„Ich killte mich selbst – aber das war Arbeit, harte Arbeit.“ Im Titelsong ihres sechsten Studioalbums „Killer“ formuliert Mine Veränderung mit einem ungewöhnlich drastischen Bild. Gemeint ist damit allerdings kein radikaler Schnitt mit der eigenen Vergangenheit. Vielmehr geht es um die Frage, welche Teile der eigenen Persönlichkeit und der eigenen künstlerischen Identität noch tragen – und welche man verändern kann.
„Ich find killen aber irgendwie so ein geiles Wort dafür, obwohl ich nicht glaube, dass man wirklich in der Lage ist, Teile von sich abzutöten“, sagt Mine. „Aber man kann schon sehr, sehr viel mehr am Charakter rumwerkeln, als man sich das vorstellt, glaub ich.“
Dieser Gedanke lässt sich auch auf die Entstehung des Albums übertragen. Mine, die in Stuttgart geboren wurde und heute in Berlin lebt, wollte nach „Baum“ nicht einfach das nächste Album aus der bereits vertrauten musikalischen Sprache entwickeln. „Baum“ hatte 2024 Platz sieben der deutschen Albumcharts erreicht.
Ein neuer Ausgangspunkt für Mine
„Ich hab versucht, irgendwie von woanders zu starten, damit ich nicht so eine B-Version mache von den letzten drei Alben“, erklärt sie.
Dieser andere Ausgangspunkt lag für Mine zunächst in der Arbeitsweise. Sie beschäftigte sich intensiv mit analogen Synthesizern und begann bei einigen Stücken mit Partituren, noch bevor die eigentliche Produktion entstand. Notentexte für Chöre wurden zunächst geschrieben und erst anschließend in die Produktion übersetzt.
Interessant ist dabei, dass die musikalische Neuorientierung keineswegs mit einer Abkehr von Mines besonderem Hang zur Opulenz einhergeht. Auf „Killer“ stehen reduzierte elektronische Stücke neben Arrangements mit Streichern, Drums und Percussion. Ein rund 80-köpfiger Chor ist ebenfalls zu hören.
„Es gibt wirklich einige Songs, die nur auf einem einzigen Synthesizer beruhen“, sagt Mine. Gerade weil sie mit Klangerzeugern und Arbeitsweisen experimentierte, die für sie neu waren, habe sie dabei nichts vermisst. Die Reduktion war für die Musikerin also weniger Verzicht als eine neue Form von Freiheit.
Zwischen Ekstase und politischem Appell
Auf „Killer“ sind vor allem die analogen Synthesizer deutlich präsent. „Oxytocin“ entwickelt daraus einen treibenden, körperlichen Sound, der unwillkürlich zum Tanzen animiert. Gleichzeitig bleibt Mine ihrer Vorliebe für große musikalische Bögen treu.
Ihre Musik lebt von Gegensätzen: elektronische Klänge treffen auf Streicher und Chöre, tanzbare Passagen auf nachdenkliche Texte. In „Eat the Rich“ hat sie zudem die Rapperin Nenda für eine Kooperation eingeladen und bietet damit auch wieder Rap vom feinsten.
Auch inhaltlich bewegt sich das Album zwischen unterschiedlichen Tonlagen. „Relativ“ etwa formuliert einen politischen Impuls: „Wie kommen wir zusammen, wenn alles um uns braun aussieht? Streich die Welt neu an.“
Der Satz könnte als politische Parole funktionieren. Im Song selbst wird daraus jedoch etwas anderes: Die Streicher schwellen an, Mines Stimme gewinnt an Dringlichkeit, aus der Forderung wird ein emotionaler Appell. Politik erscheint hier weniger als programmatische Aussage denn als Erfahrung, die mit Wut, Hilflosigkeit und dem Wunsch nach Veränderung verbunden ist.
Warum Mine sich nicht festlegen lassen will
Die stilistische Offenheit von „Killer“ kommt nicht von ungefähr. Mine beschreibt sich selbst als einen Menschen, der immer wieder nach neuen Eindrücken sucht: „Ich bin ja ein Riesenfan von Abwechslung und bin auch ehrlich gesagt ziemlich schnell gelangweilt und mag es, mich sowohl bei Genres als auch inhaltlich immer an verschiedenen Themen auszuprobieren“, sagt sie.
Darin steckt auch eine Absage an die Logik musikalischer Schubladen. Pop funktioniert häufig über Wiedererkennbarkeit und eindeutige Zuordnungen. Künstlerinnen und Künstler werden über Genres, Sounds oder bestimmte ästhetische Merkmale identifizierbar.
Mine sieht diese Ordnung mit einer gewissen Skepsis: „Ich glaub, dass die Popkultur das gerne hat, dass man Dinge so einfacher einsortieren kann. Aber Menschen sind eben einfach nicht so einfach gestrickt.“
Sie selbst höre privat sehr unterschiedliche Genres. Diese Offenheit möchte sie auch in der eigenen Musik bewahren. „Killer“ ist deshalb kein stilistischer Monolith. Das Album darf widersprüchlich sein, die Richtung wechseln und unterschiedliche musikalische Räume öffnen.
Was nach dem „Killen“ übrig bleibt
So gesehen ist der Titel „Killer“ weniger als Ansage denn als Arbeitsbeschreibung zu verstehen. Mine hat sich nicht von ihrem bisherigen Sound verabschiedet. Sie hat ihn untersucht, auseinandergenommen und aus einer anderen Perspektive wieder zusammengesetzt.
Was daraus beim Publikum entsteht, will sie allerdings nicht vorgeben. Mine formuliert keine gewünschte Wirkung, die ihr Album erzielen soll.
„Ich hab ehrlich gesagt überhaupt gar keinen Anspruch, was die Leute fühlen sollen, wenn sie das Album hören, beziehungsweise ich hab gar keinen Anspruch, damit überhaupt irgendwas zu machen“, sagt sie. „Bei mir geht es ehrlich gesagt immer eher so um diesen Prozess.“
Ist das Album einmal fertig, gibt sie die Deutung aus der Hand: „Und was die Leute dann damit machen, wenn sie das hören, das überlasse ich gerne den Leuten selbst.“
Das passt zu einem Album, dessen Ausgangspunkt die Veränderung ist. Mine versucht nicht, sich endgültig neu zu definieren. Sie hält sich vielmehr die Möglichkeit offen, die eigene musikalische Sprache immer wieder infrage zu stellen.
„Killer“ klingt deshalb weniger nach einer Abrechnung mit dem, was Mine bisher gemacht hat, als nach einer produktiven Unruhe: der Weigerung, sich auf eine einmal gefundene Form festlegen zu lassen.
Mine live mit „Killer“
Wer Mine mit ihrem neuen Album live erleben möchte, hat in der Region im November Gelegenheit dazu. Die „Killer Tour 2026“ führt sie am 4. November in die Alte Feuerwache Mannheim und am 5. November in den Schlachthof Wiesbaden.