Die Tür hinter sich schließen, durchatmen, ankommen. Für viele Menschen ist das selbstverständlich nach einem langen Tag. Für andere wird genau dieser Moment zur Unsicherheit. Bleibt meine Wohnung? Oder droht bald der Verlust des Zuhauses?
In Saarbrücken versuchen Sozialarbeiter:innen der Diakonie genau das zu verhindern. Mit Streetwork, Beratung und einer neuen Fachstelle für präventive Wohnraumsicherung - der Bedarf ist groß.
Wenn ein Antrag fehlt – und plötzlich die Miete ausbleibt
„Die Fälle sind sehr unterschiedlich“, sagt Nina Lesser. Sie arbeitet in der neu eingerichteten Fachberatung für präventive Wohnraumsicherung bei der Diakonie Saar. Häufig beginne die Krise mit etwas scheinbar Kleinem. Lesser berichtet, dass beispielsweise vergessen wurde, einen Weiterbewilligungsantrag für Bürgergeld zu stellen. Wenn dieser Antrag fehle, wird das Geld nicht mehr ausgezahlt. Damit bleibe dann auch die Mietzahlung aus. Mahnungen folgen, Rückstände entstehen, schließlich droht die Kündigung. „Dann wird ein Prozess in Gang gesetzt, der letztlich zur Wohnungslosigkeit führen kann“, sagt Lesser.
In ihrer Beratung versucht sie gemeinsam mit den Betroffenen, diesen Prozess zu stoppen. Oft geht es darum, Anträge nachträglich zu stellen, mit Vermietern zu sprechen oder Lösungen für Schulden zu finden. Die Menschen, die Hilfe suchen, sind sehr unterschiedlich. Manche haben gerade eine Trennung hinter sich, andere kämpfen mit gesundheitlichen oder finanziellen Problemen. Ein einheitliches Bild von Menschen mit drohendem Wohnungsverlust gibt es nicht.
Zahl der Wohnungslosen steigt weiter
Allein Anfang 2025 waren etwa 474.700 Menschen wegen Wohnungslosigkeit in Einrichtungen - hauptsächlich in Not- und Gemeinschaftsunterkünften - untergebracht. Das sind rund 8 Prozent mehr als im Jahr davor. In Saarbrücken erlebt Tobias Braun täglich die Auswirkungen dieser Entwicklung. Seit fünf Jahren arbeitet er in der Streetwork und sozialen Beratung der Diakonie Saar. Ein Faktor ziehe sich durch viele Geschichten, sagt er: „Armut ist ein zentraler Auslöser für Wohnungslosigkeit."
Schätzungen der Wohnungslosenhilfe gehen sogar davon aus, dass 2024 bundesweit mehr als 1 Million Menschen zeitweise wohnungslos waren – also ohne eigene Wohnung lebten.
Schweigen - aus Angst die Wohnung zu verlieren
Und wer eine Wohnung hat, traut sich aus Angst vor Kündigung oft nicht Mängel zu melden – das berichten die Teilnehmer:innen der ARD Mitmachaktion #besserwohnen. Seit der frühere Hausmeister in Rente sei, habe sich das Verhältnis zur Hausverwaltung stark verschlechtert: „Unfreundliche Briefe, unnötiger Druck – ich traue mich kaum noch, Mängel zu melden", schreibt eine #besserwohnen-Teilnehmerin aus Stuttgart.
Ein User aus Nordrhein-Westfalen schreibt, seine Wohnung sei „nass und schimmelig“, doch trotz jahrelanger Suche finde er keine neue. Ein anderer aus Hagen berichtet, das Jobcenter halte seine Wohnung für zu groß. Ein Umzug sei für ihn jedoch kaum zu stemmen: „Ich müsste meinen Haushalt stark verkleinern und über jeden Cent verhandeln.“ Stattdessen nehme er Kürzungen beim Regelsatz und weniger Heizung in Kauf. Bezahlbare kleine Wohnungen finde er kaum – meist nur „Bruchbuden“ oder zu teure Angebote.
Steigende Mieten, knapper Wohnraum und hohe Energiekosten verschärfen die Lage zusätzlich – besonders für Menschen im Leistungsbezug.
Mietkrise - Schwer eine neue Wohnung zu finden
Auf dem freien Wohnungsmarkt konkurrieren viele Interessenten um wenige Wohnungen. Tobias Braun von Der Diakonie Saar beschreibt Situationen, in denen bei Besichtigungen dutzende Menschen gleichzeitig erscheinen. In solchen Momenten wird schnell deutlich, wer bessere Chancen hat. „Wenn dort zwei Leute mit Arbeitsvertrag stehen, weiß man eigentlich schon, dass unsere Klienten kaum eine Chance haben“, sagt er.
Viele Menschen würden deshalb in Wohnverhältnissen landen, die kaum Sicherheit bieten, erzählt er. Kleine Zimmer, Gemeinschaftsbäder oder unsichere Vertragsformen seien keine Seltenheit. Auch steigende Energiekosten würden die Lage zusätzlich verschärfen: Wenn Rechnungen nicht bezahlt werden könnten, drohen Energiesperren. Ohne Strom oder Heizung könne eine Wohnung für Vermieter unzumutbar werden, was wiederum Kündigungen nach sich ziehen kann.
Zwangsräumung ist ein traumatisches Erlebnis
Der Moment, in dem Menschen ihre Wohnung verlieren, gehört zu den einschneidendsten Erfahrungen, die Sozialarbeiter in ihrer Arbeit beobachten. „Eine Räumung ist ein extrem traumatisches Erlebnis“, sagt Braun.
