Thessa Gebhardt aus dem Vorstand vom Fachverband FUSS e.V. wohnt selbst in Mainz und kennt sich bestens aus in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt.
Im Rahmen des 5. Deutschen Fußverkehrskongresses, der in der Mainzer Rheingoldhalle stattfindet, treffen wir uns am Rheinufer am Schlosstor gegenüber vom Kurfürstlichen Schloss. Hier finden wir gleich ein erstes Negativbeispiel für eine Stelle, an der Fußgängerinnen und Fußgänger das Nachsehen haben.
Fußverkehrskongress in Mainz Zukunftsforscher: So werden Städte für Fußgänger attraktiver und sicherer
Wie sieht die Stadt der Zukunft aus und welche Rolle spielen darin Fußgängerinnen und Fußgänger? Trägt autonomes Fahren irgendwann zu mehr Sicherheit bei? Darüber hat SWR Aktuell mit dem Berliner Zukunftsforscher Stefan Carsten gesprochen.
Keine grüne Welle für den Fußverkehr am Kurfürstlichen Schloss
"Hier gibt es drei Ampeln an dem Fußgängerüberweg, die nicht in einem Rutsch grün werden, sondern immer wieder nacheinander rot sind, sodass man lange warten muss", erklärt Gebhardt.
Und in der Tat: während der wenigen Minuten, die wir am Straßenrand stehen, sind immer nur maximal zwei der drei Fußgänger-Ampeln grün. Die Menschen müssen zum Teil auf den Mittelinseln warten, bis sie weitergehen können.
Das sei ein gutes Beispiel für eine Ampelschaltung, bei der der Autoverkehr klar priorisiert werde. "Nach dem Autoverkehr wird eben häufig noch geplant in den Städten", so Gebhardt.
Umwege für Fußgängerinnen und Fußgänger über drei Ampeln
Eine weitere Stelle, die das auf ähnliche Weise illustriert, finden wir wenige hundert Meter weiter Richtung Rheingoldhalle. Dort an der Kreuzung der Rheinstraße mit der Quintinsstraße gibt es zwar Fußgängerampeln, die in einem Rutsch grün werden.
Allerdings nicht in alle Richtungen. "An drei Ecken der Kreuzung gibt es Ampeln, aber wenn man an der vierten Ecke steht, muss er oder sie erstmal über drei Ampeln gehen, um an die gegenüberliegende Straßenseite zu kommen."
Genug Platz für den Fußverkehr an der Rheinuferpromenade
Während wir am Rheinufer entlang zur nächsten Beispielstelle laufen, merkt Thessa Gebhardt an, dass die Rheinuferpromenade hingegen ein gutes Beispiel für den Fußverkehr in Mainz sei.
"Hier haben alle genug Platz, das ist super", freut sich die Expertin für nachhaltige Mobilität. "Der Fußverkehr und der Radverkehr können im Normalfall gut einander ausweichen, da entstehen meiner Erfahrung nach nur wenig Konflikte."
Alicenbrücke zu eng für Fußverkehr und Radverkehr
Anders sehe das zum Beispiel auf der Alicenbrücke am Mainzer Hauptbahnhof aus. Hier sei die Fläche, die sich der Fußverkehr und der Radverkehr teilen, insgesamt zu klein. "So entstehen häufig gefährliche Situationen", kritisiert Gebhardt.
Eine Lösung könnte es in diesem Fall sein, eine der Fahrspuren des motorisierten Verkehrs für Radfahrer zu reservieren, damit diese nicht mehr direkt neben dem Gehweg entlangfahren müssten. "Der Radverkehr gehört ja zum fließenden Verkehr und sollte sich eigentlich nicht den Raum teilen mit dem Fußverkehr", findet die Expertin vom Fachverband FUSS.
"Klar würde das wahrscheinlich erstmal zu mehr Stau für den Autoverkehr führen", räumt sie ein, "aber wir müssen ja Ziele haben. Wir müssen die aktive Mobilität fördern und attraktiver machen, damit die Leute sich eben gerne und einfacher aktiv fortbewegen und dadurch auch das Auto stehen lassen."
Mainzer Bahnhofsvorplatz vorteilhaft für Fußverkehr
Von der Alicenbrücke geht es runter zum Bahnhofsvorplatz. Der sei wiederum vorteilhaft für Fußgängerinnen und Fußgänger gestaltet, sagt Thessa Gebhardt. "Wenn man aus dem Hauptbahnhof rauskommt, hat man genug Platz, um sich erstmal zu orientieren. Und hier gibt es keinen Autoverkehr", lobt sie.
Das sei zum Beispiel am Wiesbadener Hauptbahnhof anders. Dort laufe man aus dem Hauptbahnhof direkt auf eine mehrspurige Straße zu. Außerdem seien in Mainz die Fahrspuren für den öffentlichen Nahverkehr erstmal weit genug weg vom Bahnhofsausgang.
Zu wenige Ampeln für Fußgänger an der Kaiserstraße
Auf dem Weg zurück zum Rheinufer laufen wir über die Kaiserstraße. Hier zeigt uns Gebhard ein letztes Beispiel, das ihrer Meinung nach verbesserungswürdig wäre: "Zum Grünstreifen zwischen der Kaiserstraße gibt es insgesamt zu wenige Fußgängerüberwege."
Dazu zeigt sie eine Stelle an der Ecke zur Leibnizstraße in der Mainzer Neustadt. "Hier ist auf dem Grünstreifen eine Öffnung zwischen den Büschen, die dazu einlädt, zu Fuß über die Kaiserstraße zu gehen. Dabei gibt es hier gar keinen Fußgängerüberweg. Das ist gefährlich", mahnt die Expertin.
Das sei auch Paradebeispiel für Hauptverkehrsachsen des Autoverkehrs. "Da sind in der Regel wenig Übergänge für den Fußverkehr, sodass man manchmal große Umwege gehen muss."
Parkende Fahrzeuge ein Problem in Mainz
Abgesehen vom fahrenden Verkehr sei in Mainz wie in vielen anderen Städten auch vor allem der parkende Verkehr ein Problem für Fußgänger, ergänzt Thessa Gebhardt. "Teilweise wird bis an die Kurven geparkt und dadurch die Sicht auf die Straße behindert. Das ist vor allem für Kinder oder ältere Menschen ein Problem."
Fachverband lobt Stadt Mainz für eigene Fußverkehrsbeauftragte
Dass sich nicht alle Probleme für den Fußverkehr so einfach lösen lassen, das sei natürlich auch klar. Es gehe dem Fachverband FUSS darum, die Situation für Zufußgehende zu verbessern und daran würden sie weiter arbeiten, so Gebhardt.
Und bei aller Kritik: Positiv sei auf jeden Fall, dass sich vielerorts für den Fußverkehr allmählich etwas tue und dieser zunehmend mitgedacht werde, auch in Mainz. Dass die Stadt seit 2024 eine eigene Beauftragte für Fußverkehrsangelegenheiten habe, sei super, lobt Gebhardt. Das sei ein Schritt in die richtige Richtung.