Es ist Punkt 11 Uhr. Die Spannung steigt im Medienraum des DFB-Campus. Die Kameras laufen, die Handys sind gezückt, die Reporterinnen rutschen unruhig auf den Stühlen umher. Gleich wird er kommen: Kloppo, der Messias. Der Heilsbringer des deutschen Fußballs.
Die Tür öffnet sich. DFB-Pressesprecherin Franziska Wülle kommt als erste. Dahinter Präsident Bernd Neuendorf, Hans-Joachim Watzke, und dann folgt die Lichtgestalt … Christian Streich. Christian Streich!? Wie bitte!? Was macht der denn hier!? Wo ist Kloppo, der erste deutsche Fußball-Monarch seit "Kaiser" Franz Beckenbauer?
Stattdessen latscht Christian Streich aufs Podium. Herrlich, dieses Outfit! Beige-graues Poloshirt, leicht verwaschen. Modell "Ich hab’s halt angezogen, weil’s oben lag". Dazu eine dunkle Jeans. Nicht neu, nicht modisch, aber bequem. An den Füßen abgetragene dunkle Sneaker, die auch schon viele Rad-Kilometer und Fußballplätze gesehen haben. Unterm Arm eine Windjacke, es könnte ja draußen ziehen. Dazu leicht zerzaustes Haar. Schließlich stylt er sich nicht für die Kameras, sondern will zu den Menschen sprechen.
Fußball | Nationalmannschaft Jürgen Klopp: "Alles, was ich bin, habt ihr mich werden lassen"
Wochenlang wurde spekuliert, seit Freitag ist es Gewissheit: Jürgen Klopp wird neuer deutscher Bundestrainer. Ein Blick zurück auf seine Zeit im Südwesten.
Also tatsächlich dieser Christian Streich. Deshalb hatte der DFB in seiner Medieneinladung zu dieser Pressekonferenz also keinen Namen genannt. Was für ein außergewöhnlich kreativer Schachzug der Altherren-Riege des DFB. Statt des Vorzeige-Charismatikers Klopp mit seinem strahlenden Bleaching-Grinsen holen sie diesen badischen Bruddler. Das ist kein Coup, das ist eine fußballerische Kernfusion.
DFB-Schatzmeister Grunwald hatte nach dieser Personalentscheidung sicherlich laut aufgeatmet und ein Geräusch von sich gegeben, das irgendwo zwischen Seufzer und defektem Fahrradventil lag. Für Klopp hätte der DFB wohl die nächste Bundesanleihe zeichnen müssen. Der badische Trainer-Kauz Streich hingegen ist ein echtes Schnäppchen. Dem reicht ein solides Grundgehalt, ein neues Paar Wanderschuhe und eine Jahreskarte für die Freiburger Straßenbahn. Streich kommt nicht wegen der Millionen - er kommt, weil der Ball rund ist und auf den Rasen gehört.
Während der DFB-Schatzmeister seine Goldbarren also weiter polieren kann, schauen sich die Medienvertreter fassungslos an. Dabei sind manche von ihnen in den vergangenen Jahren doch über fast jede Schleimspur geglitten, um so nah wie möglich an den DFB-Starkickern und künftig der Himmelserscheinung Klopp dran zu sein. Und jetzt setzen die Verbands-Senioren ihnen diesen Freiburger Fußballlehrer vor die Nase.
Nichts ist es also mit den erhofften Selfies mit Kult-Klopp, um die Fotos zeitnah und filtergeschönt auf ihren Social‑Media‑Kanälen in die Welt der Hübschen und Hippen zu jagen. Die frisch gegelten Frisuren, das hübsche Dekolleté, die vorbereiteten Hashtags - alles für die Katz.
Meinung zum neuen Bundestrainer "Komplettpaket Klopp": Bewältigt der Mann aus dem Schwarzwald die Herkulesaufgabe?
Jürgen Klopp ist seit Freitag neuer Bundestrainer und Nachfolger von Julian Nagelsmann. Damit allein sind die vielen Problemen rund ums Nationalteam noch nicht gelöst, sagt SWR-Sportredakteur Kersten Eichhorn.
Ein Mix aus badischem Dialekt, Granteln und Menschenfreundlichkeit
Stattdessen nimmt Streich direkt mal den Hollywood-Hochglanz aus der Veranstaltung. Kein glattgebügelter PR-Sprech, sondern eine Mischung aus badischer Direktheit, Menschenfreundlichkeit und leichtem Granteln. "Grüß Gott miteinander", beginnt er. "Also, bevor ihr da jetzt alle eure Kameras und Handys hochreckt: Beruhigt euch erst mal. Ich bin doch kein seltenes Wildtier, das man gleich fotografieren muss, nur weil’s grad aus dem Wald kommt."
Und weiter geht's: "Ihr seid doch alles g'scheite Leute. Ihr arbeitet hart, ihr steht früh auf, ihr schreibt Texte, die manchmal sogar gelesen werden. Ich sag’s euch gleich: Wenn ihr denkt, dass ich hier jetzt Marketing‑Sprüche runterleiere, dann habt ihr euch geschnitten. Wir reden heute über Fußball, über Arbeit, über Verantwortung. Und nicht darüber, ob irgendeiner von euch ein Selfie braucht, damit’s auf Instagram gut aussieht. Das könnt ihr später immer noch machen, wenn ich nicht mehr so verschwitzt bin. Also, jetzt macht eure Geräte leise, und dann schaffen wir was. Gell?“
Die richtige Farbe der Schühchen
Und dann redet der Streich über seine Vorstellung eines fußballerischen Neuanfangs. Der Joshua und die anderen Jungs, die bräuchten keine Powerpoint-Präsentation über "Synergieeffekte im Offensivdrittel", sie bräuchten neue Energie. "Wir haben Spieler, die Millionen verdienen. Aber wenn es darum geht, den Grasboden umzupflügen, dann gucken sie lieber, ob die Schühchen auch die richtige Farbe haben. Da krieg' ich die Krise! Wir müssen sie wieder spüren, diese Verantwortung für die Menschen da draußen."
Streich ist der personifizierte Fußball-Stammtisch mit gesellschaftlich-intellektuellem Anstrich. Der Kulttrainer aus Freiburg spricht nicht von "Expected Goals", sondern von "Sorgfalt und Demut vor dem Ball". Der Mann bringt endlich die Bodenhaftung zurück. Zwar fährt er auch wie Vorgänger Nagelsmann mit dem Fahrrad zum Training - nur nicht in Begleitung seiner Frau. Selbst dann, wenn es aus Kübeln schüttet.
Streich zeigt, wo der Barthel den Most holt
Was für ein unerwartet cooler Move des DFB. Klar, Messias Klopp hätte seine strahlend weißen Zähne gezeigt. Streich hingegen zeigt dem ganzen Laden, wo der Barthel den Most holt. Der Neuanfang mit Christian Streich wird eine Wucht. Leidenschaftlich, wild und unbezahlbar ehrlich.
Kurz danach wachte ich auf - aus meinem Traum. Er war wundervoll.