Auftritte mit dem Royal Ballet
Als Freddie Mercury 1987 die spanische Sopranistin Montserrat Caballé traf und mit ihr das „Barcelona“-Album aufnahm, war dies das erste große Crossover-Projekt der Musikgeschichte. Dem außerordentlichen Mut dieser beiden Künstler ist es zu verdanken, dass es zu dieser Annäherung von sogenannter U- und E-Musik kam, die Folgen haben sollte.
Außer Leonard Bernstein kenne ich keinen, der die Gräben zwischen den verschiedenen Musikstilen so überwinden konnte, der musikalisch so viele Grenzen überbrücken konnte. Bernstein und Mercury sind auch heute noch ein Vorbild.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Freddie Mercurys Liebe zum Theater, besonders zum Ballett und der Oper schon eine lange Geschichte.
Seine Leidenschaft für das Ballett war an seinen graziös-kraftvollen Bewegungen auf der Bühne zu spüren; auch seine Konzert-Ballettoutfits der 1970er-Jahre zeigten die Nähe zu diesem Genre.
Diese Vorliebe gipfelte im gemeinsamen Auftritt mit Mitgliedern des Royal Ballet im Jahr 1979 in London und in der Zusammenarbeit mit diesen Tänzern für das Queen-Video „I Want To Break Free“. Hier wurde eine Szene aus einer Debussy- Choreografie des legendären Tänzers Nijinsky von 1912 neu interpretiert.
Zitate aus der klassischen Musik
Ebenso deutlich erkennbar ist Mercurys Affinität zur Oper und sein Interesse an klassischer Musik. In seinem Song „It's A Hard Life“ zitiert er Leoncavallo, in „The Millionaire Waltz“ klingt Johann Strauss durch, in dem Song „The Fairy Feller's Master-Stroke“ spielt er einen ziemlich wilden Cembalopart à la Händel – und „Bicycle Race“ lässt vermuten, dass er auch Bach-Kantaten hörte.
In dem Song „Bohemian Rhapsody“, der sich gegen alle Marktmechanismen mit einer für Rockmusik ausufernden Länge von über fünf Minuten an die Spitze der Charts setzte und den endgültigen Durchbruch für Queen bedeutete, finden sich gleich mehrere Einflüsse klassischer Musik: eine „melodia lunga“ à la Donizetti, Schnitttechniken à la Strawinsky und ein an große Opernensembles angelehnter mehrstimmiger Chor in der Mitte.
Für mich ist das gar nicht überraschend, denn diese Zitate und Anleihen, die gab es ja immer in der Musikgeschichte und wir dürfen nicht vergessen, dass die Trennung zwischen sogenannter E- und U-Musik eigentlich noch recht jung ist.
Tschüss Rock 'n' roll – Hallo Oper!
Freddie Mercurys Begeisterung für Montserrat Caballé hatte ihren Anfang im Jahr 1981 bei einer Aufführung der Verdi-Oper „Un Ballo in Maschera“ im Royal Opera House Covent Garden. Eigentlich war Mercury gekommen, um Pavarotti zu hören – aber bei Montserrats Gesang verschlug es ihm die Sprache.
Sechs Jahre sollte es dauern, bis er sie traf und als sie mit ihm zusammen dann seine Songs sang, da ging für ihn ein Traum in Erfüllung.
It's amazing! Now I’m going into opera – forget rock’n’roll!
Aus dieser Zusammenarbeit entwickelte sich zwischen Freddie und Montserrat – „Montsi“ oder „My Super Diva“, wie er sie auch zärtlich nannte – eine enge Freundschaft, die von großer gegenseitiger Wertschätzung geprägt war. Bis zum Tod von Freddie Mercury im November 1991 hielten sie Kontakt.
Ich hab‘ ihn sehr geliebt. Er war ein sehr enger Freund von mir. Er war am Anfang etwas schüchtern, mit mir zu singen. Aber ich glaube, ich habe es geschafft, dass er sich wohlfühlt.
„Musikalisches Chamäleon“
Freddie Mercury war – was seine Stimme betraf – Autodidakt. Alles, was er konnte, hatte er sich selbst beigebracht – er hatte nie eine Gesangsstunde. Seine so variable, vibratoreiche Rock-Tenorstimme, die so viele Menschen bis heute in den Bann zieht, war etwas, das er – unbeirrbar wie er war – ganz alleine erschaffen hatte.
Und auch hier – wie in seinen Kompositionen – war er äußerst vielseitig. Ob Rock'n'Roll, Disco, Funk, Gospel, Pop-Ballade, Hardrock, Musical – er konnte alles singen und er tat es auch. Und – auch das war ein herausragendes Merkmal von Freddie Mercury: Er entwickelte sich stets weiter, Stillstand gab es für ihn nicht.
Er war – was musikalische Farben betrifft – ein Chamäleon.
Immer ein Freund der klassischen Musik
Freddie Mercury war sehr früh auf sich alleine angewiesen – mit acht Jahren schickten ihn seine Eltern auf ein Internat in Indien – weit weg von seinem Geburtsort Sansibar. Zusammen mit Brian May, Roger Taylor und John Deacon schuf er eine der innovativsten und schillerndsten Rockbands aller Zeiten – Queen.
Eine Band, die mit ihrer Produktivität, ihrem unverwechselbaren Sound, ihren mitreißenden Live-Auftritten und ihren so vielseitigen Konzeptalben Musikgeschichte schrieb.
Und er reichte als einer der größten Rockstars, die es je gegeben hat, der klassischen Musikszene die Hand. Freddie Mercurys künstlerischer Mut, seine Originalität, seine Neugierde und Offenheit anderen Künsten gegenüber machten ihn zu einer Ausnahmeerscheinung, die bis in die heutige Zeit hineinstrahlt.