Warten ist keine Lösung – in der Politik schon gar nicht.

Vom Einschlafen über den Hund bis zum Crosstrainer: Wir verbringen erstaunlich viel Zeit mit Warten. Manche Dinge muss man akzeptieren. Bei politischen Entscheidungen gilt das allerdings nicht, findet Florian Zelt in seiner Kolumne. Feedback? Gerne! kolumne@swr.de

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Von Autor/in Florian Zelt

Ich warte. Eigentlich warte ich ununterbrochen. Ich warte, dass ich einschlafen kann. Ich warte, dass der Hund macht. Ich warte, dass die Hitze vorbei ist. Ich warte, dass die 30 Minuten auf dem Crosstrainer vorbei sind.

Damit muss Schluss sein. Das Warten muss ein Ende haben. Mein Hund macht auch nicht schneller, nur weil ich danebenstehe und ihn ungeduldig anschaue. Die Hitze verschwindet nicht, nur weil ich alle zehn Minuten auf die Wetter-App schaue. Und wer schon mal verzweifelt versucht hat einzuschlafen, weiß: Warten ist dafür das denkbar schlechteste Rezept.

Warum warte ich eigentlich ständig? Vielleicht verbringe ich einfach zu viel Zeit damit, den jetzigen Moment gegen einen vermeintlich besseren eintauschen zu wollen. Wenn die Hitze erst vorbei ist. Wenn, wenn, wenn. Es gibt immer irgendein nächstes „Wenn“. Und bis dahin läuft das Leben einfach weiter – oft ohne mich. Ich warte ja. Manches muss man auch einfach aushalten. Oder noch besser: akzeptieren. Es ist heiß. Dann ist es eben heiß. Der Crosstrainer dauert dreißig Minuten. Dann dauert er eben dreißig Minuten.

Allerdings: Es gibt ja auch noch eine andere Art des Wartens.
Diese Woche hat der Koalitionsausschuss getagt. Herausgekommen ist ein großes Paket mit vielen Vorhaben. Steuern, Rente, Krankschreibung – viel soll reformiert werden. Das ist grundsätzlich erst mal eine gute Nachricht. Immerhin war auch ein „Sommer der Reformen“ angekündigt worden. Obwohl schon im vergangenen Jahr von einem „Herbst der Reformen“ die Rede war.

Natürlich brauchen gute Reformen Zeit. Wer ein Rentensystem umbauen oder die Pflege zukunftsfest machen will, sollte gründlich arbeiten. Aber jede Gründlichkeit hat einen Kipppunkt. Irgendwann wird aus sorgfältigem Abwägen oder parteipolitischem Taktieren ein ständiges Vertagen. Warten wir mal ab, wie tragfähig die aktuell beschlossenen Vorhaben sind.

Politik lebt sowieso meistens von der Zukunftsform. Es soll einfacher werden. Es soll schneller werden. Es soll entlastet werden. Jetzt ist tatsächlich einiges auf den Weg gebracht worden. Gut so. Aber irgendwann reicht das Futur nicht mehr. Irgendwann möchte man auch mal die Gegenwart, das Präsens hören.

Denn anders als bei der Hitze oder meinem Hund ist dieses Warten kein Naturgesetz. Niemand muss darauf warten, dass es kühler wird. Niemand kann meinen Hund zwingen, schneller zu machen. Politische Entscheidungen dagegen können getroffen werden. Deshalb möchte ich beides nicht miteinander verwechseln. Bei der Hitze möchte ich gelassener werden. Beim Hund auch. Vielleicht sogar auf dem Crosstrainer.

Aber bei politischen Entscheidungen möchte ich nicht gelassener werden. Da möchte ich ungeduldig bleiben. Weil Ungeduld manchmal auch ein berechtigter Anspruch an Politik ist. Denn aus einem Herbst der Reformen hätte gar nicht erst ein Sommer der Reformen werden sollen. Nicht, dass wir im kommenden Jahr noch von einem Frühling der Reformen reden. Sonst gehen die Jahreszeiten bald aus.

Und während ich diese Kolumne schreibe, sehe ich, dass es draußen angefangen hat zu schütten ohne Ende. Blöd, weil ich gleich mit meiner Vespa nach Hause fahren will. Und jetzt? Warten, dass der Regen aufhört? Nein. Ich fahr jetzt einfach los.