Das Verstummen einer Kultur
Als die Taliban vor fünf Jahren, am 15. August 2021, Kabul einnehmen, lässt der Westen und 28 NATO-Staaten Afghanistan und seine Menschen allein zurück. 20 Jahre lang hat das Bündnis versucht, das Land und seine Institutionen mit einer Intervention und humanitären Hilfsgeldern aufzubauen.
Dann kollabiert im August 2021 die Arbeit einer Generation binnen weniger Wochen vor den Augen der Welt. Als die letzten Maschinen des US-Militärs aus Kabul abheben, stürzt dies Millionen Afghanen in tiefe Depression. Mit der Rückkehr der Taliban verstummt auch die Musik in Afghanistan. Instrumente werden verboten, Künstler verfolgt.
Darunter die 273 Musiker und Dozenten des Afghanistan National Institute of Music, kurz ANIM. Die Flucht dieses Vorzeigeprojekts gestaltet sich zu einer jahrelangen Tragödie. In Europa wagt das Orchester einen Neuanfang zwischen Traumata und neuer Resilienz.
Das einzigartige junge Nationalorchester Afghanistans
Das ANIM ist ab 2008 aus der einzigen Kabuler Musikschule hervorgegangen. Ihr Gründer und aktueller Leiter ist der Ethnomusikologe Ahmad Sarmast. Nach dem Sturz des ersten Taliban-Regimes 2001 kehrt er aus dem Exil in Australien zurück nach Kabul.
Seine Idee ist radikal und einfach: Vor allem Waisenkinder, deren Familien Opfer von 20 Jahren Krieg geworden sind, sollen durch Musik und Bildung eine Zukunft bekommen. Mädchen und Jungen sollen dabei gemeinsam musizieren, und traditionelle afghanische wie klassische Musik lernen.
Unter Sarmasts Leitung entstehen in kürzester Zeit mehrere Ensembles als Teil des Nationalorchesters. Darunter das Frauenensemble Zohra, das später in der Carnegie Hall in New York und im Kennedy Center in Washington auftritt. Binnen weniger Jahre wird das ANIM so weltweit zu einem Botschafter für das neue Afghanistan: jung, musikalisch, erfolgreich.
Musikverbot und Flucht
Mit der erneuten Machtübernahme der Taliban 2021 kippt diese Erfolgsgeschichte. Musik wird in der Öffentlichkeit faktisch verboten. Der Pianist Bilal Asefi, damals Dozent am ANIM, erinnert sich an Hausdurchsuchungen, die auch den Instrumenten der Musiker galten. Aus Vorsicht zerstört er sein Keyboard und sein E-Piano.
Im August 2021 lernen und arbeiten 273 Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte am ANIM. Binnen weniger Stunden gilt es, die Evakuierung des ganzen Orchesters zu organisieren. Aber viele Länder sind dazu zunächst nicht bereit. Deutschland nimmt nur wenige Musiker des ANIM auf, die an einem früheren Austauschprojekt beteiligt waren. Weitere Hilferufe bleiben unbeantwortet. Sarmast spricht später von einer „überaus enttäuschenden“ Ablehnung.
Erst das Eingreifen von UN-Generalsekretär António Guterres bringt Bewegung: Er bittet die Regierung Portugals, alle ANIM-Mitglieder aufzunehmen. Und Lissabon sagt zu.
Zwei voll ausgestattete Instrumenten-Kammern muss das ANIM in Kabul zurücklassen. Sarmast erinnert sich, wie er damals den Schülerinnen und Schülern gesagt habe, die Instrumente vorerst zu vergessen. Wichtiger sei jetzt, ihr Leben zu retten.
Kulturschock und Neuanfang in Portugal
Am Gulbenkian-Konservatorium in Braga, im Norden Portugals, finden die Musiker Aufnahme und Schutz. Es werden Wohnungen bereitgestellt, mit der Möglichkeit, auch den Unterricht weiterzuführen. Gleichzeitig ist Portugal ein Kulturschock.
Viele Hoffnungen auf schnelle Integration, neuen Wohlstand und rasche Familienzusammenführung erfüllen sich nicht. Als Geflüchtete beginnen die Musiker vielmehr bei null. Bis Ende 2022 verlässt der größte Teil der Musiker und Dozenten Braga und geht in die USA, die EU und nach Deutschland. Nur rund 80 Musiker und Musikerinnen bleiben in Braga zurück.
Der Gulbenkian-Effekt
Das ANIM hat Glück im Unglück: Denn am Gulbenkian-Konservatorium kann ein Teil der Verluste aufgefangen werden – durch portugiesische Musiklehrer und Dirigenten. So wird unter anderem die Viola-Spielerin Angela Teles als Lehrerin am Konservatorium zu einer wichtigen Bezugsperson.
In dem neuen musikalischen Austausch, der sich in Braga einstellt, beginnt Teles Instrumente wie die afghanische Rubab und die Sitar zu lernen. Und sie lernt, das Improvisieren neu zu schätzen – denn die traditionelle afghanische Musik ist oral tradiert.
Aus Sicht der portugiesischen Musiklehrerin verändert die Präsenz des ANIM in Braga auch das Publikum: Indem sie die afghanischen Musiker leicht, lebendig und virtuos spielen sähen, erzählt sie, legten viele Menschen ihre Vorurteile gegenüber Afghanistan, Flüchtlingen und Kriegsfolgen ab.
Musik als Resilienz Widerstand
Die jungen Musikerinnen und Musiker des ANIM in Braga, die seit 2021 immer wieder auch in Deutschland auftreten, verstehen ihre Arbeit ausdrücklich als Widerstand gegen das Verstummen der Musik in Afghanistan. Homa Rahimi, Sitar Spielerin im ANIM, erklärt, wie insbesondere das erste Konzert am Gulbenkian-Konservatorium neue Hoffnung gegeben habe.
Seitdem sei sie sicher, dass es den Taliban nicht gelingen werde, sie und das Nationalorchester zum Schweigen zu bringen.
Mit ihrem Instrument möchte Homa das musikalische Erbe Afghanistans am Leben erhalten und eines Tages, wenn es die politische Lage erlaubt, nach Kabul zurückkehren. Das sei man den Frauen im Land schuldig.
Mittlerweile haben die Taliban über einhundert Verbote und Dekrete erlassen, die Frauen und Mädchen vom öffentlichen Leben ausschließen und öffentliche Musik-, Film- und Kulturausübung verbieten. Schulen, Universitäten und viele kulturelle Orte sind für sie geschlossen. Internationale Organisationen sprechen von einer neuen Form der Geschlechter-Apartheid.
Eine Brücke zwischen Kabul und Europa
ANIM-Direktor Ahmad Sarmast, der 2014 bei einem Anschlag in Kabul schwer verletzt wurde und dessen Gehör seitdem beeinträchtigt ist, hält trotz Trauma und gesundheitlicher Probleme am ANIM fest.
Viele meinen, das ANIM sei tot, aber wir sind da und lebendig. Hoffnung ist immer da. Sonst gäbe es kein Leben.
Bis sich die Situation in Afghanistan ändert braucht es afghanische Gandhis: Lehrkräfte, die im Geheimen unterrichten, Bürger-Journalisten, die aus Verstecken berichten. