Ausgerechnet ein deutscher Schlagersong wurde zum Symbol für die Lebenslage migrantischer Arbeiter*innen: 1974 sang Udo Jürgens in „Griechischer Wein“ über Gastarbeiter*innen, die nach Feierabend zusammensitzen, Wein trinken und von ihrer Heimat träumen:
Griechischer Wein und die altvertrauten Lieder,
schenk nochmal ein
denn ich fühl die Sehnsucht wieder
in dieser Stadt
werd ich immer nur ein Fremder sein
und allein.
Der Song machte die Sehnsüchte vieler „Gastarbeiter*innen“ in den 1970ern sichtbar – nach Familie, Sprache und dem Leben, das sie zurückgelassen hatten. Er wurde zu einem der bekanntesten deutschen Schlager. Gerade ist er mit anderen Liedern Teil des Stückes „Station Paradiso“ an der Staatsoper Stuttgart, einem musikalischen Roadtrip quer durch Europa.
Verborgene Musikkultur
So wurde nicht die Musik der Migrant*innen selbst zum Symbol ihrer Lebenslage, sondern ein deutscher Schlagersong über sie. Die traditionelle Musik aus ihrer Heimat und die eigene Sprache blieb der deutschen öffentlichen Musikkultur lange Zeit weitestgehend verborgen.
Seit den späten 1950er- und 1960er-Jahren kamen Millionen Menschen nach Deutschland, unter anderem aus der Türkei, Griechenland, Italien oder dem ehemaligen Jugoslawien. Grundlage waren die sogenannten Anwerbeabkommen, die Deutschland zwischen 1955 und 1973 mit verschiedenen Vertragsländern schloss, um den Arbeitskräftebedarf in Westdeutschland zu decken.
Musik als Verbindung zur Heimat
Viele dieser „Gastarbeiter*innen“ arbeiteten in Fabriken, auf Baustellen oder an den Fließbändern großer Unternehmen. Die meisten Zugewanderten lebten zunächst in abgeschiedenen Wohnheimen oder kleinen Wohnungen und waren über Jahre von ihren Familien getrennt – Umstände, die das Identitätsgefühl prägten.
In dieser Situation wurde Musik für viele zu einem Stück Heimat. Bei religiösen Veranstaltungen, in Gesangsvereinen oder auf Familienfeiern liefen Lieder aus den Herkunftsländern, Kassetten wurden über Grenzen hinweg verschickt und Radiosender aus der Heimat gehört. Musik half gegen Einsamkeit und Heimweh und schuf Gemeinschaft in einer fremden Umgebung.
Musik für die migrantische Community
Die migrantische Musikkultur existierte lange weitgehend abgegrenzt neben der deutschen Mainstream-Musik – gleichzeitig entstand eine eigene migrantische Musikwirtschaft. Labels wie Türküola produzierten erfolgreich Musikstücke speziell für die migrantische Community in Deutschland.
So wurde auch Yüksel Özkasap – auch als die „Nachtigall von Köln“ bekannt – bei der türkischsprachigen Gemeinde zum Superstar. Ihre Alben wurden hunderttausendfach verkauft und sie erhielt mehrere Goldene Schallplatten. Vielen Deutschen blieb ihr Name trotzdem unbekannt.
Auch der griechische Sänger Stelios Kazantzidis gilt als eine solche unsichtbare Ikone. Seine Langspielplatten gehörten in den 1970er-Jahren zu den meistgehörten Aufnahmen unter griechischen „Gastarbeiter*innen“ in Deutschland. Kazantzidis sang über Heimweh, Verlust und die Sehnsucht nach der verlassenen Heimat und gab damit den Erfahrungen vieler angeworbener Arbeitskräfte eine Stimme.
„Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“
In der Musik der „Gastarbeiter*innen“ kam mit der Zeit auch immer mehr ihre Kritik an ihrer Bezeichnung und ihrer Ausgrenzung zum Ausdruck. Der Musiker Ozan Ata Canani sang Ende der 1970er-Jahre in seinem Lied „Deutsche Freunde“ in deutscher Sprache über das Gefühl vieler Migrant*innen, zwar als Arbeitskräfte gebraucht, gesellschaftlich jedoch nicht vollständig akzeptiert zu werden.
