Das Theater kommt zum Publikum

Schwäbisch entspannt – der Opern Wagen bringt die „hohe“ Kultur zu den Menschen

Noch immer hat Oper mit dem Klischee „elitär“ und „schwer verständlich“ zu kämpfen. Um Berührungsängste zu nehmen, tourt „Opern Wagen“ mit der schwäbischen Schöpfungsgeschichte „Adam & Evas Erschaffung“ durch das Land.

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Von Autor/in Silke Arning

Die Geschichte von der Erschaffung des Menschen bis zur Vertreibung aus dem Paradies wird bei „Adam & Evas Erschaffung“ mal aus einer anderen Perspektive erzählt: Nämlich aus der, der schwäbischen Landbevölkerung.

Die komische Kammeroper im schwäbischen Dialekt wurde von Meingosus Gaelle, dem sogenannten „Meckenbeurer Mozart“, im 18. Jahrhundert komponiert. Das Stück geht zurück auf die „Schwäbische Schöpfung“ (1743) des Barockdichters Sebastian Sailer.

Gottvater als tollpatschiger Handwerker

Jetzt feierte das Stück als neue Open-Air-Produktion auf der mobilen Bühne der Opern Wagen in Weinsberg Premiere.

Bühnenbild
Mit einem kompakten Bühnenbild und einer Inszenierung von Martin Butler passt die gesamte Produktion in einen Anhänger, der von Dorf zu Dorf gezogen werden kann. Silke Arning

„Die schwäbische Schöpfung, die liegt mir schon seit Jahren am Herzen. Mein Musiklehrer hat mir als Teenager schon davon erzählt“, schwärmt der Harfenist und musikalische Leiter Maximilian Ehrhardt von dem Werk des Barockdichters Seiler.

Das Tolle, so Ehrhardt, sei die Sprache: Rebellisch, lustig, blasphemisch geht es zu. „Gottvater wird als tollpatschiger Handwerker dargestellt. Adam und Eva sind das streitende schwäbische Bauern-Paar, die Gottvater zur Weißglut treiben und dabei auch ganz schön schimpfen, nicht immer jugendfrei“ 

„Adam & Evas Erschaffung“
Der prächtige rote Paradiesapfel hat keine Überlebenschance. Eva schert sich wenig um Gottes Verbot, sie hat gleich kräftig zugelangt und macht Adam das leckere Stück auch schmackhaft. Pressestelle Kulturzentrale Süd

Zwangloses Kammeroper-Erlebnis

Schwäbisch deftig, bodenständig. Dem Publikum gefällt das. Rund 300 Menschen, alt und jung, haben sich an diesem Abend am alten Backhaus in Weinsberg eingefunden. Die einen nippen an ihrem Weinglas, andere knabbern an einer Brezel. Sogar ein paar Hühner laufen um die Bühne. Es geht entspannt zu und genau so soll sein. 

Bühne mit Publikum
Mitten in Weinsberg: Rund 300 Menschen, alt und jung, haben es sich auf Bierbänken und Gartenstühlen bequem gemacht. Silke Arning

Produzent Daniel Knapp von der Kulturzentrale Süd erklärt das Konzept hinter diesem Open-Air-Ereignis: „Opern Wagen, weil wir mit dem Anhänger durch die Lande ziehen und den Versuch wagen, Oper mit dem Volk und fürs Volk zu bringen.“

Musikalische Reise ins Schwaben der Klassik

Gleichzeitig sind hier Expertinnen am Werk. Unter anderem namhafte Darsteller*innen auf der Bühne, die in der alten Musik zuhause sind und den Stoff so vermitteln, dass es auch jeder und jedem gefallen kann, erklärt Produzent Knapp.

Sopranistin Verena Gropper (Eva) und der Tenor Robin Neck (Adam)
Sopranistin Verena Gropper (Eva) und der Tenor Robin Neck (Adam). Pressestelle Kulturzentrale Süd © Alte Musik am Bodensee e.V.

Vier Instrumentalist*innen des Ensembles Société Lunaire spielen mit Nachbauten originaler Instrumente des späten 18. Jahrhunderts. Mit Flöte, Harfe, Bratsche und Cello versetzen sie das Publikum klanglich ins Schwaben der Klassik.

Dass das Publikum möglicherweise Probleme mit dem Schwäbischen haben könnte, glaubt Regisseur Martin Butler eher nicht. Er selbst ist Brite: „Meine Schwiegerfamilie kommt vom Bodensee. Ich bin Deutscher geworden mit dem Brexit. Es ist ein altes Schwäbisch, aber sicher bekommt man ein Gefühl dafür, worum es geht.“

Menschen mit Instrumenten
Vier Instrumentalist*innen des Ensembles Société Lunaire präsentieren das Stück als atmosphärische Open-Air-Produktion. Mit Nachbauten originaler Instrumente des späten 18. Jahrhunderts. Silke Arning

Schwäbisch als Gesangssprache

Als Gesangssprache für eine Oper ist das Schwäbische vielleicht aber doch eine Herausforderung. Sopranistin Verena Gropper, die die Eva singt, meint aber, es singt sich recht gut. „Weil man ja immer so sagt, das hängt so im Hals das Schwäbische. Aber diese offenen Vokale, die kommen dem Singen gut zupass.“

Drei Menschen auf der Bühne
Alte Musik am Bodensee e.V. präsentiert eine neue Produktion der schwäbischen Oper „Adam & Evas Erschaffung“. Von links nach rechts: Gott (Ulrich Maier, Bass), Eva (Verena Gropper, Sopran) und Adam (Robin Neck, Tenor). Silke Arning

Oper einmal hautnah – und das sogar kostenlos. Eine breite Förderung macht es möglich. Der Opern Wagen hält, was er verspricht. Erstklassige Stimmen auf der Bühne und ein erstklassiges Ensemble, das auf seinen historischen Instrumenten die besondere Klangwelt des 18. Jahrhunderts in den Abendhimmel zaubert.

Der musikalische Leiter Maximilian Erhardt beobachtet: „So unterschiedlich sind wir nicht zu den Menschen aus dem 18.Jahrhundert.“ Die Geschichten und die Nöte, Ängste und Schwierigkeiten ähneln sich. „Adam und Eva wählen den eigenen Willen über das in Anführungszeichen perfekte Leben im Paradies“

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