Meinung zum neuen Bundestrainer

"Komplettpaket Klopp": Bewältigt der Mann aus dem Schwarzwald die Herkulesaufgabe?

Jürgen Klopp ist neuer Fußball-Bundestrainer und Nachfolger von Julian Nagelsmann. Damit allein sind die vielen Problemen rund ums Nationalteam noch nicht gelöst, sagt SWR-Sportredakteur Kersten Eichhorn.

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Von Autor/in Kersten Eichhorn

Zunächst einmal Daumen nach oben. Jürgen Klopp verkörpert zweifellos die Ideallösung als neuer Bundestrainer. Mit seinen 59 Jahren ist er ein überaus erfahrener Mann, der mit allen seinen Vereinen erfolgreich war. Er ist international hochgeschätzt als Übungsleiter mit größtem Fachwissen, Charisma und vor allem der nötigen Energie und Leidenschaft für das Spiel mit dem Ball. Einer, der Aufbauarbeit kann, der zudem die Klaviatur der Medien nach wie vor meisterhaft beherrscht, so zu sehen bereits bei der Antritts-Pressekonferenz am Freitag in Frankfurt. Klopp wie eh und je, ganz hemdsärmeliges Energiebündel.

Einziger DFB-Kandidat Klopp

Der frühere Mainzer ist eine Art "Komplettpaket" für diese geradezu staatstragend-wichtige Aufgabe im deutschen Fußball, einer mit Aura und Autorität. Dass sich der DFB ausschließlich auf den Wunschkandidaten Klopp festgelegt hatte und damit in eine gefährliche Einbahnstraße fuhr? Das ist im Nachhinein nicht mehr relevant. Schließlich kam für den überwiegenden Teil der Öffentlichkeit sowieso nur dieser eine Name als Nagelsmann-Nachfolger in Frage. Daran änderte auch sein letzter Job, das vor allem bei den Fußball-Traditionalisten höchst umstrittene Engagement beim Red-Bull-Konzern, nichts.

Ein Klopp allein reicht nicht

Jetzt ist er also da, der neue "Heilsbringer". Doch der Name und die Person Klopp allein versprechen nicht automatisch Tore, Siege und neue Erfolge. Schließlich liegt das DFB-Team nach dem wiederholt blamablen Scheitern bei einer WM sportlich und moralisch am Boden. Und allein die frische Begeisterung rund um den neuen Bundestrainer aus dem Schwarzwald wird die Nationalmannschaft nicht wiederbeleben und geradewegs zurück in die Weltspitze führen. Das sollte uns der schmerzhafte Blick in die Vergangenheit lehren.

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Wochenlang wurde spekuliert, seit Freitag ist es Gewissheit: Jürgen Klopp wird neuer deutscher Bundestrainer. Ein Blick zurück auf seine Zeit im Südwesten.

Nach Löw scheiterten auch Flick und Nagelsmann

Zur Erinnerung. Ähnlich groß waren Hoffnung und Vorfreude, als der Bammentaler Hansi Flick, hochdekoriert als Multi-Titel-Trainer des FC Bayern, im August 2021 als Nachfolger des zunehmend erfolglosen Freiburgers Jogi Löw das gestrauchelte Nationalteam übernahm. Das ernüchternde Resultat: WM-Vorrunden-Aus 2022 in Katar, entlassen im September 2023.

Danach schwappte die Begeisterung um Flicks Nachfolger Julian Nagelsmann hoch. Der einstige Hoffenheimer Shootingstar, einmal mehr Wunschkandidat des DFB, enttäuschte ebenso, scheiterte am 29. Juni an WM-Underdog Paraguay. Wenige Tage danach war auch der Name Nagelsmann beim DFB Geschichte.

Der neue Hoffnungsträger aus dem Schwarzwald

Nach Löw, Flick und Nagelsmann kommt jetzt mit Klopp bereits der vierte Bundestrainer binnen fünf Jahren an die Reihe. Eine peinliche Bilanz des DFB in Sachen Kontinuität. Und schon wieder sind die Hoffnungen euphorisch-übergroß, dass diesmal der gebürtige Stuttgarter Klopp zum vermeintlichen "Retter" der frustrierten Fußballnation wird. Was eine brutale Last der Erwartung auf den Schultern des großen Mannes aus dem kleinen Glatten bei Freudenstadt.

