Er gilt als Hoffnungsträger der deutschen Wirtschaft und Politik - doch er macht auch klare Ansagen. David Reger, Chef von NEURA Robotics, einer Hightech-Firma aus Metzingen (Kreis Reutlingen), will aufrütteln. Während die Weltwirtschaft boome, nehme Deutschlands Bedeutung, vor allem wegen der schwächelnden Autoindustrie, immer weiter ab. "Wir müssen uns was einfallen lassen", sagte Reger im SWR-Videopodcast "Zur Sache! intensiv". Sein Gebiet, die physische KI (Physical AI), sieht er als große Wachstumsbranche. Sein 2019 gegründetes Startup entwickelt humanoide Roboter, die nicht nur sehen und hören können, sondern auch über einen Tastsinn verfügen. "Physical AI und Robotics könnten der Rettungsschirm der deutschen Automotive sein", ist Reger überzeugt. "Das heißt, wir müssen sie nicht abschreiben, sondern wir können wieder weltweit mitmischen und auch gewinnen."
Physical AI und Robotics könnten der Rettungsschirm der deutschen Automotive sein.
Roboter sollen einfachere Arbeiten komplett übernehmen
Der Firmenchef glaubt, dass in den nächsten Jahren der große Durchbruch in der Robotik kommen werde - spätestens 2035. "Das heißt, Roboter werden als Arbeitskräfte gesehen, die alle Tätigkeiten, die heute nur Menschen ausführen können, ausführen können." Für die deutsche Autoindustrie könne das bedeuten, dass man "kostentechnisch vielleicht auf den ähnlichen Bereich kommt, wie die Autos aus China und aus anderen Ländern und gleichzeitig trotzdem gute Qualität und tolle Autos mit tollem Design liefert". Reger warnte Bedenkenträger: "Wenn wir die Physical-AI-Welt verschlafen, also diese Physical-AI-Ära verschlafen, gleichzeitig auch die Robotik jetzt verteufeln und ignorieren, werden wir in eine sehr schwierige Verfassung kommen. Ich glaube auch nicht, dass wir daraus je wieder rauskommen könnten."
Menschen sollen sich künftig mehr um Menschen kümmern
Der Einsatz der humanoiden Roboter bedeute aber auch, dass viele Arbeiter, die eher einfache Tätigkeiten etwa in Autofabriken verrichten, nicht mehr gebraucht würden. "Ich glaube aber, dass es nach wie vor genügend Zeit dafür geben wird, dass Menschen sich anderweitig beschäftigen werden, also im Endeffekt werden sie andere Tätigkeiten ausführen." Er vergleiche das mit den historischen Entwicklungen der Landwirtschaft. "Wir konnten uns nicht vorstellen, was wir alle tun werden, wenn wir nicht auf dem Feld arbeiten. Der Traktor wird uns alles wegnehmen. Heute sehen wir: Ohne den Traktor (…) hätten wir deutlich mehr Hunger auf dieser Erde." So ähnlich werde das auch mit dem Roboter sein. Menschen werden sich künftig verstärkt um Menschen kümmern. "Wir haben mehr Menschen zu pflegen, wir finden keine Leute dafür."
NEURA Robotics plant Plattform für Roboter-Fähigkeiten
Seine Roboter sollen sowohl in der Industrie als auch in Haushalten, etwa zum Spülmaschine ausräumen, zum Einsatz kommen. Der Clou soll aber die Plattform "Neuraverse" sein, die so etwas wie ein App-Store für Robotik ist. Sie soll Nutzer, Entwickler und Roboter auf der ganzen Welt verbinden. Neue Fähigkeiten, die ein Roboter lernt, sollen allen zur Verfügung gestellt werden. Wer die Fähigkeiten dann nutzt, soll Lizenzgebühren entrichten. "Unsere große Vision ist sozusagen, eine große Know-how-Bank zu erschaffen, die jedem ermöglicht, ein eigenes Bankkonto zu haben mit dem Wissen, was den Wert des Unternehmens darstellt, und das sozusagen an alle zu lizenzieren", erklärte Reger.
