Das Verfahren für die Glasherstellung sei weltweit einmalig, sagt Frederik Kotz-Helmer, Mitgründer und Chef von Glassomer. Damit könne man extrem stabiles und präzise formbares Glas produzieren. Normalerweise kann nur Kunststoff oder Metall so einfach verarbeitet werden wie das Glas in Freiburg. Bislang sei es noch keinem Konkurrenten gelungen, das Verfahren zu kopieren. Doch Kotz-Helmer weiß, dass viele nach der Freiburger Formel suchen.
Die Weltneuheit kommt ganz klein und unscheinbar daher: Es sind weiße Kügelchen - im Fachjargon Pellets genant - etwas größer als Stecknadelköpfe. Die Pellets sehen wie gewöhnliches Plastik aus. Es ist aber eine Mischung aus Kunststoff und Glasstaub. Der Glasstaub sei sogar ein Abfallprodukt, das von der Firma wiederverwendet wird, sagt Kotz-Helmer.
Was hier als Glasform drin ist, ist zu 100 Prozent Abfall - was wir upcyclen.
Normale Maschinen, aber ein Geheimnis
Wieviel Kunststoff oder gar welcher verwendet wird, ist das Freiburger Firmengeheimnis. Deshalb darf in dem Betrieb auch manches nicht fotografiert oder gefilmt werden. Ansonsten sieht es dort ziemlich normal aus. Handelsübliche 3D-Drucker stehen in einem Nebenraum, Spritzgussmaschinen in einer Werkshalle.
Hightech-Glas von Heidi oder Hermann
Die Pellets werden in den Maschinen etwas erwärmt und dann in eine Form gepresst. Im Betrieb geht es familiär zu - selbst die Maschinen haben Namen: Lisa, Hermann und Heidi. Glassomer-Mitarbeiter Christian Heizmann ist für Heidi zuständig. Er würde lieber Nummer Drei sagen, weil die Maschine als dritte zu den beiden anderen kam. Aber Heidi wurde halt aus der Schweiz angeliefert.
Ich nehme lieber Zahlen, aber unsere Chefs wollten unbedingt Namen. Also die Heidi heißt Heidi, weil sie aus der Schweiz kommt.
Heidi spuckt alle 15 Sekunden einen Rohling aus. Spezielle Linsen etwa so groß wie ein kleiner Fingernagel werden daraus. Wer der Auftraggeber ist, wird nicht verraten. Und auch mit wem sie hier alles zusammenarbeiten. Nur ein Name wurde 2024 durch ein spezielles Gemeinschaftsprojekt bekannt: der französische Luxus-Juwelier und Uhrmacher Boucheron.
Ring aus Glas für Boucheron in New York
Für die erste Boucheron-Boutique in New York wurde ein Ring mit Glas aus Freiburg präsentiert: In dem "Quatre 5D Memory"-Ring wurde Klangkunst als Datenpaket in nanostrukturiertem Glas gespeichert. Diese Informationen seien auch in Millionen von Jahren aus diesem Ring lesbar, sagte Bastian E. Rapp vom Institut für Mikrosystemtechnik der Universität Freiburg. Aus dem Labor von Rapp wurde das Start-up Glassomer ausgegründet.
Glas-Stecker für KI-Rechner
Glassomer beliefert inzwischen fast jede Branche. Einer ihrer Verkaufsschlager sind Stecker aus Glas, die in KI-Rechenzentren Informationen weiterleiten können. Sie funktionieren ähnlich wie eine Glasfaser, nur als Stecker und nicht als Kabel.
Milliarden für eigene Großrechenzentren Neckarsulmer Schwarz-Gruppe und Telekom planen gemeinsame KI-Gigafactory
Die Schwarz-Gruppe aus Neckarsulm will mit der Telekom eine europäische Gigafactory für künstliche Intelligenz aufbauen. Laut Insidern gibt es bereits fortgeschrittene Gespräche.
Preisgekröntes Produktionsverfahren
Die Linsen-Rohlinge von Maschine Heidi kommen in ein Wasserbad. Bei 40 Grad löst sich der Kunststoff vom Glas und kann wiederverwendet werden. Zurück bleiben weiße raue Stücke. Sie bestehen zwar schon aus Glas, verhalten sich aber wie Kreide.
Damit dieses Rohglas hart wird, muss es gebrannt werden. Allerdings anders als beim normalen Glas-Prozess mit bis zu 70 Prozent weniger Energie. Die Öfen in Freiburg laufen auf etwas mehr als 1.000 Grad anstatt 2.000 Grad. Für das Verfahren hat die Firma viele Preise und sogar mehrere Millionen Euro Förderung von der EU bekommen.
Es war einmal eine Glas-Brezel aus dem 3D-Drucker
Am Anfang, im Jahre 2017, war das noch nicht abzusehen. Damals hatte das Team in Freiburg gerade die ersten Teile aus Glas gedruckt. Nur ein paar Millimeter klein. Aber die Sensation war trotzdem groß: Glas aus dem 3D-Drucker in Form einer Brezel.
Aus dem Glas-Brezel-Betrieb wurde ein Unternehmen mit 20 Mitarbeitenden, die Hightech-Glasteile in Serie produzieren. Aus Freiburg für die ganze Welt.