“Es lohnt sich, hinzuschauen”

Die SWR-Recherche-Unit in Mainz hat Anfang Juni zehn Volontär:innen in einem dreiwöchigen Projekt betreut.

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Ziel war, den jungen Kolleg:innen investigative Recherche näher zu bringen und im besten Fall gute, journalistische Stories zu veröffentlichen. Am Ende ist beides gelungen. Die Intern-Redaktion hat mit Projektleiter Adrian Peter und einigen teilnehmenden Volos über das Projekt gesprochen.

Volos 2026

Wie kam es, dass in der Recherche-Unit zehn Volos drei Wochen mitgearbeitet haben? 

Luis Manzi, Volontär: Das muss die Ausbildung beantworten😊. Für uns stand das Projekt erst einmal einfach in unserem Ausbildungsplan, und wir haben es so angenommen, wie jede Aufgabe. Ungewöhnlich daran ist auf jeden Fall, als Team so intensiv zusammenzuarbeiten. Normalerweise verbringen wir unsere Zeit in den Heimatredaktionen im SWR verteilt oder während der Workshopphase in sehr kleinen Projektteams. 

 

Bei diesem Projekt wurden bereits im Vorfeld mit der Recherche-Unit Themenstränge erörtert und festgelegt. Wir waren im Grunde eine selbständige Volo-Redaktion für drei Wochen, die Themen gesetzt hat, Drehs geplant hat und sich immer wieder ausgetauscht hat, wie es mit der Recherche weitergehen könnte. Geholfen hat uns sicherlich die Erfahrung aus dem “Maimarkt-Projekt” in Mannheim, bei dem wir ähnlich eng zusammengearbeitet haben. 

Adrian Peter
Adrian Peter Malino Schust

Was sagst Du, Adrian, wie kam das Projekt zustande?

Adrian Peter, Redaktionsltg. Recherche-Unit: Als die Journalistische Ausbildung Ende 2025 mit dem Vorschlag ein weiteres Voloprojekt in meiner Redaktion zu machen, auf mich zukam, habe ich sofort zugesagt. Denn ein vorangegangenes Volo-Projekt hat super geklappt und wir hatten viel Spaß - damals waren es vier Teilnehmer. Als es dann hieß, diesmal werden es zehn! Volos, da habe ich doch erst mal geschluckt. Das übersteigt die Zahl der Redaktionsmitglieder in unserer Unit.

Es war klar, dass das nur gehen kann, wenn sich auch mein Team voll auf das Projekt einlässt. Denn zehn wissenshungrige Volos drei Wochen lang adäquat zu betreuen, das muss extrem gut vorbereitet werden. Eric Beres, Florian Barth, Kai Laufen haben sich zum Glück bereit erklärt, das in die Hand zu nehmen. Später stieß noch Ahmet Senyurt dazu, als seine Expertise zu einem Thema gebraucht wurde.  


Neben der Logistik, die die Aus- und Fortbildung auf die Beine gestellt hat, war für uns die große Herausforderung: Welche Themen wollen wir angehen? Schwieriger als gedacht: Alle sollten in den drei Wochen beschäftigt sein. Es mussten Themen sein, bei denen sie investigatives Handwerkszeug anwenden können, gleichzeitig sollten es Recherche-Themen sein, die sich innerhalb von drei Wochen - für ein investigatives Thema dann wiederum eine kurze Zeitspanne - in journalistische Produkte umsetzen lassen. Und natürlich hatten die Volos auch ein Wörtchen mitzureden! 

 

Die Ergebnisse mussten innerhalb des SWR natürlich auch an interessierte Redaktionen “verkauft” und am Ende umgesetzt werden. Hier ging es um Skills wie Dreh- und Schnittplanung, Konzeption von Stücken für alle Ausspielwege und - wichtig - juristische Abnahmen. Eine weitere Aufgabe, die es zu lösen galt war, allen zehn Teilnehmenden gerecht zu werden, Recherchen und Drehs sinnvoll zu verteilen. In der dritten Projektwoche ging es bei der Umsetzung richtig zur Sache. Die Volos haben dabei Außergewöhnliches geleistet! Teilweise bis spät in den Abend gedreht und produziert.  

 

Klingt nach reichlich zusätzlicher Arbeit - wie profitiert die Redaktion davon? Und wieso ist es die Mühe für den Nachwuchs wert?

Adrian Peter: Die Recherche-Unit arbeitet schon von Beginn an sehr gerne mit Volos und “DjQlern”. Sie bringen neue Perspektiven und oft tolle Ideen ein und sind immer eine Bereicherung für die Arbeit der Unit. Das wichtigste Learning für mich ist: Ja, es geht, aber eine Woche mehr Zeit, hätte dem Projekt schon gutgetan. Gerade gegen Ende, als es auf die Ausspielungen zulief, war es schon extrem sportlich für alle Beteiligten. Dass gerade dann auch noch der Höhepunkt der Hitzewelle war, machte es nicht leichter.  

