Eine Ära geht zu Ende

Großes Herz, rustikale Art: Schwester Margret verlässt Stuttgarter Obdachlosenhilfe

Die Nonne ist in der Stadt eine Institution, Obdachlose zählen auf sie. Bald geht sie zurück ins Kloster und verlässt Stuttgart deshalb. Doch es ist kein harmonisches Ende.

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Von Autor/in Christian Spöcker

Es ist morgens um kurz nach halb 8. Edoardo Aguello verlässt die "Franziskusstube" in Stuttgart nur wenige Minuten nach Beginn der Öffnungszeiten schon wieder, nach einem kurzen Frühstück und mit einer Zeitung im Stoffbeutel. Er lebt in einem Park und hält sich durch das Sammeln von Pfand an der Stuttgarter Universität über Wasser.

Heute hat er in der "Franziskusstube" Salami, Leberwurst und gefüllte Tomaten gegessen, sagt der 59-Jährige, der aus "Trauer über die Liebe" vor vielen Jahren alkoholabhängig wurde, wie er erzählt. Seit mindestens zwölf Jahren kommt der Obdachlose in die Anlaufstelle an der Paulinenbrücke. Er bezeichnet sich als "Kunde" von Ordensschwester Margret, einer Stuttgarter Institution.

Edoardo Aguello (59) steht vor der Franziskusstube. Er ist obdachlos und kommt seit mindestens zwölf Jahren.
Edoardo Aguello (59) ist obdachlos und kommt seit mindestens zwölf Jahren zur Franziskusstube. Christian Spöcker

Zurück ins Kloster Sießen: "Sie ist ja nicht mehr die Jüngste"

Seit Jahrzehnten bietet die nun knapp 79-jährige Leiterin der "Franziskusstube" Obdachlosen eine Verschnaufpause im unsicheren Alltag. Ehrenamtliche Helferinnen und Helfer servieren zum Frühstück Kaffee und Speisen. Es gibt Kleidung und Erste Hilfe, Margret bietet Seelsorge und spricht Gebete. "Wir haben hier mit der Franziskusstube begonnen, damit die Leute, die auf der Straße sind, gerade wenn es kühler und kälter ist, morgens sehr früh rein können, sich aufwärmen können und einen Kaffee oder irgendwas zum Essen finden", erklärt sie.

Edoardo Aguello kommt gerne, er schätzt das gemütliche Ambiente und die Musik. Das Angebot der "Franziskusstube" ist für ihn eine enorme Hilfe, doch die Tage der Einrichtung sind gezählt: Schon Ende des Monats schließt sie in der jetzigen Form, im November verlässt Schwester Margret Stuttgart. Dann kehrt sie zurück zum Sitz ihres Franziskanerordens im oberschwäbischen Kloster Sießen bei Bad Saulgau (Kreis Sigmaringen). "Muss man ja auch verstehen, sie ist ja nicht mehr die Jüngste", sagt der 59-jährige Aguello.

Schwester Margret: "Es war das Gefühl: Es geht zu Ende"

Übernimmt jemand die Arbeit in der Obdachloseneinrichtung, die Schwester Margret seit 1997 führt? Macht jemand weiter? Diese Fragen stellt sich nicht nur der gebürtige Italiener. "Es war ein Schock", sagt Schwester Margret über das bevorstehende Aus der Franziskusstube in der jetzigen Form. Lange hätten sie und ihre ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer versucht, eine Nachfolge für sie zu finden, doch vergeblich. "Es war das Gefühl: Es geht zu Ende - und die Geier kommen schon", sagt sie. Dabei wird erst auf Nachfrage klar, was Schwester Margret genau meint.

Denn schließlich kündigt das Katholische Stadtdekanat an, die Räume bis Ende des Jahres zunächst sanieren zu lassen. Die Sorge von Schwester Margret sei unbegründet, sagt eine Sprecherin auf SWR-Nachfrage. "Wir sanieren ja nicht, damit eine Bankfiliale oder ein Barbershop einzieht", sagt eine Sprecherin auf SWR-Nachfrage. Ab Anfang 2026 könnten die Räume wieder genutzt werden - aber dann eben nicht mehr als reine Obdachloseneinrichtung, sondern für "alle gesellschaftlichen Gruppen". Und anders als bisher sollen die Räume nach den morgendlichen Öffnungszeiten nicht mehr den restlichen Tag über ungenutzt bleiben, so die Sprecherin.