Dabei kommen Gerichtsvollzieher und weitere Beteiligte in die Wohnung. Möbel, persönliche Gegenstände und Erinnerungsstücke werden ausgeräumt und eingelagert. Zurück bleibt häufig das Gefühl, plötzlich alles verloren zu haben. Viele Betroffene erleben diesen Moment mit Angst, Scham und Verzweiflung. Für manche kommt Wut hinzu, oft als eine Art Schutzreaktion.
Der Verlust der Wohnung bedeutet mehr als nur den Verlust eines Daches über dem Kopf. Es geht auch um den Verlust eines Rückzugsortes. „Wenn dieser geschützte Raum wegfällt, ist das ein enormer Einschnitt", sagt Braun.
Die Frau, deren Zuhause in letzter Minute gerettet wurde
Manchmal gelingt es jedoch, den Wohnungsverlust in letzter Minute zu verhindern. Nina Lesser erinnert sich an einen Fall, der ihr besonders im Gedächtnis geblieben ist. Eine Frau hatte zwölf Jahre lang in derselben Wohnung gelebt. Wegen einer Suchterkrankung geriet sie jedoch in eine persönliche Krise und schaffte es nicht mehr, den Weiterbewilligungsantrag für Bürgergeld rechtzeitig zu stellen.
Die Folge war, dass fünf Monate lang keine Miete gezahlt wurde. Schließlich kam es zur Räumungsklage, und ein Termin für die Räumung stand bereits fest. Die Frau reagierte zunächst mit Rückzug und ignorierte Briefe und Mahnungen. Erst später wandte sie sich an die Beratungsstelle.
Gemeinsam mit der Vermietungsgesellschaft und dem Jobcenter konnte schließlich eine Lösung gefunden werden und sie durfte in der Wohnung bleiben. „Es war Anfang Winter“, sagt Lesser. „Ich habe wirklich befürchtet, dass diese Person das vielleicht nicht überlebt, wenn sie jetzt obdachlos wird.“ Heute geht es ihr wieder deutlich besser.
Entscheidend ist die Zusammenarbeit mehrere Institutionen
In Deutschland kümmern sich neben der Diakonie, der Deutsche Caritasverband, die Arbeiterwohlfahrt (AWO), der Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband, das Netzwerk Housing First Deutschland und andere um die Verhinderung von Wohnungslosigkeit.
Doch weder Sozialarbeit noch Behörden oder Vermieter können Wohnungsverlust allein verhindern. Erst wenn verschiedene Stellen zusammenarbeiten, entstehen Lösungen. Beratungsstellen vermitteln, Jobcenter prüfen finanzielle Hilfen, Vermieter entscheiden über Fristen oder Vereinbarungen. Wenn diese Zusammenarbeit funktioniert, können Räumungen manchmal verhindert werden.
Reform des Bürgergelds: Sozialarbeiter haben Sorge vor mehr Wohnungslosigkeit
Mit Blick auf politische Diskussionen über Veränderungen im Bürgergeldsystem äußern die beiden Sozialarbeiter:innen auch Sorgen. Besonders kritisch sehen sie mögliche Sanktionen, bei denen Zahlungen gekürzt werden könnten. Wenn dadurch auch Mietzahlungen ausfallen, könnte das die Zahl der Wohnungslosen weiter erhöhen.
Braun hält das für eine problematische Entwicklung. Ein Platz in einer stationären Einrichtung der Wohnungslosenhilfe koste im Schnitt etwa 2500 Euro im Monat. Eine Wohnung sei deutlich günstiger. Wenn Wohnungslosigkeit verhindert werden solle, müsse man vor allem verhindern, dass Menschen ihre Wohnungen verlieren.
Digitale Hürden: Wenn Behördenpost nur noch per App kommt
Auch die zunehmende Digitalisierung von Behörden kann für manche Menschen zum Problem werden. Viele Jobcenter nutzen inzwischen Apps zur Kommunikation. Doch nicht alle Menschen verfügen über die nötige technische Erfahrung. Manche verlieren ihr Smartphone, andere nutzen die App kaum oder verstehen ihre Funktionen nicht.
Wenn Termine dadurch verpasst werden, können Sanktionen drohen. Für Sozialarbeiter ist das eine zusätzliche Herausforderung. Sie können Betroffene unterstützen, haben aber selbst keinen direkten Zugriff auf die digitalen Konten.
Ein Wunsch für die Zukunft: Mehr Prävention
Für die Zukunft wünschen sich die Sozialarbeiter:innen mehr Sichtbarkeit von drohender Wohnungslosigkeit: „Dort, wo es Beratungsstellen gibt, tauchen auch Fälle auf“, sagt Braun. „Dort, wo es keine Angebote gibt, sieht man sie nicht.“ In jeder Stadt gebe es Menschen ohne Wohnung oder mit drohendem Wohnungsverlust. Damit sie Hilfe bekommen können, brauche es Orte, an denen sie Unterstützung finden.
Denn manchmal entscheidet ein Gespräch, ein rechtzeitig gestellter Antrag oder eine Beratung darüber, ob jemand sein Zuhause behalten kann – oder verliert.
ARD Story #besserwohnen – Wie können wir die Mietkrise stoppen?
Doku zum Abschluss der ARD-Mitmachaktion #besserwohnen