Vier Bundestrainer in fünf Jahren

Jürgen Klopp ist aber nicht nur ein erfolgreicher, sondern auch ein schlauer Mann. Er weiß selbst ganz genau, und er hat es wohlwissend schon während der WM als TV-Experte mehrfach formuliert, dass die anhaltende Malaise des DFB-Teams nicht allein an der Person des jeweiligen Bundestrainers festgemacht werden kann. Löw in der Endphase, Flick und Nagelsmann, die drei aus dem Südwesten, gescheitert nicht nur an den eigenen Fehlern, sondern vor allem auch an den kränkelnden Grundstrukturen des deutschen Leistungsfußballs. Auch an einer zunehmenden Zufriedenheit und Bequemlichkeit.

Der deutsche Fußball krankt an vielen Stellen

Es gibt Fragen über Fragen. Wo, bitteschön, war in den vergangenen Jahren eine klare Spielidee der Nationalmannschaft zu erkennen, eine Art deutsche DNA? Wo sind die einst berühmt-berüchtigte Zweikampfstärke und die Kampfkraft des deutschen Fußballs geblieben? Wo sind die echten Typen mit leidenschaftlicher Körpersprache, Gier nach Erfolg und vor allem mit Mut und Mentalität? Ein Hauch Argentinien würde ebenso guttun wie ein Stück Spanien.

Das Abwehrverhalten ist schon seit Jahren mangelhaft, selbst Curacao schießt gegen uns Tore. Dazu kommen die latenten Probleme auf wichtigen Positionen. Außenverteidiger oder Außenstürmer von internationaler Klasse? Fehlanzeige. Echte Mittelstürmer? Seit Miro Klose 2014 nicht mehr gesehen. Von Weltklasse in der Mannschaft keine Spur. Irgendwie alles Grau in Grau. Bieder, brav und nett.

Ausländische Stars setzen Akzente

Zur bitteren Wahrheit gehört aber auch, dass die Bundesliga immer weniger personelle Alternativen für den Bundestrainer bietet und als Zulieferbetrieb schwächelt. Die Top-Teams setzen vor allem in der Offensive immer häufiger auf ausländische Stars.

Kane, Olise, Diaz und demnächst Saibari entscheiden bei den Bayern die Spiele, ein Guirassy in Dortmund. Diomande und Baumgartner setzen in Leipzig die Akzente, Kramaric, Asllani und Touré in Hoffenheim. In Leverkusen heißt der Toremacher Schick, in Freiburg sind es Matanovic und Grifo.
Allein der VfB Stuttgart bildet mit den Nationalmannschaftskandidaten Undav, Führich oder Leweling die Ausnahme von der Regel.

Schwieriger Sprung in die Bundesliga

Hinzu kommt, dass es beim Übergang der deutschen Top-Talente in die Bundesliga hakt und klemmt. Von 2023er Weltmeister-Mannschaft der U17 schafften bis jetzt mit WM-Nachrücker Assan Ouedraogo in Leipzig, mit Finn Jeltsch beim VfB Stuttgart und mit Abstrichen Max Moerstedt in Hoffenheim gerade einmal drei Spieler den Sprung in die erste Liga. Im deutschen U19-Vize-Europameisterteam vom 11. Juli stand mit Otto Stange vom HSV nur ein einziger Spieler mit Bundesliga-Erfahrung. Ein Armutszeugnis und die Frage: Was läuft da falsch?

Kein tägliches Arbeiten möglich

Und so hängt mit Amtsantritt ein prallgefüllter Rucksack voller schwieriger Aufgaben schwer auf den Schultern von Jürgen Klopp. Zumal der Bundestrainer, anders als bei den täglichen Einheiten im Verein, seine Nationalspieler nur im Zweimonats-Rhythmus unter die Fittiche bekommt, kaum Zeit für zielgerichtetes Arbeiten bleibt.

Und noch ein Unterschied zum Vereinscoach: Für den Bundestrainer gibt es keinen internationalen Transfermarkt, keine Neueinkäufe für die Kaderplanung. Klopp muss aus dem akuten Mangel an Klasse das maximal Mögliche herausholen. Über Zusammenhalt und Teamwork und dem "Klopp`schen Kraftfußball", vielleicht auch mit der Rückkehr zur fußballerischen Einfachheit. Löw, Flick und Nagelsmann ist das in den letzten zwölf Jahren nicht gelungen.

Vorfreude ja, Euphorie nein

Wenn diese Herkulesaufgabe als "Ersthelfer" jemand stemmen kann, dann ein Jürgen Klopp mit allen seinen Facetten als Trainer und Typ. Er ist der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort für die nötige Aufbruchstimmung. Für Euphorie aber ist aus den genannten Gründen längst (noch) kein Platz.

Das Gute für den neuen Hoffnungsträger: Es kann unter Klopp eigentlich nur besser werden. Und vielleicht geht bei der EM in zwei Jahren dann endlich auch beim DFB-Team mal wieder der Daumen nach oben.

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Kersten Eichhorn