Es ist keine Neuigkeit: Die Satire ist tot, und das schon eine ganze Weile. Seit Fakten und Wissenschaft, seit Wahrheit keinen nennenswerten Einfluss mehr auf unsere politische Realität verzeichnen können, ist die Übertreibung zum gängigen Ton geworden – besonders in den Vereinigten Staaten, in denen der Präsident, sein Kader und einige Milliardäre ihren Größenwahn so selbstverständlich zur Schau stellen, dass jede Groteske darüber nur verflachen kann.
Der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu hat sich dennoch dazu entschieden, eine Satire über dieses Land und seine Mächtigsten zu machen. Die Referenzen auf die Americana sind dabei nur allzu direkt: Der milliardenschwere Öl-Tycoon Digger Rockwell (wohl nach dem Maler des amerikanischen Realismus benannt) – erwacht in seiner mit ausgestopften Tieren und Krokodillederstiefeln vollgestopften Villa.
Er sieht sich gleich mit zwei Katastrophen konfrontiert: dem Dahinsiechen des einzigen Tieres, das er liebt, seiner Zuchtkatze. Und, dass einer der Wissenschaftler seiner Bohrinsel in Grönland ihm mitteilt, das Eis habe Risse, es sehe nicht gut aus. Er entschließt sich, beides nicht wahrhaben zu wollen.
Krisensitzung unter grotesken Männern
Es dauert natürlich nicht lange, bis die Katastrophe eintritt – und mit ihr eine Kettenreaktion von apokalyptischem Ausmaß. Eine Methan-Explosion bricht ein riesiges Eisschelf ab, das nun in rasender Geschwindigkeit auf Europa zusteuert.
In Aussicht stehen: ein Tsunami, eine zerstörte Küste, steigende Meeresspiegel, hunderttausende Tote. Iñárritu weiß natürlich: Die Aufmerksamkeit für solche Katastrophen im Film ist eine andere, wenn sie Norwegen treffen und nicht – wie in Wirklichkeit – die Philippinen oder Bangladesch.
Weil Rockwell aber der mächtigste Mann der Welt ist, kann er einen Generalstab und den Präsidenten selbst zur Krisensitzung einberufen. Die skurrilen Männer, die sich in dem aus Reagan-Zeiten anmutenden Saal einfinden, stehen Rockwell in Niederträchtigkeit natürlich in nichts nach. Der nette Wissenschaftler (er heißt bedeutungsvoll Ganesh, wie die indische Gottheit, die Hindernisse beseitigt), der sie beraten soll, wird ausgelacht, rassistisch verspottet und schließlich ignoriert.
Man entschließt sich für die erfolgsversprechendste Lösung: die Katastrophe geschehen lassen und dann das „Narrativ bestimmen“.
„Digger“, ab 1. Oktober 2026 im Kino
Tom Cruise spielt mit phänomenaler Präsenz
So grotesk, so realistisch. Wie Iñárritu diese überzeichneten Figuren in sein morbides Kammerspiel einsetzt, ist trotz der teils derben und flachen Witze mitunter sehr witzig anzusehen. Das liegt vor allem daran, dass Tom Cruise seiner Rolle als Digger Rockwell eine phänomenale Präsenz verleiht, die John Goodman als todkranker Präsident Compson (wie die Südstaatenfamilie in William Faulkners „Schall und Wahn”) und Riz Ahmed als gewissensgebeutelter Wissenschaftler zu rahmen wissen.
Dass der Präsident an „Krebs im Arsch“ leidet und darin eine Parallele zu der an einem Methanproblem leidenden Welt sieht, macht deutlich: Um humoristische Nuancen, die die reale Welt erfassen, geht es hier nicht. Doch wer Iñárritus Filme „The Revenant“ und „Birdman“ kennt, weiß: Dem Regisseur ist die Sache mit der kranken Natur durchaus wichtig. Und, dass Geschichten und ihre fiktiven Figuren sich selbst befragen dürfen.
