Heute jährt sich der Feuerunfall von Niki Lauda auf der Nordschleife des Nürburgrings zum 50. Mal. Am 1. August 1976 verlor Lauda die Kontrolle über seinen Ferrari auf der berüchtigten Nordschleife. Der Formel-1-Weltmeister fuhr mit noch frischen Brandwunden nur sechs Wochen später sein nächstes Rennen. Dabei bangten viele nach dem Unfall um sein Leben. Für den Nürburgring und auch den Rennsport bedeutete der Unfall eine Zeitenwende.
"Die tollste und geilste Rennstrecke der Welt"
Einer, der sich noch sehr deutlich an diesen Tag im Jahr 1976 erinnert, ist Hans-Joachim Stuck. Die Rennfahrer-Legende war selbst im Starterfeld des Rennens am Nürburgring. Der zweifache Le-Mans-Sieger und mehrfache Gewinner des 24-Stunden-Rennens in der Eifel kann den Nürburgring nicht hinter sich lassen. "Der Nürburgring ist und bleibt die tollste und geilste Rennstrecke der Welt", sagt Stuck dem SWR im Interview.
Bereits mit neun Jahren und zwei Kissen unter dem Hintern fuhr er hier im BMW 700 seines Vaters auf der Nordschleife. "Der Nürburgring war sicher die Grundlage zu meiner Karriere." Eine Lehre seines Vaters zum Nürburgring und dem Rennfahren trug er bis zu seinem Karriereende in sich. "Verliere nie den Respekt vor der Strecke", habe ihn sein Vater gemahnt, sagt Stuck. Wie berechtigt diese Warnung war, zeigte dann der Sommer 1976.
Der Feuerunfall am 1. August 1976 auf der Nordschleife
Bereits im Vorfeld gab es Diskussionen zu den Themen Sicherheit und Geschwindigkeit, erinnert sich Stuck. Zunächst lief alles glatt, doch in der zweiten Runde verlor Lauda die Kontrolle über seinen Ferrari und prallte in die Leitplanke. Sein Auto ging sofort in Flammen auf. Die nachfolgenden Fahrer Brett Lunger und Harald Ertl prallten in sein brennendes Auto. Der Brite Guy Edwards konnte ausweichen. Arturo Merzario stoppte direkt an der Unfallstelle. Die vier eilten Lauda zu Hilfe. Merzario zog ihn aus dem brennenden Auto und rettete sein Leben.
Wenig später kam auch Stuck an der Unfallstelle an. "Ich bin zu Niki hin, der war Gott sei Dank ansprechbar." Stuck lotste dann den Krankenwagen entgegen der Fahrtrichtung zur Ausfahrt Breitscheid. Der kürzeste Weg von der Unfallstelle vor dem Abschnitt "Bergwerk" ins Krankenhaus nach Adenau. Der Rettungswagen wollte zuerst mit der Fahrtrichtung einen kilometerlangen Umweg fahren. "Da hat sich Niki bei mir unheimlich bedankt." Die Ärzte konnten so sehr schnell giftige Rauchgase aus Laudas Lunge absaugen.
Das rettete Lauda wohl ein weiteres Mal das Leben. Dafür bedankte er sich später bei Stuck. "Er hat mir damals eine wunderschöne Rolex geschenkt, die habe ich heute noch, die halte ich in Ehren." Aber das Wichtigste für Stuck war, dass Lauda überlebt hat.
Eine Zeitenwende für den Nürburgring und den Motorsport
Wie sehr der Tag den Nürburgring verändert hat, kann Alexander Kraß einordnen. Der Diplom-Theologe ist Nürburgring-Historiker. Er ist seit rund 20 Jahren am Ring unterwegs und hat mehrere Bücher und Artikel zur Rennstrecke veröffentlicht. "Der Unfall von Niki Lauda am 1. August 1976 war definitiv eine Zeitenwende", sagt Kraß. Nach dem Vorfall gab es keine Formel-1-Rennen mehr auf der Nordschleife. Das aber nur auf Laudas Unfall zu reduzieren, wäre falsch, sagt Kraß.
"Laudas Unfall war nicht der einzige Grund, dass es nach 1976 keine Formel 1 mehr auf der Nordschleife gab." Die Vorgeschichte reiche weit zurück. Seit Ende der 60er waren die Autos immer schneller geworden, die Strecken aber nicht sicherer. 1970 boykottierten Rennfahrer sogar den Ring, berichtet Kraß. Dieser wurde daraufhin für Millionen umgebaut. Doch bereits vor Laudas Unfall starben 1976 drei Fahrer auf dem Nürburgring. Die Topografie der Eifel und gerade der Nordschleife setzte Bauvorhaben Grenzen. "Es gab Dinge, die konnte man nicht ändern."
Das Ende der Formel 1 auf der Nordschleife
Laudas brennender Ferrari brachte die Diskussionen um die Nordschleife und den Ring dann an ihr Ende. "Am Ende kann man es vielleicht so ausdrücken: Der Unfall von Niki Lauda hat auch dem letzten Befürworter der Formel 1 auf der Nordschleife deutlich gemacht, dass die Kombination aus Formel-1-Rennwagen und dieser schwierigen Nordschleife, auch nach den Umbauten, zu gefährlich ist", sagt Kraß.