Wir haben die Recherche-Unit immer schon als einen Multiplikator für journalistisches und investigatives Knowhow verstanden: Aus meiner Sicht kann es im SWR gar nicht genug Journalist:innen geben, die das beherrschen. Insofern finde ich es großartig, dass jetzt zehn junge Menschen hoffentlich viel bei uns gelernt haben und dieses Wissen auch in ihre weiteren Stationen und ihre Zukunft mitnehmen. Denn das, was man bei der Investigation lernt, sind Grundlagen, die meiner Meinung nach für jede Form von Journalismus hilfreich sind.  

Eric Beres Autor
Eric Beres Malino Schust

Eric, welche Themen sind es denn letztendlich geworden und warum?

Eric Beres, Team Recherche-Unit: Am Ende haben wir uns für zwei Themen “Horror im Referendariat" und “Archäologie-Raub” entschieden, die sehr unterschiedliche Herausforderungen mit sich brachten.

Das Thema “Horror im Ref” z. B. ist ja nicht ganz neu, aber hier hatten wir den Ehrgeiz, dem Phänomen tiefer auf den Grund zu gehen und auch Menschen zu finden, die bereit sind, darüber möglichst offen zu sprechen. Beim Thema “Archäologie-Raub” war die Recherche zunächst offener. Hier galt es, Schneisen in ein Dickicht möglicher Recherchepfade zu schlagen: Bei welcher Story lohnt es sich, diese weiterzuverfolgen?  

Die Projektergebnisse wurden auf unterschiedlichen Kanälen ausgespielt - u. a. auf SWR.de: 

Auf Instagram:

Auf TikTok:

Luis, Ben, Edina - stellvertretend für alle zehn Teilnehmenden: Was war an diesem Volo-Projekt besonders? 

Dreh im Klassenraum

Luis Manzi, Volontär: Besonders und neu war, dass wir im Grunde nicht wussten - und teilweise noch immer nicht wissen -, wo uns die Spur und die Recherche hinführen. Es ist und war in unserem Fall ein ergebnisoffenes Projekt, und das hat es so spannend gemacht. Die Möglichkeit, so tief in die Recherche zu gehen und auch so viel Zeit zu haben, ohne ein bestimmtes Produkt am Ende umsetzen zu müssen, ist schon eine einzigartige Erfahrung und unterscheidet sich in jeglicher Hinsicht von allem, was wir sonst im Volo gemacht haben und noch machen werden. Dass wir am Ende dennoch zwei Fernsehstücke, etwas für den Hörfunk und für Online liefern konnten, war dann eine schöne Belohnung für unsere intensive (Recherche)Arbeit. 

 

Dreh auf einem Grillplatz

Ben Schittler, Volontär: Der Hauptunterschied zu anderen Volo-Projekten: Drei Wochen Zeit für eine Recherche, die auch mal tiefer geht. Da das Volo sich insgesamt mehr auf aktuelle Berichterstattung fokussiert, war das Besondere am Projekt mit der Unit, dass wir selbst ein Thema gesetzt, von Grund auf recherchiert und umgesetzt haben. Nicht nur über etwas berichtet haben, was tagesaktuell passiert. 

 

Dreh mit Protagonist

Edina Schmitt, Volontärin: Obwohl es eigentlich "nur“ ein Projekt war, haben wir uns ziemlich schnell wie echte Mitglieder der Redaktion gefühlt und wurden auch genauso behandelt. Das war schon etwas Besonderes. Ich glaube, wir zehn haben den Redaktionsalltag dieser eher kleinen Unit zeitweise ganz schön aufgemischt. Gleichzeitig konnten wir aber richtig mitarbeiten, Verantwortung übernehmen und hatten das Gefühl, wirklich Teil des Teams zu sein. 

Was habt ihr gelernt, welche Erfahrung gemacht, welche Erkenntnisse gewonnen? 

Ben Schittler: Wir können als Journalistinnen und Journalisten Menschen eine Stimme geben und können durch unsere Themensetzung auf Probleme in der Gesellschaft hinweisen. Wir haben innerhalb der Recherche zum Thema Referendariat ganz oft den Satz gehört: “So wichtig, dass der SWR sich dem Thema annimmt“, ”Toll, dass ihr darüber berichtet“. Und gleichzeitig machen wir uns aber auch mit niemandem gemein. Wir haben gelernt, wie wichtig eine ausgewogene Berichterstattung ist - alle Seiten müssen einbezogen werden. All unsere Quellen müssen wir kritisch hinterfragen und überlegen, welche Interessen sie verfolgen könnten.   