Unsere große Vision ist sozusagen, eine große Know-how-Bank zu erschaffen.
Reger: "Deutschland muss seine Chance ergreifen"
Die Robotik eröffne Deutschland neue Möglichkeiten, die es aber auch ergreifen müsse. "Wir haben jetzt gerade eine Chance. Wir sollten sie ergreifen. Wir wissen nicht, ob es eine zweite geben wird", sagte Reger. Deswegen müsse Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) jetzt dringend das Ruder herumreißen und den Deutschen eine Vision präsentieren, wie er das Land in die Zukunft führen wolle. "Man muss die Menschen mitreißen, indem man nicht einfach nur über die Dinge redet, die passieren und die verteidigen." Doch da leide die Glaubwürdigkeit und extreme Parteien bekämen Zulauf. Reger forderte von Merz mehr Führungsstärke: "Wir brauchen Leadership von oben."
Bundeskanzler soll "Bedenkenträger nicht mehr beachten"
Der Kanzler dürfe nicht mehr auf Bedenkenträger Rücksicht nehmen, etwa auf den Koalitionspartner SPD. Der könne sagen, was er will, "dem wird nicht mehr zugehört". Bei NEURA Robotics habe es von Anfang an Leute gegeben, die gegen seine Ideen vorgegangen seien. "Die gibt es heute nicht mehr. Warum? Weil ich mich durchgesetzt habe, indem ich einfach Dinge bewiesen habe." Das habe er in weniger als vier Jahren geschafft. Und auch Merz könne das in dieser Wahlperiode noch schaffen. "Er könnte jetzt schon sehr wohl immer noch Dinge beweisen, indem er mal Dinge sagt, die er auch einhält und gleichzeitig Menschen mitreißt."
NEURA Robotics will SAP nacheifern und überholen
NEURA Robotics hatte im Juni mitgeteilt, dass große internationale Konzerne wie Amazon, Nvidia und Bosch der Firma Geld zur Verfügung gestellt haben, damit die humanoiden Roboter in Serie gehen können. In einer der größten Finanzierungsrunden der deutschen Wirtschaftsgeschichte habe NEURA Robotics bis zu 1,4 Milliarden US-Dollar eingesammelt. Ziel ist es, bis 2030 humanoide Roboter massentauglich zu machen und sie in Millionen von Haushalten und Unternehmen weltweit einzusetzen. Reger will mit seiner Firma langfristig sogar am Softwarekonzern SAP vorbeiziehen. "Wir wollen relevant sein in der Welt." Und: "Wir wollen der größte Steuerzahler Europas werden."
Menschen sollen Zeit für Menschlichkeit haben
Reger spürt nach eigenen Worten aber auch eine große Verantwortung, nicht nur Dinge zu tun, die möglich sind, sondern die Dinge zu tun, "die den Menschen wirklich weiterhin Mensch sein lässt". Deswegen sehe er es gar nicht gerne, wenn man Roboter tanzen lässt. "Ich bin ein Gegner davon, weil ich sage, Roboter sind dafür gemacht, dass Menschen Zeit haben, tanzen zu gehen, dass Menschen Zeit haben, sich wieder mit Musik zu befassen, dass Menschen wieder Zeit haben für Menschlichkeit."
Menschlichkeit ist das Kostbarste, was wir haben als Menschen.
Dennoch mache er sich viele Sorgen. "In meinen Augen sollte die Technologie nie vermenschlicht werden, die sollte nie emotional werden." Er finde auch KI-generierte Musik seltsam. "Ich finde es cool, auf einem Konzert zu sein, wo ein Mensch singt und die Emotionen rüberbringt. Man fühlt es, man sieht es." Live-Events würden künftig noch wertvoller werden. "Ich glaube, diese Menschlichkeit ist das Kostbarste, was wir haben als Menschen." Er sei überzeugt: "Das Gute wird siegen."