In „Digger“ verwebt er nun beide Themen, indem er einen riesigen Baum vor Diggers Panoramafenster einbrechen lässt – und ein Requisitentechniker aus einer Luke steigt, um ihn wieder aufzustellen. Was wir sehen, ist eigentlich ein Theaterstück – der Spoiler sei hier verziehen, wird er doch schon in der ersten Szene mit dem Aufziehen eines Vorhangs vorweggenommen.
Selbstbefragung eines Satirespiels
Zu diesem Zeitpunkt in der Erzählung ist man als Zuschauer ohnehin dankbar für diese Öffnung zur Metaebene – denn bis dahin bewegt einen schon die Frage: Wie weit will man den Untergang noch überdrehen? Wohin will uns diese Geschichte führen? „Das ist eine Farce“, spiegelt einem der Schauspielerveteran, der Rockwell verkörpert.
Der Darsteller namens Curtis (verdächtig nah an Cruise) ist nämlich gar nicht begeistert von dieser Inszenierung. Immer wieder fragt er, mal leise, mal lauter, ob das denn sein muss mit diesen ganzen Übertreibungen – man werde der Ernsthaftigkeit der Lage doch gar nicht gerecht –, um dann im nächsten Moment wieder die Bühne zu besteigen.
„Mother Nature loves a winner“
Als sich Rockwell in einer eindringlichen Szene von Ganesh im Privatjet schimpfen lässt, wird ihm klar, dass er nur mit einem Mittel auf den selbstverschuldeten Schlamassel reagieren kann: mit der Wahrheit. In einem Auditorium voller Politiker poltert er einen Monolog vor, wie ihn niemand mehr seit „Magnolia“ für Tom Cruise geschrieben hat.
Rockwell spricht das aus, was alle wissen, aber niemand hören will: Ihr wollt doch, dass ich weiterbohre, ihr wollt, dass ich weiter produziere, ihr wollt doch weiter die Welt ausbeuten wie bisher. „I supply freedom“, resümiert er, er liefere nicht Öl, sondern Freiheit. Und: „Mother Nature loves a winner“ – der Öltycoon an der Spitze der Nahrungskette bezwingt die Natur.
Abkehr von der Eat-the-Rich-Groteske
Iñárritu hat gut zehn Jahre an diesem Film gearbeitet, und in dieser Zeit sind allzu zahlreiche Eat-the-Rich-Grotesken ins Kino gekommen. Als Satire-Stücke boten diese Filme nicht nur greifbare Sündenböcke für die von Klassenverhältnissen gebeutelte Welt, sondern damit auch eine aristotelische Katharsis: Nach dem Kino konnte man kopfschüttelnd über „die da oben“ lachen, die doch eigentlich Schuld an allem tragen.
Iñárritu nimmt in „Digger“ nun aber alle in Sippenhaft: Die desaströsen Folgen des Kapitalismus, wie er in den Vereinigten Staaten vorangetrieben wurde, sind zu allmächtig, zu abstrakt, zu groß, als dass Einzelne allein darüber verfügen.
Digger Rockwell ist somit nur ein abartiges Produkt der Fantasie vom ewigen Wachstum. Der Witz über ihn kann nur kurz geraten. Und so entspinnt Iñárritu Rockwells Schicksal so, dass es kein humoristisches Ventil mehr bieten wird.
Wie zynisch ist die Menschheit geworden?
Satire ist tot, ein Comic Relief kann es nicht geben – wohl aber die Atempausen, die „Digger“ im Dialog zwischen den Ebenen bietet. Die Ernsthaftigkeit des Schauspielers Curtis wird zur Läuterung des Satirespiels, das doch längst der Wirklichkeit abseits der Leinwand entspricht.
Seine Sichtweise konfrontiert die Zuschauer des Stücks und des Films mit derselben Frage: Wie zynisch ist die Menschheit als Beobachterin ihres eigenen Untergangs schon geworden? Wenn die Welt untergeht, was gibt es da noch zu lachen?