Anfang August stand Meolie Jauch ganz oben auf dem Treppchen: Die Turnerin aus dem schwäbischen Schönaich krönte sich in Dresden zur neuen deutschen Meisterin am Stufenbarren. Jauch gelang in der Elbmetropole eine fehlerfreie, beeindruckende Übung. Sie stand ihren Abgang, einen Doppelsalto rückwärts gehockt, ohne Wackler. Schon bei der Landung strahlte sie über beide Ohren, klatschte freudig in die Hände und rannte in die ausgestreckten Arme ihrer Trainerin Ghazal Seilsepour, ehe der Teenagerin die Tränen kamen.
Meolie Jauch: "Das ist schon krass"
Etwas mehr als zwei Monate später kann Jauch ihren Erfolg immer noch nicht so ganz begreifen. "Jetzt langsam habe ich so ein bisschen verarbeitet, dass ich wirklich Deutsche Meisterin geworden bin", sagte sie in der TV-Sendung SWR Sport und blickte zurück: "Im vergangenen Dezember hätte ich das niemals erwartet. Ich wusste nicht einmal, ob ich überhaupt noch Bundesliga turnen möchte. Dass es dann doch so gut geklappt hat und ich jetzt die beste Turnerin Deutschlands bin - das ist schon krass!"
"Krass" ist die Geschichte von Meolie Jauch in der Tat. Sie ist erst 18 Jahre alt - hat in ihrem Sportlerinnenleben aber bereits viel erlebt. Bevor sie nun ganz oben stand, war sie ganz unten: Im Dezember 2024 beendete die damals 17-jährige Turnerin frühzeitig ihre aussichtsreiche Karriere. Mit einem bewegenden Social-Media-Post verabschiedete sich die körperlich und mental angeschlagene Athletin aus dem Leistungssport. Die Teenagerin entschied sich bewusst für einen kompletten Schnitt, um an ihrem Mindset und ihrer Lebensbalance zu arbeiten.
"Alles war offen"
"Für Außenstehende war das sicherlich abrupt und kurzfristig. Aber ich habe mir das schon länger überlegt. Ich war ja lange verletzt. Dann habe ich gedacht, dass ich eigentlich nicht mehr so trainieren und weitermachen möchte, weil es mir dabei einfach nicht mehr so gut ging", blickte Jauch nun zurück und begründete: "Ich machte einen Cut und wollte etwas anderes sehen. Zu dem Zeitpunkt war noch alles offen. Niemand wusste, ob ich jemals wieder einen Schritt in eine Turnhalle setzen werde."
Ein krasser Schritt für Jauch, denn Turnen war von klein auf ihr Leben. Sie galt schon früh als Riesentalent. Im Alter von sechs Jahren trainierte Jauch bereits am Bundesstützpunkt Stuttgart, dem Kunstturn-Forum. Am Stufenbarren gehörte sie schon mit 16 zu den besten Turnerinnen Deutschlands. Anfang 2023 feiert Jauch ihr Debüt im Nationalkader.
Gefangen im Hamsterrad
Mit 17 lernte Jauch dann die Schattenseiten ihrer Passion kennen. Sie riss sich das Kreuzband, eine monatelange Pause war die Folge. Während die Turnerin für ihr Comeback schuftete, verflog die Leichtigkeit mehr und mehr. Sie fühlte sich nicht mehr wohl, sie stellte sich die Sinnfrage. Sie fühlte sich gefangen im Hamsterrad mit sechs Tagen Training in der Woche, Schule und Wettkämpfen. Zudem machten ihr die harten Umgangsformen am Bundesstützpunkt in Stuttgart zu schaffen.
Doch schnell merkte Jauch: "Ich kann ohne das Turnen nicht sein, ich muss weitermachen." Und so suchte sie nach einer Alternative - und fand sie. "Ich war dann schon eine Woche später im NeckarGym und habe mir das angeschaut", erzählte sie.
Meolie Jauch: "Ich trainiere bewusster und bedachter"
Bei der TS NeckarGym Nürtingen entdeckte sie ihre Lust am Turnen neu. "Das Entscheidende war, dass ich da ganz locker rangegangen bin. Es hat ja niemand etwas von mir erwartet", so Jauch. In Nürtingen trainiert sie viermal pro Woche statt wie vorher zehnmal. "Dafür trainiere ich bewusster und bedachter", reflektierte Jauch. "Die wenige Zeit, die ich habe, nutze ich besser. Das schont dann natürlich auch meinen Körper." Auch Trainerin Seilsepour sei ein großer Faktor dafür, dass der Spaß am Turnen wieder da sei.
Mit ebendieser Einstellung nimmt Jauch nun neue Ziele ins Visier - aber ganz ohne den frühere Druck. Und der "Blick über den Tellerrand" ist erlaubt. Sie habe andere Sportarten wie Hyrox und Crossfit ausprobiert sowie sich bei "Ninja Warrior" beworben, so Jauch, aber: "Turnen ist das, was ich schon immer gemacht habe und was ich liebe. Deswegen bin ich froh, dass ich es doch beibehalten habe und Spaß dabei empfinde."