Mann sein - was könnte das bedeuten? Ehrlich und offen auch über Tabuthemen reden - unter vielen Männern keine Selbstverständlichkeit. In einem zweitägigen Workshop von Jugendbildungswerk und Eine Welt Forum in Freiburg beschäftigen sich die Teilnehmer kritisch mit dem Thema Männlichkeit. Im Zentrum stehen der gemeinsame Austausch und die persönliche Reflexion. Im Netz hat sich wiederum eine Gegenbewegung zur kritischen Männlichkeit formiert.
Gefühle zeigen können: Ein großes Geschenk
Über Männlichkeit reden: Das bedeutet in dem Workshop "Männlichkeiten - neue Visionen" vor allem: sich selbst reflektieren. Auf einen weißen Zettel schreibt Teilnehmer Martin Bertele, wie er seine Rolle als Mann verstehen will: "Mensch sein. Kontakt zur Gefühls- und Innenwelt". Bertele sieht es als einen echten Vorteil, dass er gelernt hat, über seine Gefühle zu reden: "Mir macht es genauso Freude, mich mit Tränen und Schmerz zu zeigen, wie mit einem Lachen".
Großes Männer-Thema: Richtig mit Emotionen umgehen
Aber auch Bertele hat noch nicht ausgelernt. Wie kann ich Unsicherheit zeigen? Wie drücke ich meine Emotionen aus? Der Zugang zu den eigenen Gefühlen, das sei eines der großen Themen in seinen Workshops, erzählt Seminarleiter Flor Fischer. Darüber zu reden, sei unter Männern oft schwierig. Das Seminar versteht er als geschützten Rahmen, offen miteinander reden zu können, sich verletzlich zu zeigen. Da ginge es vor allem auch darum, auf die eigene Biografie zurückzuschauen: Welche Bilder von Männlichkeit wurden einem schon als Kind vermittelt? Eine große Rolle spielen in den Gesprächen laut Fischer auch immer die Väter.
Vaterfiguren spielen für das Männerbild oft eine wichtige Rolle
So erzählt es auch Teilnehmer Pascal Lisson. Er erinnert sich noch, dass sein Vater zu ihm gesagt habe: "Frauen reden über ihre Gefühle, Männer nur über Fakten". Lisson sagt, dass er früher oft dazu geneigt habe, viel Raum in Gesprächen einzunehmen. Das habe er nicht bemerkt, viele Männer seien so sozialisiert worden: "Ohne Rücksicht auf andere, mit einem ganz selbstverständlichen Auftreten". Mit seinen 1,85 Metern Größe und seiner lauten Stimme müsse er lernen, sich in Gruppen zurückzuhalten und auch andere Menschen zu Wort kommen zu lassen: "Das ist ein Wunsch für mich selbst."
Der 67-jährige Gerhard Laupheimer ist der älteste Teilnehmer der Gruppe. Er gehört einer Generation an, der oft nachgesagt wird, besondere Schwierigkeiten im Umgang mit den eigenen Gefühlen zu haben. Laupheimer habe aber schon immer versucht, an sich zu arbeiten. Auch wenn es noch immer Verhaltensweisen gebe, die er nicht an sich mag und seiner Sozialisation zuschreibt. Er werde manchmal jähzornig, wenn er sich ungerecht behandelt fühle - wie sein Vater. Erst im Nachhinein merke er oft: "Puh - uncool!". Eigentlich aber wolle er nicht so sein, sondern ein Vorbild für seine beiden Söhne.
Zärtlich zueinander sein - für viele Männer immer noch ein Tabu
Neben den gemeinsamen Gesprächen sind auch praktische Aufgaben ein wichtiger Teil des Workshops. Martin Bertele hat besonders eine Übung geholfen, bei der die Teilnehmer sich durch sanfte Berührung körperlich näherkommen. Unter Männern sei es fast ein Tabu, zärtlich zueinander zu sein. Die Annäherung sei ungewohnt, aber schön gewesen.
Die Erfahrung von Seminarleiter Fischer zeigt: Für Männer ist es oft schwierig, Intimität außerhalb von Sexualität zu empfinden. Dabei sei wichtig, sich auch auf andere Weise nah sein zu können. Auf der anderen Seite sei der Austausch über Sex unter Männern oft "performativ und oberflächlich", für Unsicherheiten sei selten Platz.
"Manosphere" - Die Rückkehr vom "Alpha-Mann" im Internet
Dieses Schweigen untereinander sieht Fischer auch als eine der Ursachen dafür, dass mittlerweile wieder ein ganz anderes Bild von Männlichkeit Auftrieb bekommen hat. In Online-Communitys wird die "Manosphere" beschworen: Ein loses Netzwerk von Blogs, Foren und Influencern, in denen sich Männer über Geschlecht, Beziehungen und Männlichkeit austauschen - mit einem stark frauenfeindlichen Blick. Männer, die dort als die eigentlichen Opfer inszeniert werden, müssten ihren Partnerinnen mit Härte, Dominanz oder sogar Gewalt begegnen.
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Junge Männer und alte Rollen auf Social Media
Viele junge Männer seien wegen dem fehlenden Austausch mit anderen Männern für diese Social-Media-Phänomen empfänglich, sagt Fischer. In Seminaren, die er an Schulen gebe, würden fast alle Jugendlichen Manosphere-Influencer wie den ehemaligen Kickboxer Andrew Tate kennen. Heranwachsende würden oft mit dem Thema Männlichkeit alleine gelassen. Dabei könnten die Vorstellungen von Dominanz und Kontrolle gefährliche Züge annehmen und die Bereitschaft für partnerschaftliche Gewalt erhöhen.
Männer-Gruppe gegen sexualisierte Gewalt
Um auch den Protest von Männern gegen sexuelle Übergriffe noch sichtbarer zu machen, hat sich in Freiburg die Gruppe "Männer gegen sexualisierte Gewalt" gegründet. Auslöser war der Skandal um den Mitarbeiter der Universität, der heimlich Frauen auf der Toilette gefilmt hatte. Auch wenn traditionelle Männlichkeitsbilder wieder auf dem Vormarsch sind: Seminar-Coach Flor Fischer hat das Gefühl, dass Seminare wie seines etwas bewirken - und es mittlerweile mehr gesellschaftliche Akzeptanz für die kritische Auseinandersetzung mit Männlichkeit gibt.
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