Hansi Müller, das Ausscheiden der deutschen Mannschaft gegen Paraguay war eine große Überraschung. Wo haben Sie das gesehen?
Zu Hause, entspannt, bei den Temperaturen auf der Terrasse. Zum Glück hatten wir einen großen Bildschirm.
Wie enttäuscht sind Sie über das Ausscheiden der deutschen Mannschaft?
Ich denke, kaum jemand hat damit gerechnet, dass das passieren kann. Was ich während der Übertragung erfahren habe, war, dass Paraguay Brasilien, Argentinien und noch andere starke Teams geschlagen hat. Das spricht natürlich für die Gegner, aber die deutsche Mannschaft hat bisher bei der WM auch keine Bäume ausgerissen. Überraschend war für mich, dass man in der ersten Halbzeit, obwohl man viel Ballbesitz hatte, nie zu einer echten Torchance kam. Es fehlte ein wenig der Überraschungsmoment, die Spielfreude und die Risikobereitschaft. Die Versuche waren da, aber man kam nicht zu den überfallartigen Momenten vor dem Tor. Gegen Paraguay im Sechzehntelfinale ist das problematisch, wenn man bedenkt, welche Kaliber noch unterwegs sind. Man hätte gegen Frankreich auch auf einem ganz anderen Level antreten müssen. Insgesamt gehört Deutschland derzeit leider nicht zu den besten Mannschaften.
Sie haben die mangelnden Chancen im letzten Spiel angesprochen. Was war das allgemeine Problem?
Das lässt sich nicht in einen einzigen Satz fassen. Der 7:1-Auftakt gegen Curacao war sicher kein guter Start und hat zu viel Euphorie gebracht. Andere Mannschaften, mit denen man nicht gerechnet hatte, wurden plötzlich stark in der K.o.-Phase. Die Underdogs sind zwar nicht mehr so schwach, weil viele Spieler in Top-Ligen spielen und taktisch gut geschult sind. Bei einer WM ist es oft extrem eng. Was mich stört, ist, dass der Schiedsrichter im Spiel Deutschland gegen Paraguay seine Meinung nicht beibehalten hat. Das Tor in der Verlängerung von Jonathan Tah war kein Foul. Mit dem 2:1 hätte man weiterkommen können. Die Gründe für das Ausscheiden liegen aber tiefer: Es fehlten Risikobereitschaft, Wille und Gier, den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Meinung zum neuen Bundestrainer "Komplettpaket Klopp": Bewältigt der Mann aus dem Schwarzwald die Herkulesaufgabe?
Jürgen Klopp ist seit Freitag neuer Bundestrainer und Nachfolger von Julian Nagelsmann. Damit allein sind die vielen Problemen rund ums Nationalteam noch nicht gelöst, sagt SWR-Sportredakteur Kersten Eichhorn.
Bundestrainer Julian Nagelsmann wird jetzt in Frage gestellt. Es wird über Jürgen Klopp als möglichen Nachfolger diskutiert. Welche Konsequenzen sollte der DFB aus Ihrer Sicht ziehen?
Wir haben einen sehr wichtigen Mann in der Nationalmannschaft, und das ist DFB-Sportdirektor Rudi Völler. Er war ein erfolgreicher Spieler, Trainer, hat viel Erfahrung und ist jetzt ganz nah an der Mannschaft dran. So einer muss mit ein paar anderen Leuten zusammen das aufarbeiten. Klopp ist definitiv ein Thema: Er hat Mainz, Dortmund und Liverpool geprägt. Und wenn er jetzt zum Beispiel sagen würde, ich hätte wieder Bock auf einen Trainerjob, dann muss man sich das wirklich sehr, sehr gut überlegen und sich damit auseinandersetzen. Da gibt es natürlich genug Dinge zu klären. Aber da komme ich nochmal auf den Rudi Völler, der ja auch weiß, wie das Geschäft läuft und was Sache ist. So ein Mann wie der Jürgen Klopp muss ein Thema sein. Das ist jetzt nicht in erster Linie eine Entscheidung knallhart gegen Julian Nagelsmann, sondern eine Entscheidung pro Jürgen Klopp. Für mich ist er ein Menschenfänger. Der weiß genau, wie er mit jedem Spieler einzeln umgeht, wie er sie anpackt, wie er sie motiviert. Julian Nagelsmann ist noch relativ jung und hatte auch jetzt im Vorfeld der WM die ein oder andere unglückliche Aktion gehabt. Zum Beispiel die Aussagen über VfB-Stürmer Deniz Undav beim Spiel gegen Ghana.
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Deniz Undav hat in den ersten zwei WM-Partien drei Tore erzielt und Vorlagen gegeben, danach nicht mehr getroffen. Wie sehen Sie ihn?
Deniz hat auf der Weltbühne für Aufsehen gesorgt. Es war überraschend, wie stark er ins Turnier gestartet ist. Nagelsmann ließ Musiala dann gegen Paraguay draußen und setzte Deniz von Anfang an ein. Man hätte auch über andere Veränderungen nachdenken können, zum Beispiel Leroy Sané, der bei Galatasaray Istanbul wenig Torbeteiligungen hat, herauszunehmen. Aber ich freue mich erst mal für Deniz. Er ist ein wichtiger Impulsgeber für den VfB Stuttgart, sowohl auf dem Feld als auch außerhalb. Er ist ein Instinktsspieler, ähnlich wie Gerd Müller früher. Er wird sicher nicht als Verlierer zurückkommen, aber das frühe Ausscheiden schmerzt ihn.
Wie haben Sie die Stuttgarter Spieler insgesamt bei der WM gesehen?
Jamie Leweling und Angelo Stiller gehören eigentlich zum Kern der Nationalmannschaft. Auch Chris Führich und Maxi Mittelstädt, die jetzt nicht dabei waren, hätten mehr Beachtung verdient, weil sie dazu beigetragen haben, dass der VfB in der Champions League spielt.
Und wie sehen Sie die VfB-Spieler außerhalb der deutschen Nationalmannschaft bei dieser WM?
Ermedin Demirovic hat mit Bosnien und Herzegowina gegen die USA eine schwere Aufgabe vor sich und ist noch nicht so in Erscheinung getreten. Bilal El Khannouss ist bei Marokko ein ganz anderer Typ: schnell, trickreich, vielseitig, geht auch defensiv mit, erkämpft Bälle, ist ein kompletter Spieler. Ob er in der neuen Saison beim VfB bleibt, ist fraglich, weil er erst 22 Jahre ist und großes Interesse bei anderen Topclubs wecken könnte. Luca Jaquez kommt bislang wenig zum Einsatz, aber die Schweizer sind noch dabei. Da kann noch einiges passieren.
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Kurz noch zu Ihrem Herzensverein VfB Stuttgart. Was muss der VfB in der kommenden Saison transfertechnisch noch tun? Und welchen Einfluss hat das deutsche Ausscheiden auf die VfB-Spieler, die dabei waren?
Das Turnier geht noch drei Wochen, da gilt es, das Erlebnis zu verarbeiten. Deniz Undav könnte gestärkt zurückkommen: Er hat gezeigt, dass er in die Nationalmannschaft dazugehört, und er hat die breite Brust, um weiterzumachen. Die Champions League wird eine andere Hausnummer als die Europa League. Es wäre gut, noch eine weitere Verstärkung im Angriff zu bekommen, damit der Kader breit genug ist. Sollte El Khannouss gehen, braucht man eine gute Alternative für ihn. Insgesamt hoffe ich, dass der VfB die richtigen Schlüsse zieht und gestärkt in die neue Saison geht.