Geschichtspanorama statt einfaches Inselporträt
Annekatrin Hendels Dokumentarfilm ist kein klassisches Inselporträt, sondern ein essayistisches Geschichtspanorama. Das siebzehn Kilometer lange Eiland Hiddensee westlich von Rügen erscheint als Sehnsuchtslandschaft, Rückzugsraum und Projektionsfläche.
Künstler und DDR-Punks suchten hier Abstand von der Welt. Unter den Besucherinnen und Besuchern: Thomas Mann, Masha Kaleko, Else Lasker-Schüler, Albert Einstein, Friedrich Wilhelm Murnau, Sigmund Freud, Billy Wilder und Erich Kästner. Doch diese Insel der Freiheit lag niemals außerhalb der deutschen Geschichte.
Wer einmal auf der Insel war, kommt nie mehr oder immer wieder, sagen alle. Um zu schauen, dass sich nichts verändert hat. Um zu schauen, dass das Verhältnis von Licht und Schatten, Gegenwart und Vergangenheit noch das gleiche ist.
Hiddensee fernab von Prospektkitsch
Kontrastreiches Schwarz-Weiß entzieht Hiddensee dem Ferienprospektkitsch. Die Insel erscheint als Gedächtnisraum.
Wie radikal diese Perspektive ist, zeigt bereits der Beginn. Während die Kamera die idyllische Landschaft erkundet, erinnert Hendel daran, dass der Ortsteil Vitte schon in den Zwanzigerjahren mit dem Prädikat „judenfrei“ warb. Hinter dem Mythos des Künstlerparadieses taucht die deutsche Wirklichkeit auf.
Künstlerische Anerkennung trotz Kollaboration: Gret Palucca und Gerhart Hauptmann
So begegnet man dem Stummfilmstar Asta Nielsen, dem Dichter Gerhart Hauptmann und Tanzlegende Gret Palucca, die alle zeitweise auf der Insel lebten. Ihre Biografien erzählen von Freiheit, aber auch von Anpassung, Privilegien und Verdrängung.
Gret Palucca hatte bereits in den 1920er-Jahren zeitweise in einer Künstlerkolonie auf Hiddensee gelebt. Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin trat sie mit einem Solopart bei der Eröffnungszeremonie auf. „Nach 1945 entsteht die Legende vom Auftrittsverbot, die Palucca zugleich Opferstatus und Aura verleiht“, erzählt Hendel in ihrem Film weiter. „Sie, die Verfolgte, wird nun vom neuen Arbeiter- und Bauernstaat als neues Symbol präsentiert.“
Besonders Hauptmann wird vom Denkmal zum widersprüchlichen Menschen: Der einstige literarische Rebell arrangierte sich mit den Nationalsozialisten und wurde nach dem Krieg dennoch staatstragend beigesetzt. Hendel interessiert sich für Grauzonen – manchmal allerdings so sehr, dass historische Präzision verloren geht.
Insel verschiedener Freiheitsbegriffe
Am stärksten ist der Film, wenn er Geschichte nicht erklärt, sondern sichtbar macht. Puppen des Hiddenseer Puppenspielers Karl Huck verwandeln historische Persönlichkeiten in Figuren, die zugleich lebendig und fremdgesteuert wirken.
Auch Hendels eigene Geschichte gehört dazu: Als Ostberliner Jugendliche entdeckte sie Hiddensee in den Achtzigerjahren als Freiraum. Die legendären Konzerte von Feeling B gehören zu dieser Erinnerung. Christian „Flake“ Lorenz, damals Keyboarder der Band, komponierte die Filmmusik.
Hiddensee wird so zur Insel verschiedener Freiheitsbegriffe. Gerade darin liegt Hendels politische Idee: Ein Sehnsuchtsort ist niemals unschuldig, jeder lädt ihn mit seinen Wünschen auf.
Hauptmann oder Ballermann?
Am Ende führt diese Idee in die Gegenwart. Ein Streit zwischen Bürgermeister und Pfarrer steht für den Kampf um die Zukunft der Insel: Bewahrung oder Modernisierung, kulturelles Erbe oder touristische Vermarktung. Zugespitzt lautet die Alternative: Hauptmann oder Ballermann.
Doch hier wird der Film schwächer. Er macht den Konflikt atmosphärisch verständlich, erklärt seine politischen Hintergründe aber nur unzureichend. Wer welche Interessen vertritt, bleibt Andeutung.
Sichtbare Widersprüche mit visueller und essayistischer Kraft
Das ist die Kehrseite von Hendels essayistischer Methode. Vieles wird klug verbunden, manches nur angerissen. Personen bleiben schemenhaft, Zeitsprünge können verwirren. Dennoch liegt in der Offenheit eine Qualität: Hendel kehrt an einen Ort ihrer Vergangenheit zurück und entdeckt dort nicht nur die alte Sehnsucht, sondern deren Widersprüche. Das macht den Film persönlich, ohne ihn in Nostalgie aufzulösen.
„Hiddensee“ erscheint auf diese Weise als deutsche Versuchsanordnung: Paradies und Provinz, Fluchtort und Schauplatz fallen zusammen. Man kann der Geschichte auch auf einer Insel nicht entkommen. Sie bleibt im Sand stecken, zwischen den Ritzen der Häuser, in den Biografien.
Annekatrin Hendels Film macht diesen Widerspruch sichtbar – gelegentlich etwas unnötig vage, oft aber mit visueller und essayistischer Kraft. Eine Liebeserklärung an die Insel ist der Film durchaus: Sein Verdienst besteht darin, dass er ihr zugleich den Status der Unschuld, des schlichten Paradieses verweigert.
„Hiddensee“ von Annekatrin Hendel, ab 20.08.2026 im Kino
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