 

Edina Schmitt: Über mehrere Wochen an einer Recherche dranzubleiben, viele Gespräche zu führen und die Ergebnisse dann für ganz unterschiedliche Ausspielwege aufzubereiten, ist zwar manchmal anstrengend, macht aber vor allem richtig Spaß. Mir hat das nochmal gezeigt, wie spannend investigative Recherche sein kann. Mein Learning ist also ganz klar: das wird (hoffentlich) nicht mein letztes Investigativ-Projekt gewesen sein.

Dreh mit Protagonist

 

Luis Manzi: Dranbleiben lohnt sich! Immer wenn wir das Gefühl hatten, die Recherche führt uns gerade nicht weiter, hat es sich bewährt, noch einmal an anderer Stelle nachzuhaken. So haben sich immer wieder neue Dinge ergeben. Wir mussten häufig aus unserer Komfort Zone, haben Hintergrundgespräche geführt zu Themen, die uns teilweise überhaupt nicht klar waren, und unzählige Telefonate mit null Vorwissen geführt, da wir genau in diesen Gesprächen erst zu unseren Informationen kamen. Gerade unser Skillset in den Punkten Recherche und Zusammenarbeit hat sich in dieser Zeit erweitert. 

Was nehmt ihr aus dem Projekt für eure redaktionelle Arbeit mit, worauf könnt zukünftig bauen? 

Edina Schmitt: Ich nehme vor allem mit, dass es sich lohnt, dranzubleiben. Manchmal hat man das Gefühl, eine Recherche führt in eine Sackgasse und dann ergibt sich plötzlich doch noch ein neuer Ansatz oder der entscheidende Hinweis. Diese Erfahrung gibt auf jeden Fall Selbstvertrauen für zukünftige Recherchen.

 

Ben Schittler: Auslöser für das Thema “Referendariat” war ein Gefühl, das unsere Gruppe hatte. Einige hörten im Bekanntenkreis öfter von Leuten, die sich darüber beklagten. Und dieses Gefühl wurde bei der Recherche und der Umfrage bestätigt. Gelernt: Es lohnt sich, solchen Gefühlen oder Eindrücken nachzugehen, tiefer einzusteigen und zu recherchieren. Auch hinter tagesaktuellen Geschehnissen können größere Themen stecken, bei denen es sich lohnt, hinzuschauen. 
 

Neben den größeren Dingen waren es aber auch oft kleine Einblicke: Wie formuliert die Recherche-Unit ihre Anfragen/Konfrontationen bspw. an zuständige Ministerien. Wie sichere ich mich als Reporter ab, keine Fehler zu machen oder Trugschlüssen zu erliegen? Es war sehr lehrreich, für drei Wochen in die Redaktion einzutauchen. Genau dafür machen wir alle das Volo: Zu sehen, wie andere Redaktionen und Journalist:innen im SWR arbeiten.   

 

Luis Manzi: Rausgehen lohnt sich. Man kann sich den schönsten Beitrag im Büro ausdenken, es kommt alles anders, wenn man vor Ort ist. Einfach mal hinzufahren, ohne zu wissen, was dabei rumkommt, ist einer Redaktionsleitung manchmal schwer zu verkaufen - es hilft aber!   

Gibt es etwas, was ihr dem Team der Rechercheunit unbedingt noch sagen wollt? 

Luis Manzi: Ihr seid schon irgendwie ein besonderer Haufen - auf eine sehr gute Art! Ihr habt uns von Anfang an auf Augenhöhe behandelt und jeden erdenklichen Freiraum gegeben. Den mussten wir dann natürlich auch ausfüllen. Wie ihr immer betont habt: In so einer Recherche gehört es auch mal dazu, ein bisschen verloren zu sein. 

 

Ben Schittler: Man hätte uns nicht herzlicher und mit offeneren Armen empfangen können. Wir durften ganz viel probieren und ihr habt uns machen lassen - genau an den richtigen Stellen habt ihr euch eingehakt und uns Sachen gezeigt oder eure Ideen eingeworfen. Für alle von uns waren das anstrengende und intensive Wochen, aber vor allem eine ganz tolle, schöne und lehrreiche Zeit. Einen ganz großen Dank an das Team der Recherche-Unit!

Edina Schmitt: Vor allem einfach: Danke! Danke für die Unterstützung, die vielen Gespräche, eure Offenheit und dafür, dass ihr euch so viel Zeit für uns genommen habt. Es war wirklich eine tolle Erfahrung, mit euch zusammenzuarbeiten und von so erfahrenen Journalistinnen und Journalisten lernen zu dürfen! Vielen lieben Dank!   

Danke
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Autor/in
SWR