Kinder und Jugendliche, die nicht mehr in die Schule wollen - das ist nicht einfach "null Bock auf Schule". Wenn morgens der Wecker klingelt und das Kind es nicht oder nur schwer schafft, aus dem Bett zu steigen, wenn gutes Zureden der Eltern nicht hilft, um in den Schulalltag zu starten, kann das viele Ursachen haben.
Schulabsentismus: psychische Not statt Faulheit
Weshalb Kinder und Jugendliche nicht zur Schule gehen, ist sehr vielschichtig. Jeder Fall erzählt eine eigene Geschichte. Nach Angaben des Pädagogischen Landesinstituts hängen Schulvermeidung und psychische Belastungen zusammen. An einer berufsbildenden Schule im nördlichen Rheinland-Pfalz berichtete eine Lehrerin dem SWR, die betroffenen Jugendlichen hätten zum Beispiel Schwierigkeiten, vor einer Gruppe zu sprechen, Mobbingerfahrung oder große Angst vor Klausuren.
So können im Laufe des Schuljahres viele Fehltage zusammenkommen. Seit Corona hat das zugenommen, darauf deuten SWR-Anfragen an verschiedenen Schulen im Land hin. Es gibt immer mehr Kinder, die nicht in die Schule wollen - aufgrund psychischer Schwierigkeiten wie Ängsten, Depressionen, Traumata, egal, welche Schulform besucht wird. Häufiger betroffen sind nach Information mehrerer Kreisverwaltungen in Rheinland-Pfalz allerdings weiterbildende Schulen wie Realschule Plus und Berufsbildende Schulen.
Lehrkräfte haben oft zu wenig Zeit für Beziehungsarbeit
Zur Schulvermeidung würde eine Summe aus vielen Faktoren führen, sagt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Rheinland-Pfalz (GEW). Die GEW kritisiert in dem Zusammenhang die Personalsituation an vielen Schulen. Die Lehrerinnen und Lehrer könnten es oft zeitlich nicht leisten, in Beziehungsarbeit mit den Schülerinnen und Schülern zu gehen, so Christiane Herz, eine der Vorsitzenden der GEW Rheinland-Pfalz.
Die Lehrkräfte hätten kaum Gelegenheit auf Themen wie Mobbing und Leistungsdruck einzugehen. Dabei hätten sich aber die weltpolitische Lage, die Gesellschaft und die Familien geändert - und damit auch die Anforderungen an Schulen. Um auf diese Anforderungen an Schulen besser eingehen zu können, fordert die GEW mehr Schulsozialarbeit mit multiprofessionellen Teams an den Schulen: mit Pädagogen, Psychologen und Therapeuten.
Zahlen zu Schulabsentismus werden in RLP nicht erfasst
Wie viele Kinder oder Jugendliche tatsächlich dem Unterricht fernbleiben, kann in Rheinland-Pfalz niemand sagen. Die Zahlen werden nicht zentral erfasst. Im Mainzer Bildungsministerium hieß es dazu auf Anfrage: Die Zahlen seien nicht erhebbar, weil die Fälle so unterschiedlich gelagert seien. SWR-Stichproben bei Behörden, Verwaltungen und Schulen zeigen aber, dass Schulverweigerer und -verweigerinnen durchaus ein Problem sind.
Schulpflicht in der Krise
Das Ordnungsamt der Stadt Koblenz hatte beispielsweise im Jahr 2025 insgesamt 147 Anträge für sogenannte "Schulzuführungen". Das heißt, die Schülerinnen und Schüler werden vom Ordnungsamt zur Schule gebracht. In 133 Fällen wurde nach Angaben der Stadt auch ein Bußgeld erhoben. Koblenz ist dabei nicht alleine. Andere Verwaltungen im Land lieferten ähnliche Zahlen.
Wie Eltern ihren Kindern helfen können
Auch der Psychiater Dr. Frank Herrmann, Chefarzt der Kinder und Jugendpsychiatrie im Klinikum Mutterhaus in Trier beobachtet, dass die Problematik deutlich zugenommen hat. Im Klinikum Mutterhaus werden Kinder behandelt, die unter Schulangst leiden. Herrmann meint, Eltern sollten ihren Kindern eine feste Tagesstruktur geben. Das sei wichtig. "Struktur ist einfach das A und O", sagt Herrmann. "Wir haben tatsächlich auch ganz viele Kinder, die, nachdem sie eine zeitlang bei uns sind, nicht mehr von uns weg wollen. Es gibt eine feste Struktur, aber es ist vor allem immer ein Ansprechpartner da, hauptsächlich unser Pflege- und Erziehungsdienst."
Interview mit einem Kinder- und Jugendpsychiater Wenn Kinder nicht zur Schule wollen - Wie die Psychiatrie hilft
Dr. Frank Herrmann ist Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Klinikum Mutterhaus Trier. Er und sein Team helfen Kindern, die nicht mehr zur Schule gehen wollen.
Niedrigschwellige, aber intensive Hilfen bei Schulvermeidung
Vereinzelt gibt es für diese Kinder und Jugendliche Hilfsprojekte im Land, wie das Projekt "Reintegration in die Zukunft" (RidZ) in Trier. Das RidZ hat mehrere Räume im Mehrgenerationenhaus in Trier. Das Team des RidZ besteht aus pädagogischen und psychologischen Fachkräften sowie aus Erzieherinnen. Der Pädagoge Bernhard Laux berichtet, manchmal säßen die Fachleute des Projekts einfach nur vor der Tür eines Kinderzimmers und versuchten, mit Geduld und im Gespräch ein Kind dazu zu bewegen, das Zimmer zu verlassen und mitzukommen.
Manche Kinder und Jugendlichen säßen anfangs einfach nur weinend da, so Bernhard Laux. Die Betroffenen könnten es nicht ertragen, mit jemand anderem in einem Raum zu sein. Das RidZ will ihnen Wege zeigen, wie sie wieder zur Schule gehen können.
So hilft das RidZ den betroffenen Kindern und Jugendlichen
Vormittags gibt es eine Struktur, die dem Unterricht an Schulen möglichst nah kommen soll. Mit den Kindern wird Schulstoff durchgegangen, den sie während der langen Fehlzeit verpasst haben. Allerdings gibt es im RidZ mehr und längere Pausen als in der Schule. Mit den Kindern werde auch getestet, ob der Widerstand gegen die Schule geringer geworden sei, erzählt Laux.
Der Pädagoge arbeitet seit 2001 im RidZ. In dieser Zeit hat sich viel verändert, sagt er. Früher hat er mit ein paar aggressiven Jungs auf dem Bolzplatz gekickt. Jetzt gebe es wesentlich mehr betroffene Kinder und Jugendliche, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr in die Schule gehen wollten oder könnten. Inzwischen werden in dem Projekt auch mehr Mädchen betreut als früher.
Schulangst - Weitere Hilfsangebote für Kinder und Jugendliche
Ähnliche Hilfen wie in Trier gibt es in Koblenz (Return), Mainz (SAM), Wittlich (RidZ) und Kirchberg (Spurlos) im Hunsrück. Aber es gibt in Rheinland-Pfalz keine flächendeckenden Angebote zur Wiedereingliederung. Das bemängelt auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Ein weiteres niedrigschwelliges Angebot hat der Kreis Germersheim. Hier unterstützen Schulwegbegleiter Kinder und Jugendliche, damit sie auch wirklich bei der Schule ankommen.