Offener Brief an die Politik

Verspätungen und Streckensperrungen bei der Bahn: Firmen senden Hilferuf

Große Unternehmen im Rems-Murr-Kreis befürchten massive Standortprobleme wegen anhaltender Probleme im Schienenverkehr. In einem offenen Brief fordern sie Hilfe von der Politik.

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Von Autor/in Werner Trefz

Die Proteste gegen die Situation des Bahnverkehrs im Rems-Murr-Kreis werden immer mehr. Neun große Arbeitgeber sehen ständige Verspätungen, Streckensperrungen, Schienenersatzverkehr und ausgedünnte Fahrpläne als Gefahr für den Wirtschaftsstandort Rems-Murr. Sie haben deshalb jetzt einen Brief an das Landesverkehrsministerium und den Verband Region Stuttgart geschickt. Die Politik soll helfen.

Offener Brief von Unternehmen und Institutionen aus dem Rems-Murr-Kreis

Formuliert hat den Brief Andreas Maurer, Vorstand der Paulinenpflege in Winnenden (Rems-Murr-Kreis), einer diakonischen Einrichtung der Jugend- und Behindertenhilfe. Unterschrieben haben auch die Chefs von Kärcher, Stihl, Wilhelm Schetter GmbH, Kreissparkasse Waiblingen, Rems-Murr-Kliniken, Diakonie Stetten, Kreisdiakonieverband und Landrat Richard Sigel. Das Fass zum Überlaufen brachte für Maurer letztlich die Kündigung einer langjährigen Mitarbeiterin.

"Wir verlieren aufgrund der wiederholten mehrwöchigen Streckensperrungen, der immer wieder reduzierten Taktung und der ständigen Verspätungen Mitarbeitende, die diese Belastung als Pendler nicht mehr tragen können und wollen", schreibt Maurer deshalb in dem offenen Brief. Neue Mitarbeitende aus dem Stuttgarter Umfeld würden sich "genau überlegen: Will ich mir das antun, jeden Tag in eine Richtung zu pendeln, wo der Nahverkehr nicht funktioniert?"

Das ist natürlich ein entscheidender Nachteil für uns bei der Mitarbeitergewinnung.

Pendlerin verlässt Paulinenpflege wegen Bahnverkehr

Eine Paulinenpflege-Mitarbeiterin, die sich demnächst die Pendelei sparen wird, ist Svenja Braunmüller. Seit 13 Jahren pendelt sie mit der Bahn zwischen Stuttgart Bad-Cannstatt und der Paulinenpflege in Winnenden (Rems-Murr-Kreis). Und ärgert sich über defekte Züge, Störungen an der Strecke und verspätete S-Bahnen. "Manchmal kommt's auch wie aus heiterem Himmel, dass ich morgens, bevor ich los fahre, meine Verbindungen raussuche. Und in den zehn Minuten Busweg zum Bahnhof verschwindet die Verbindung - gibt's plötzlich nicht mehr."

Svenja Braunmüller pendelt seit 13 Jahren mit der Bahn zwischen Stuttgart Bad-Cannstatt und ihrem Arbeitsplatz, der Paulinenpflege in Winnenden (Rems-Murr-Kreis).
Svenja Braunmüller pendelt seit 13 Jahren mit der Bahn zwischen Stuttgart Bad-Cannstatt und ihrem Arbeitsplatz, der Paulinenpflege in Winnenden (Rems-Murr-Kreis). Damit ist bald Schluss.

Gehörlose Fahrgäste besonders von Störungen betroffen

Bei ihrer Arbeit im sozialpädagogischen Fachdienst der Paulinenpflege bekommt Svenja Braunmüller immer wieder mit, welche Probleme beispielsweise gehörlose Auszubildende und Ausbilder haben. Zum Beispiel bei Änderungen vom normalen Bahn-Ablauf, über die per Lautsprecherdurchsagen informiert wird. "Dann sieht man, wie viele Leute ganz plötzlich das Gleis wechseln. Und als taube Person steht man dann da und bekommt es nicht mit", beklagt David Sturm, ein gehörloser Ausbilder bei der Paulinenpflege.

Wechsel nach Stuttgart auch wegen täglicher Pendelbelastung

Svenja Braunmüller wechselt Mitte September zu einer großen sozialen Einrichtung an ihrem Wohnort Stuttgart. Einerseits, weil sie sich nach 13 Jahren in derselben Einrichtung beruflich weiterentwickeln wird. Andererseits aber auch deshalb, weil sie nicht mehr hinnehmen will, "dass ich eigentlich morgens eineinhalb Stunden, bevor ich mit der Arbeit anfangen müsste, das Haus verlasse, damit ich wirklich pünktlich da bin."

Unternehmen fordern verlässliche Schienenanbindung

"Die Leistungsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Rems-Murr-Kreis hängt wesentlich von einer verlässlichen Schienenanbindung an die Stadt und die Region Stuttgart ab", heißt es in dem offenen Brief aus dem Rems-Murr-Kreis. Genau diese Verlässlichkeit sei derzeit nicht mehr gegeben. Die Firmenchefs und Vorstände bitten deshalb das Verkehrsministerium und den Verband Region Stuttgart, sich dafür einsetzen, dass beim Schienenverkehr "die nötigen Maßnahmen so durchgeführt werden, dass der tägliche Berufsverkehr möglichst wenig beeinträchtigt wird."

Die Paulinenpflege und andere große Unternehmen aus dem Rems-Murr-Kreis haben wegen anhaltender S-Bahn-Störungen einen offenen Brief an die Politik verfasst.
Die Paulinenpflege und andere große Unternehmen aus dem Rems-Murr-Kreis haben wegen anhaltender S-Bahn-Störungen einen offenen Brief an die Politik verfasst.

Verkehrsministerium und Verband Region Stuttgart reagieren

Das Verkehrsministerium verweist in einer Antwort auf eine Anfrage des SWR darauf, dass Bahnchefin Palla angekündigt habe, dass es Erleichterungen für die Fahrgäste geben müsse. Und verspricht: "Die Landesregierung wird Frau Palla hier beim Wort nehmen und Verbesserung einfordern." Rainer Wieland vom Verband Region Stuttgart plädiert dafür, die sogenannten Sperrpausen besser zu organisieren. "Dass sie so effizient wie möglich gemacht werden. Dass man das lieber ein bisschen länger plant. Und dann aber so viel wie möglich in eine so kurz wie mögliche Sperrpause einbaut."

Appell für zuverlässigen Bahnverkehr im Rems-Murr-Kreis

Vor einiger Zeit hatten bereits mehrere Landräte sowie CDU-Bundestags- und Landtagsabgeordnete die Bahnprobleme im Rems-Murr-Kreis thematisiert. Jetzt kommt noch der Brief der neun Unternehmen und Institutionen aus dem Kreis dazu. Und der endet mit einem deutlichen Appell: "Die Schienenanbindung in den Rems-Murr-Kreis muss verlässlich bleiben - für Unternehmen, für Beschäftigte und für Menschen, die auf eine planbare Mobilität besonders angewiesen sind."

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