöser erscheint in Gestalt eines echten Schweins auf der Bühne. Und auch ein Gummipenis ist im Spiel.
Bei den Passionsspielen von „Holy Meat“ geht es ganz wörtlich um die Wurst, aber auch im übertragenen Sinne. Denn nur wenn dem theateraffinen Erzbischof die Aufführung gefällt, entgeht das schwäbische Winteringen der drohenden Eingemeindung.
Viel ist von der Provinz-Pfarrei ohnehin nicht übrig, wie der neue Priester aus Dänemark feststellen muss. Die Kirchentheatergruppe war sein Versuch, die Gemeinde wiederzubeleben. Das Geld für das Theaterspektakel hat der Pfarrer einer sterbenden Metzgereibesitzerin auf der Palliativstation abgeschwätzt.
Deren Tochter reagiert bei der Testamentseröffnung entsetzt. Ihre Mutter vererbe alles an die „scheiß Pfarrei“? Die Antwort spricht für sich: Familienverhältnisse seien ja oft „ein bisschen kompliziert“.
Metzgerstochter zwischen Pfarrer und Regisseur
Regisseurin und Drehbuchautorin Alison Kuhn erzählt „Holy Meat“ aus drei Perspektiven. Da ist die Metzgerstochter, die bereit ist, mit allen Mitteln um ihr Erbe zu kämpfen. Der Pfarrer schleppt ein erst spät gelüftetes, dunkles Geheimnis mit sich herum. Und der Regisseur ist nach einem Ableismus-Skandal in der Berliner Off-Szene ebenso verzweifelt auf einen Erfolg angewiesen.
In vielen Szenen treibt Kuhn die Absurdität des entgleisenden Theaterprojekts auf die Spitze. Dennoch gerät ihr Film – auch dank dem großartigen Ensemble – nicht klamaukig. Allerdings macht es die ambitionierte Erzählstruktur „Holy Meat“ schwer, wirklich Fahrt aufzunehmen.
Durchgeknallte Performance-Szene
Dasselbe gilt für die Fülle der Themen. Neben sexuellem Missbrauch in der Kirche geht es um die Enge des Dorflebens, um Einsamkeit und Entfremdung. Auch die Verstiegenheiten der Performance-Szene nimmt Kuhn treffend auf die Schippe.
Mit diesem Langfilmdebüt traut sich die 30-jährige Regisseurin etwas, formal und inhaltlich. Das muss man ihr hoch anrechnen. Kuhn bearbeitet ernste Themen mit schwarzem Humor und einem guten Gespür für ihre Figuren.
Erlösung bietet am Ende weder die Kirche noch die Kunst, sondern allein die Gemeinschaft und die Bereitschaft des Einzelnen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.
Trailer „Holy Meat“- Filmstart ist am 1. Januar 2026