„Stabiles familiäres Umfeld von Kindern kann dazu führen, dass ADHS erst im Erwachsenenalter sichtbar wird“ (Lydia Weber, ADHS-Spezialistin, Uniklinik Tübingen)
Wenn es um ADHS geht, fällt schnell das Wort Modediagnose. Doch was steckt wirklich dahinter? Lydia Weber erklärt, dass die Störung bei Erwachsenen zwei Gesichter haben kann: Während ADHS „immer mit Hyperaktivität, also mit motorischer Unruhe und Impulsivität“ einhergeht und die Betroffenen „sehr aktiv“ sind, geht es bei der reinen ADS-Diagnose vielmehr um „Verträumtheit“ und „Unaufmerksamkeit“. Dass das Thema gerade bei Erwachsenen boomt, liegt laut der Psychologin auch daran, dass die Aufmerksamkeit dafür in den letzten zehn Jahren stark zugenommen hat. Viele Betroffene konnten ihre Probleme als Kind schlicht „gut kompensieren“, etwa durch ein stabiles familiäres Umfeld, das viel bei den Hausaufgaben geholfen hat. Erst im Erwachsenenalter – oft ausgelöst durch „Schwierigkeiten am Arbeitsplatz“ – bricht dieses System dann zusammen.
Interview mit Spezialist Dr. Matthias Rudolph ADHS bei Erwachsenen - der oft lange Weg zur Diagnose
Lange galt ADHS als eine Kinderkrankheit. Mittlerweile ist bekannt, dass auch viele Erwachsene davon betroffen sind. Viele bekommen erst sehr spät eine Diagnose und Therapien.
Wir fordern auch die Grundschulzeugnisse an
Wer den Verdacht hat, im Erwachsenenalter betroffen zu sein, den führen die Spezialisten an der Uniklinik Tübingen durch ein gründliches Verfahren. Und das beginnt überraschend weit in der Vergangenheit: „Ganz im Vorfeld werden erst auch die Grundschulzeugnisse bei uns angefordert“. Für das Team ist das ein entscheidender Punkt, um zu sehen: „Zieht sich das wirklich wie ein roter Faden durch das ganze Leben hindurch?“ Erst danach folgen ein offenes Anamnesegespräch sowie Fragebögen zur aktuellen Symptomatik und zur Kindheit. Falls sich der Verdacht erhärtet, folgt eine neuropsychologische Untersuchung mit Konzentrations- und Merkfähigkeitstests an. Diese Tests, so Weber in SWR Aktuell, seien zwar wichtig, machten am Ende aber nur „einen Teil von den gesamten Informationen“ aus, die für die finale Einstufung gesammelt werden.
Selbstdiagnose? Auf keinen Fall!
Auf Social Media wimmelt es derzeit von Videos, in denen sich Menschen selbst diagnostizieren – ein Trend, den die Expertin kritisch sieht: „Das kann ich natürlich auf keinen Fall empfehlen“. Die Gefahr ist groß, sich zu irren, „weil einfach die Symptome sehr ähnlich sein können mit anderen psychiatrischen Erkrankungen“. Ein echter Diagnoseweg gehöre in professionelle Hände. Aber ab wann sollte man den Weg in eine Sprechstunde suchen? Konzentrationsprobleme allein sind für Weber noch kein Anlass. Hellhörig sollte man werden, wenn man schon als Kind „oft angeeckt“ ist, Probleme mit Lehrern hatte und es trotz großer Mühe nicht geschafft hat, „gute Leistungen zu bringen“. Wenn man nun auch im Studium oder Beruf „droht zu scheitern“, weil man sich nicht organisieren kann, ist das ein Punkt, an dem Weber sehr zur Abklärung rät.
Den Betroffenen praktische Werkzeuge an die Hand geben
Steht die Diagnose, stellt sich die Frage nach der richtigen Hilfe. „Der erste Schritt ist eigentlich immer erstmal eine Psychoedukation zu machen“, erklärt Lydia Weber – also: Beratung und Aufklärung durch Psychotherapeuten, um den Betroffenen praktische „Werkzeuge an die Hand zu geben“, wie sie im Alltag besser mit der Störung umgehen können. Reicht das nicht aus, weil immer noch das Gefühl bleibt, nicht effizient arbeiten zu können, kommen Medikamente ins Spiel. Der „Goldstandard“ ist hierbei Methylphenidat, besser bekannt als Ritalin. Weber sagt, der Grund für den Medikamenteneinsatz sei pragmatisch: Reine Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen ließen sich „im Rahmen von einer Psychotherapie nur begrenzt in den Griff bekommen“.
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