Dr. Thaya Vester ist Kriminologin und forscht am Institut für Kriminologie der Universität Tübingen. Zu ihren Schwerpunkten gehört Gewalt und Gewaltprävention im Fußball, insbesondere in Fußballstadien. Im Interview mit "Zur Sache: Rheinland-Pfalz" spricht sie über die Ausschreitungen beim Südwestderby zwischen Anhängern des 1. FC Kaiserslautern und Waldhof Mannheim.
SWR: Wie kann es sein, dass bei so einem Hochrisikospiel Pyrotechnik, Raketen und Böller ins Stadion gelangen? Müssten die Kontrollen nicht ganz anders ablaufen?
Dr. Vester: In der Tat haben wir am Wochenende sehen müssen, dass selbst die Einstufung als Hochrisikospiel noch nicht ausgereicht hat, um Vorfälle wirklich massiver und schlimmer Art zu verhindern, sodass man sich wirklich fragen muss, an welcher Stelle man da ansetzen kann.
Wir haben kein Problem, was einzelne Instrumente und Regelungen betrifft, sondern vielmehr die konsequente Anwendung und Umsetzung.
Wie schätzen Sie das als Gewaltforscherin ein: Was passiert mit Menschen, die bei einem Fußballspiel in solche Gewaltexzesse geraten?
Es gibt leider einen gewissen Anteil an Menschen, die das ganz bewusst suchen. Das sind solche, die appetitiv Gewalt ausüben. Das bedeutet, die haben da regelrecht Lust drauf und suchen das ganz gezielt, um da einen Kick zu bekommen.
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Suche nach dem nächsten "Kick"
Und das ist besonders problematisch, weil Hemmschwellen überschritten werden. Wenn ich das gemacht habe, bin ich auf der Suche nach dem nächsten Kick. Und das Verhalten wird immer zunehmend eskalierend. Deshalb ist es ganz besonders wichtig, dass man solche Personen eben nicht schalten und walten lässt, sondern dementsprechend einschreitet und es unterbindet.
Rheinland-Pfalz setzt vor allem auf Prävention. Mit einer neuen Stadion-Allianz sollen Polizei, Vereine, Fan-Projekte und Kommunen enger zusammenarbeiten, um Gewalt schon im Vorfeld zu verhindern. Ist das aus Ihrer Sicht der richtige Ansatz?
Aus der Forschung wissen wir, dass insbesondere Kommunikation und Dialog die Punkte sind, wo man am meisten positive Effekte bewirken kann. Aber es kommt ganz klar auch darauf an, dass das nicht nur auf dem Papier steht, sondern gelebt wird.
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Gewaltforscherin Vester: "Können keine komplette Fußballkurve erziehen"
Man braucht nicht glauben, dass man in der Lage ist, mit einer Sozialpädagogenstelle eine komplette Fußballkurve in irgendeiner Form erziehen zu können. Das ist nichts, was von heute auf morgen geht. Da muss Vertrauen aufgebaut werden, da muss viel miteinander gesprochen werden, um wirklich zum Ziel zu kommen.
Wer sollte Ihrer Meinung nach diese Polizeieinsätze bezahlen? Bremen stellt ja schon Rechnungen aus, Rheinland-Pfalz tut das bisher nicht. Sollten die Vereine auch an diesen Kosten beteiligt werden?
Ganz grundsätzlich ist es erst mal richtig und gut, dass der Staat für uns Aufgaben der Sicherheit übernimmt. Wenn wir jetzt aber feststellen, dass wir immer wieder dieselben Verursacher haben, dann muss man tatsächlich darüber diskutieren, wie kann das sein, dass dann die Solidargemeinschaft, dass alle dafür aufkommen müssen.
Es gäbe auch jetzt schon die Möglichkeit, dass die Vereine viel stärker die Verursacher vor Ort dann eben auch in Regress nehmen. Aber das passiert viel zu wenig.
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Wenn einzelne Täter für die Kosten aufkommen sollen, stellt sich natürlich die Frage, ob dann nicht trotzdem noch Raketen gezündet und Böller geworfen werden, oder?
Wenn mal klar wäre, dass man mit diesem Verhalten nicht durchkommt - und wir sehen durch diese ganzen Vermummungen im Stadion ja, wie viele Personen ungescholten davon kommen, ohne Strafe - dann können Sanktionen auch nicht wirken. Die müssen wirklich zielgerichtet sein und diejenigen treffen, die das Ganze verursacht haben und nicht nur mittelbar.
Dr. Vester: "Vereine kaufen sich teilweise frei"
Wir sehen auch, dass Vereine sich teilweise auch schon weitestgehend freikaufen. Man kann im Vorfeld kalkulieren: so und so viele Pyrofackeln kostet so viel Strafe, da kaufen wir uns eine schöne Lichter-Show. Das darf nicht sein. Man muss sich auch inhaltlich mit dem auseinandersetzen und dafür sorgen, dass das nicht mehr passiert.