In der siebten Klasse sind Schülerinnen und Schüler im Schnitt zwölf Jahre alt - und wissen wenig über einzelne Parteien. Sie haben meistens noch keine klare politische Vorliebe.
Zwei Jahre später sieht das bereits anders aus, berichtet Professor Marius Busemeyer von der Universität Konstanz, der ein Projekt zur Erforschung politischer Präferenzen bei Jugendlichen mitgeleitet hat:
"Am meisten überraschend und auch interessant fand ich, wie viel sich dann doch in zwei Jahren tut. Also man kann schon sehen, dass in den zwei Jahren zwischen zwölf und vierzehn Jahren sehr, sehr viel passiert, was politische Bewusstseinsbildung angeht."
Wiederholte Befragung von Jugendlichen in mehreren Bundesländern
Das Forschungsteam von Busemeyer hat 3.000 Jugendliche in Baden-Württemberg, Sachsen und Schleswig-Holstein zweimal befragt. Zunächst in der siebten, dann in der neunten Klasse.
Während in der siebten Klasse die allermeisten angegeben haben, dass sie mit Parteien und Politik wenig zu tun haben, ändert sich das Bild bis zur neunten Klasse. Hier zeigen die meist 14-jährigen schon konkrete Sympathien für einzelne Parteien - je nach Schulform unterscheiden sie sich stark.
An Gymnasien waren die Grünen und andere Parteien des linken oder bürgerlichen Spektrums beliebt. An nicht gymnasialen Schulen war dagegen die Zustimmung zur Alternative für Deutschland höher. Doch daraus lässt sich nicht ableiten, dass die Schulform allein die politische Einstellung bestimmt, sagt Busemeyer:
"Der sozioökonomische Hintergrund, der Bildungshintergrund spielt natürlich auch eine Rolle. Das sind verschiedene Faktoren, die da zusammenkommen. Es gibt nicht den einen Faktor, der das alles erklären kann, sondern das ist dieses Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Einflusskräfte."
Neben der Schulform spielen die Freunde eine große Rolle
Zu den Einflusskräften gehört auch der Freundeskreis. Die Jugendlichen gaben an, mit wem sie in ihrer Klasse befreundet waren. Weil auch diese Freundinnen und Freunde befragt wurden, konnte das Forschungsteam deren Einstellungen miteinander vergleichen.
Das Ergebnis: Innerhalb der Freundesgruppen ähnelten sich nicht nur die Parteisympathien. Auch die Ansichten zu Europa, Vielfalt oder Gleichberechtigung lagen häufig nah beieinander. Das war so, obwohl die Freunde ja zunächst nicht nach politischen Einstellungen ausgesucht werden, erklärte Busemeyer:
"Aber wir können in den Daten sehen, dass durchaus auch über die Freundesnetzwerke politische Einstellungen verbreitet werden - zu bestimmten politischen Themen, ob man mehr für oder gegen Europa ist, ob man eine diversitätsorientierte Politik und auch frauenbezogene Themen unterstützt oder nicht."
Den Einfluss von Freundesnetzwerken könne man sogar schon im Alter von zwölf Jahren sehen, sagt Busemeyer. Wie früh die politische Sozialisation und das Interesse an Politik bei den Jugendlichen aufscheint, hat den Konstanzer Politikprofessor Busemeyer doch sehr überrascht:
"Es gibt schon auch Schülerinnen und Schüler in dem Alter, die sich politisch beteiligen, niedrigschwellig zum Beispiel über online Aktivitäten, aber auch mal auf eine Demo gehen und sowas. Das würde ich auch als positives Zeichen sehen, dass schon in dem Alter ein ziemlich großes politisches Interesse an bestimmten Themen besteht und dass Schülerinnen und Schüler in dem Alter schon ziemlich aussagekräftige Einstellungen zu bestimmten Themen haben."
Forschende warnen vor Pauschalisierung und fordern mehr politische Bildung
Das Forschungsteam warnt aber vor einer verkürzten Botschaft. Es heiße nicht automatisch, wer nicht auf ein Gymnasium geht, wählt die AFD. Die Unterstützung für demokratische Grundwerte sei auch an nicht gymnasialen Schulen groß. Hier sollte man ansetzen, sagt Busemeyer:
"Es geht nicht darum, bestimmte parteipolitische Sympathien zu beeinflussen, sondern einfach ein kritisches Verständnis für demokratische Prozesse zu fördern. Das hat auch was mit politischem Vertrauen zu tun."
Denn die Schülerinnen und Schüler wurden auch gefragt, wie stark sie der Politik vertrauen. Da sieht man, so Busemeyer, schon in diesem Alter Unterschiede, die den Grundstein für potenziell langfristiges Misstrauen in den Staat bilden. Da könne man mit politischer Bildung gut ansetzen.
Die Forschungsteam um Marius Busemeyer fordert deshalb vor allem mehr Zeit und Ressourcen für politische Bildung - besonders an nicht gymnasialen Schulen. Damit die Heranwachsenden eine Chance haben, mit demokratischem Wissen ihre politischen Einstellungen zu bilden oder zu prüfen.