Besiegelt wurde das Formel-1-Aus dann kurz danach. Nach einer Streckenbegehung 1977 wurde entschieden: keine Formel 1 mehr auf der Nordschleife. Für die Region war das ein Schlag ins Gesicht, sagt Kraß. "Jede Rennveranstaltung ist ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor für die gesamte Eifel-Region. Der Nürburgring konnte es sich damals nicht leisten, die Formel 1 langfristig zu verlieren."
Das Hotel der Formel-1-Legenden
Das Ende der Formel 1 am Ring traf auch die Menschen in der Eifel, berichtet Ursula Schmitz, die damals das Hotel direkt vor den Toren des Nürburgrings eröffnete. Ihre Familie beherbergte die Elite der Formel 1. "Die wohnten immer fast alle hier, weil wir die Einzigen waren, die in jedem Zimmer eine Dusche hatten.” Ein Luxus damals, als Gemeinschaftsbäder der Standard waren. "Mir hat's wehgetan wegen der Gäste, weil die auch gerne kamen", aber sie hatte großes Verständnis für die Fahrer. "Wenn die nicht mehr fahren wollen, dann muss man Rücksicht drauf nehmen."
An Niki Lauda erinnert sich die mittlerweile über 80-Jährige sehr gut. "In Zimmer 25 hat er immer gewohnt." Im Hotel sind heute alle Zimmer nach den Rennfahrern benannt, die dort untergebracht waren. "Es war wirklich ein feiner Mensch, muss man sagen." Und genügsam war Lauda: "Außer sein Schnittlauchbrot wollte er abends gar nichts essen, nur Schnittlauchbrot." Der Schnittlauch kam damals frisch aus dem Garten der Tante von nebenan, sagt sie. In der Pistenstube, der hoteleigenen Bar, hängt bis heute ein signiertes Foto Laudas neben all den anderen Rennfahrern.
Der Unfall schockte alle Rennsportliebhaber
Am Unfalltag wurde Schmitz' Hotel auch zum Treffpunkt geschockter Fahrer, Fans und der Presse. "Da war nur noch Schweigen. Alle waren tieftraurig, die ganze Nacht waren alle da." Insgesamt drei Tage soll es so gewesen sein. "Wir wussten ja nicht, ob er das übersteht. Wir haben viel geweint hier."
Lauda überlebte und wurde durch den Unfall zur Ikone. Hans-Joachim Stuck sagt, Lauda habe einfach immer humorvoll nach vorne geschaut. Das erlebte Stuck besonders noch einmal zwei Jahre vor Laudas Tod, als er gemeinsam mit Lauda die Unfallstelle besichtigte. "Und auf einmal schaut er und sagt: ‚Hey, da liegt ja mein Ohr!’" Lauda soll am Abend zuvor selbst ein Schweinsohr dort platziert haben. "Das ist typisch für Niki, da sieht man, wie er mit diesem Ding positiv umgegangen ist."
Der Nürburgring nach der Zeitenwende
Die jahrelange Sicherheitsdebatte, mehrere Tote am Nürburgring und schließlich der Feuerunfall von Lauda lösten ein Umdenken aus. Daraus entstand die 1984 eröffnete Grand-Prix-Strecke. Lauda selbst beriet den Ring bei den Sicherheitsanforderungen für die neue Strecke und trug maßgeblich zur Weiterentwicklung bei, sagt der Historiker Kraß. Die Neuausrichtung sei auch alternativlos gewesen. "Ohne diesen Neubau hätte der Nürburgring keine Zukunft gehabt."
Beim Eröffnungsrennen am 12. Mai 1984 nahmen sowohl Niki Lauda als auch Hans-Joachim Stuck teil. Gewonnen hat das Rennen aber der damals noch recht unbekannte Ayrton Senna. Im Herbst kam dann auch die Königsklasse: "Im Oktober 1984 kam mit dem Großen Preis von Europa dann tatsächlich auch die Formel 1 zurück. Denn jetzt war klar, wir haben hier die sicherste Rennstrecke", sagt Kraß. Zuletzt fuhr die Formel 1 im Jahr 2020 am Ring. Aktuell gibt es keine Aussicht auf eine Rückkehr.
Zu teuer: Keine Formel-1-Rückkehr an den Nürburgring in Sicht
Der Nürburgring teilt auf Anfrage des SWR mit, dass es aktuell keine Bestrebungen der Formel 1 gibt, wieder am Ring zu fahren. "Hintergrund ist, dass wir wirtschaftlich nicht in der Lage sind, die Antrittsgage, die die Formel 1 in anderen Staaten erhält, auch nur ansatzweise mitzugehen. Daran wird sich voraussichtlich in naher Zukunft nichts ändern."
Die Nordschleife wird für die Formel 1 für immer tabu bleiben, erklärt Hans-Joachim Stuck. "Das geht nicht. Wenn du heute die Formel-1-Sicherheitsstandards siehst, du musst bei den hohen Geschwindigkeiten schon ordentlich Auslaufzonen haben, was ja auch manchmal geländemäßig gar nicht geht." Aber dass Deutschland als Automobilnation gar keinen Grand Prix mehr hat, ist für ihn "ein absolutes No-Go". Er wird hier emotional: "Himmel, Herrgott, Sakrament, das muss doch möglich sein, oder?", so Stuck.