Damit berief er sich auf das bekannte Zitat „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“ von Schriftsteller Max Frisch.
„Sie nennen uns Gastarbeiter, unsere deutschen Freunde“, singt Canani mehrfach und macht damit deutlich, dass viele Migrant*innen in Deutschland vor allem als Arbeitskräfte auf Zeit gesehen wurden – nicht als Teil der Gesellschaft.
Während die erste Generation häufig von Heimweh und Ausgrenzung sang, verarbeiteten spätere Generationen zunehmend das Gefühl, zwischen mehreren Welten und verschiedenen Kulturen aufzuwachsen. Besonders im Deutschrap wurden Herkunft, soziale Ungleichheit und Identität zentrale Themen. Ihre Musik beeinflusst zunehmend auch die breite Mehrheitsgesellschaft und schafft ein Identitätsgefühl.
Rap als Medium der folgenden Generationen
Der Rapper Xatar, der als Sohn kurdischer Flüchtlinge in einem Bonner Sozialbau aufwuchs, beschrieb sich selbst lange als Außenseiter. Erfahrungen mit Armut und Ausgrenzung wurden später zentrale Themen seiner Musik. Für viele junge Menschen mit Migrationsgeschichte wurde er dadurch zu einer gefeierten Identifikationsfigur. Mit seiner Musik rappte er sich sogar in die deutschen Album-Charts auf Platz Eins, spielte sogar ein Konzert in der Elbphilharmonie.
Gleichzeitig verändern solche Künstler die deutsche Popkultur selbst. Haftbefehl, Sohn türkischstämmiger Eltern, vermischt in seinen Rap-Songs Deutsch mit Türkisch, Kurdisch oder Arabisch. Mehrsprachigkeit wird zu einem Stilmittel in der Szene. Wörter und Ausdrücke aus migrantisch geprägten Milieus finden dadurch Eingang in den Mainstream – aus Haftbefehls Chart-Hit „Chabos wissen, wer der Babo ist“ wird „Babo“, was lange als „Fremdwort“ galt, 2013 zum Jugendwort des Jahres ernannt.
Auch die Lebensgeschichten von Rappern wie Haftbefehl oder Xatar werden inzwischen in Dokumentationen und filmischen Formaten aufgegriffen und einem breiten Publikum zugänglich gemacht. So erschien bereits 2022 ein Kinofilm, der sich an Xatars Lebensgeschichte orientiert, während seine Biografie im Mai 2026 auch in einer Dokumentation in der ARD-Mediathek erschien. Das Interesse an den Geschichten der Nachfolgegeneration der Gastarbeiter*innen geht also längst über die Musik hinaus.
Gastarbeiter*innen-Musik als Oper
Wie wichtig es Migrant*innen bis heute ist, ihre Stimmen, Erfahrungen und ihre Geschichte der deutschen Mehrheitsgesellschaft sichtbar zu machen, zeigt ein neues Projekt an der Staatsoper Stuttgart: „Station Paradiso“. Die kroatische Komponistin Sara Glojnarić verarbeitet darin Erinnerungen und Erfahrungen von Gastarbeiterfamilien in Stuttgart – insbesondere mit Liedern aus ihrer Heimat.
Für Glojnarić geht es dabei nicht nur um Migration, sondern um gesellschaftliche Verbundenheit insgesamt. Musik könne helfen, „einen Raum für Empathie zu öffnen“ und unterschiedliche Erfahrungen miteinander zu verbinden. „Die Musik funktioniert hier wirklich als eine Brücke zu einer emotionalen Offenheit, weil es eben um uns alle geht“, sagt die Komponistin im Interview mit SWR Kultur.
Die Musik der Gastarbeiter*innen war deshalb nie nur Unterhaltung. Sie half vielen Menschen dabei, Erinnerungen, Traditionen und ein Heimatgefühl in einem fremden Land zu bewahren. Die kulturelle Vielfalt in Deutschland zeigt sich heute auch in der Musik über Genregrenzen hinweg – egal ob Pop, Rap oder sogar auf der Opernbühne.