Die Steuereinnahmen in Baden-Württemberg sind 2024 auf 96,2 Milliarden Euro gestiegen, nach 88,9 Milliarden im Jahr zuvor. Den größten Anteil machte die Lohnsteuer aus. Gleichzeitig haben die Finanzämter ihre Bearbeitung beschleunigt: Im Schnitt brauchten die Finanzämter laut Finanzministerium 50 Tage für eine Steuererklärung, zuvor waren es durchschnittlich 63 Tage. Grund dafür ist eine höhere Quote von automatisch geprüften Steuererklärungen von fast 16 Prozent. So konnten 2024 insgesamt 4,7 Millionen Einkommensteuererklärungen abgewickelt werden, ein neuer Höchstwert.
"Jeder automatisch durchlaufene Fall entlastet uns und ist befriedigend für die Bürgerinnen und Bürger. Das sorgt für Geschwindigkeit und Zufriedenheit", sagte Oberfinanzpräsident Bernd Kraft am Freitag in Stuttgart.
Auf dem Weg zum digitalen Finanzamt
Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Digitalisierung ist laut Finanzamt das Scannen der (Papier-)Eingangspost. Mit dieser Digitalisierung als Grundvoraussetzung für den Aufbau der digitalen Akte arbeiten aktuell zwölf Finanzämter als Pilotprojekt.
Laut Finanzstaatssekretärin Gisela Splett (Grüne) sollen die Finanzämter auch bei ihrer Arbeit mit dem Steuerportal ELSTER entlastet werden. Hier will man zu einer vorausgefüllten Steuererklärung kommen. Das Ziel sei es, dass alle bekannten Daten über Bürgerinnen und Bürger, etwa aus den Vorjahren, automatisiert eingepflegt werden. Bei der Bearbeitung der Steuererklärung müssten diese Daten dann nur noch kontrolliert und weitere Bescheide wie Spendenbescheinigungen ergänzt werden, so Splett.
Pilotprojekt aus Hessen: Wenn das Finanzamt die Steuererklärung macht
Künftig könnten die Steuererklärungen vollständig automatisiert ablaufen. Wie das geht, zeigt aktuell ein Testlauf in Hessen. Dort machen die Finanzämter für ausgewählte Arbeitnehmer, die keinen Steuerberater haben, die Steuererklärung einfach selbst. Das geht ohne viel Aufwand elektronisch. Daten über Lohn, Rente oder Versicherungen liegen der Behörde ohnehin schon vor, weil sie dem Finanzamt gemeldet werden müssen.
Laut Kraft ist der Pilotversuch in Hessen ein Schritt in die richtige Richtung, möglichst viel Service für die Bürgerinnen und Bürger anzubieten. Man wolle die Erfahrungen in Hessen verfolgen und prüfen, ob sich ein solches Verfahren auch in Baden-Württemberg lohnt. Fraglich sei, ob bei Änderungen im Nachgang, etwa, wenn Bürger und Bürgerinnen die Schätzungen des Finanzamts nicht akzeptierten, ein Mehraufwand entstehe.
Kampf gegen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug in BW
Trotz steigender Einnahmen und schnellerer Bearbeitung bleibt Steuerbetrug in Baden-Württemberg ein Problem. Die Steuerfahnder haben im vergangenen Jahr jedoch deutlich mehr nicht gezahlte Steuern aufdecken können als noch im Vorjahr. 2024 kamen die Ermittler zu wenig gezahlten Steuern in Höhe von rund 366 Millionen Euro auf die Spur. Das waren 44 Millionen Euro mehr als im Vorjahreszeitraum, wie Finanzstaatssekretärin Splett in Stuttgart anlässlich der Bilanz der Steuerverwaltung mitteilte.
Auch die Auswertung von riesigen Datenmengen von verschiedenen Online-Marktplätzen, der Vermittlungsplattform Airbnb oder im Bereich des Online-Glücksspiels, um unversteuerte Einnahmen aufzuspüren, haben dem Fiskus zusätzliche Millionen eingebracht. Die Sondereinheit für Steueraufsicht in Baden-Württemberg (SES) habe 2024 Mehrsteuern in Höhe von 38,8 Millionen Euro festgestellt, wie Splett weiter mitteilte. Dies sei ein Rekordergebnis gewesen. 2023 waren es 36,3 Millionen Euro und 2022 lediglich 16,4 Millionen Euro.
"Auch das konsequente Vorgehen gegen Steuerbetrug zeichnet unsere Verwaltung aus. Das werden wir mit unserer neuen ressortübergreifenden Ermittlungseinheit zur Bekämpfung von Geldwäsche und Steuerhinterziehung noch verstärken", so Finanzstaatssekretärin Gisela Splett in einer Mitteilung.
Nachwuchssuche bei Finanzämtern
Die Finanzämter in BW haben 2024 Erfolge bei der Steuerfahndung eingefahren - doch wird das auch in Zukunft möglich bleiben? Laut Recherchen der Süddeutschen Zeitung fehlen in Deutschland dringend Betriebsprüferinnen und Betriebsprüfer, die Steuernachzahlungen bei Unternehmen eintreiben und Steuerhinterziehung und Steuerbetrug auf die Schliche kommen.
In Baden-Württemberg setzt man daher darauf, junge Menschen frühzeitig an das Thema Steuern heranzuführen. Gemeinsam mit dem Kultusministerium gibt es den Workshop "Steuer macht Schule" für Schülerinnen und Schüler ab der achten Klasse. Dadurch sollen Ängste und Ablehnung gegenüber dem Finanzamt frühzeitig abgebaut werden. Die Bewerbersituation bei den Finanzämtern sehe gut aus: Auf jeden Ausbildungsplatz kämen derzeit vier bis fünf qualifizierte Bewerbungen. "Wir sind in der Lage, die Altersabgänge auszugleichen", sagte Oberfinanzpräsident Kraft.