Wir sanieren ja nicht, damit eine Bankfiliale oder ein Barbershop einzieht.

Schwester Margret räumt ein, es sei absehbar gewesen, dass sie aus Altersgründen irgendwann Stuttgart und die Franziskusstube verlassen müsse, um ihren Lebensabend im Kloster zu verbringen. Diese Entscheidung ihres Ordens verstehe sie natürlich. Auch die geplante Sanierung der Räume in der Paulinenstraße sei unverzichtbar, sagt sie.

Leiterin von Obdachlosencafé: "Wir sind keine Gaststätte"

Doch sie kritisiert, es seien Dinge über ihren Kopf hinweg entschieden worden. Sie hätte gerne Ideen mitentwickelt, was die Zukunft der Räume betrifft. "Ich bin kein Gegenstand, über den man verhandelt", sagt Schwester Margret.

Ich bin kein Gegenstand, über den man verhandelt.

Außerdem kritisiert sie, aus den bisher religiös dekorierten Räumen sollen künftig Kreuze und Heiligenbilder verschwinden, um daraus einen "neutralen Ort" zu machen, wie sie es ausdrückt. Doch das sei nicht geplant, widerspricht das Katholische Stadtdekanat auf Nachfrage: "Wir wollen vor Ort als Kirche sichtbar für die Menschen da sein. Selbstverständlich gehören zur Sichtbarkeit ein Kreuz und weitere christliche Symbole dazu."

Keine Scheu, durchzugreifen

Im Gespräch steht sie plötzlich auf und geht zu einem Mann am Nebentisch, der sich aus ihrer Sicht daneben benimmt. "Wir sind keine Gaststätte", sagt sie zu dem Mann. Dessen Begleiterin weist darauf hin, das sei ihr Freund. "Das interessiert mich nicht", entgegnet Margret. "Hier verhält man sich anständig oder man geht - junger Mann, halten sie sich daran!"

Zurück im Gespräch sagt sie, manchmal müsse man einfach resoluter sein. Sie bitte solche Gäste um Zurückhaltung, das funktioniere meistens. "Manchmal muss man aber auch Leute rausschmeißen, ich habe damit kein Problem", erklärt die Ordensschwester.

"Hausverbot für Läuse, Krätze, Corona, Drogen  Alkohol", steht auf einem Hinweisschild an der Eingangstür der "Franziskusstube".
"Hausverbot für Läuse, Krätze, Corona, Drogen / Alkohol", steht auf einem Hinweisschild an der Eingangstür der "Franziskusstube". Christian Spöcker

Auch ansonsten hat Schwester Margret nach gut 28 Jahren als Leiterin der "Franziskusstube" und noch mehr Jahren in der Sozialarbeit offenbar einen eher nüchternen Blick auf das Thema Obdachlosigkeit. Man merke auch im Café, dass manche Menschen das Angebot nutzten, obwohl sie es eigentlich gar nicht nötig hätten. Insgesamt sei das Angebot für obdachlose Menschen in Stuttgart "toll", denn es gebe schließlich auch Hilfe von der Caritas und der Diakonie, sagt Schwester Margret - "aber man muss es halt finden".

Margret half jahrzehntelang gegen Stuttgarts soziale Probleme

Früher war sie in Stuttgart abends zusätzlich als Streetworkerin unterwegs, "heute brauche ich meinen Schlaf", sagt sie. Sie habe in den vielen Jahren in Stuttgart so einiges erlebt - "als Jugendliche anfingen, Alcopops zu saufen, das war auch wüst", erzählt die bald 79-Jährige mit oberschwäbischem Akzent. Sie wuchs bei Riedlingen (Kreis Biberach) auf und nach jahrelanger Arbeit als Familienpflegerin entschied sie sich im Alter von 30 Jahren für ein Leben als Nonne.

Auch andere, die an diesem Tag mit ihr im Frühstücksraum sitzen, können auf ein Leben vor der "Franziskusstube" zurückblicken: Mit Schwester Margret am Tisch sitzen zwei studierte Juristen. Am Nebentisch isst ein früherer Sportler, kurze Zeit später schläft er am Tisch ein. Ein anderer, ein früherer ehrenamtlicher Mitarbeiter, hat nun ein Leben nach der "Franziskusstube" begonnen: ein Arzt, der nach der Pleite seiner Praxis zu einem von Schwester Margrets Gästen wurde. Dort legte er anderen Bedürftigen frische Verbände an. Inzwischen habe er es zurück in ein geregeltes Leben geschafft, berichtet Schwester Margret.

Otto Hartmann sitzt vor der Fensterscheibe der "Franziskusstube".
Otto Hartmann (74) berichtet, er sei 30 Jahre lang Anwalt gewesen. Manchmal helfe er anderen Obdachlosen bei deren juristischen Fragen. Christian Spöcker

Arbeit mit Obdachlosen: "Man braucht ein dickes Fell"

Kurz darauf erhebt sie sich wieder von ihrem Stuhl und geht erneut zu dem Mann am Nebentisch. "Sie sollten jetzt einfach freiwillig gehen, anstandshalber. Die Mitarbeiter beschweren sich schon", sagt sie zu ihm. Der Mann, schätzungsweise Mitte 30 und mit mitgebrachtem Energydrink, entgegnet, er habe es zur Kenntnis genommen und bleibt sitzen. Daraufhin entwickelt sich ein sarkastischer Wortwechsel.

"Ihr seid die richtige Demonstration dafür, dass es mit Obdachlosen nicht einfach ist", sagt die Ordensfrau zu dem Mann und seiner Partnerin. "Man braucht ein dickes Fell und muss einiges aushalten, wenn man mit euch frühstücken will". Kurz darauf fügt sie hinzu: "Wir schließen außerdem bald, ihr braucht also keine Werbung für uns zu machen." "Nein, nein, das machen wir bestimmt nicht", entgegnet der Mann ruhig. Während Schwester Margret die Tür öffnet, damit er und seine Partnerin die Einrichtung verlassen, fragt er sarkastisch, ob sie es noch allein schafft oder ob er helfen soll. Dabei kippt sein Energydrink um und hinterlässt eine Pfütze auf dem Boden.

Als sie schließlich die "Franziskusstube" verlassen haben, wischt Schwester Margret sie mit einem Lappen auf. Den Mann habe sie zuvor noch nie gesehen, erzählt sie. Vielleicht sei er eigentlich ein Klient eines nahegelegenen Drogentreffs - auch das erschwere die Arbeit des Obdachlosencafés, sagt sie. "Es ist nicht einfach, die echt Notleidenden zu finden, die sich meistens auch noch verstecken, weil sie das nicht preisgeben wollen. Die anderen, die sich aufdrängen, sind meistens auch gar nicht wirklich bedürftig. Es ist eine schwierige Angelegenheit."

Es ist nicht einfach, die echt Notleidenden zu finden, die sich meistens auch noch verstecken.

Schwester Margret steht mit einem Zeitungsartikel in der Hand in einem Nebenraum der Franziskusstube.
In gut 28 Jahren "Franziskusstube" hat sie vieles erlebt und daraufhin Hilfsprojekte angestoßen. Schwester Margret hat einige Zeitungsartikel über ihre Arbeit aufbewahrt. Christian Spöcker

Auf ihre Hilfe für Sinti und Roma folgte Schelte

Trotz ihres teils resoluten Auftretens: Sie habe schon immer ein Herz für Bedürftige gehabt, erzählt die Franziskanerin. Als in Kindertagen in ihrem oberschwäbischen Heimatort Sinti und Roma vorbei kamen, habe sie ihnen mit gekochten Kartoffeln geholfen - "dafür bin ich geschimpft worden", berichtet sie. Ähnlich sei es Jahre später gewesen, als sie als Ordensschwester im Kloster an der sogenannten "Armenpforte" arbeitete.

Dort konnten bis vor ein paar Jahren Bedürftige nach einem Essen fragen und bekamen es dort serviert. "Seit du da bist, kommen alle Bettler", habe man ihr damals im Kloster vorgeworfen, in das sie nun zurückkehren wird. Außerdem organisierte sie Hilfstransporte ins Baltikum und in die Ukraine. "Es verfolgt mich, das Thema gehört halt zu mir. Andere nennen es vielleicht Berufung".

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Christian Spöcker
Christian Spöcker, SWR

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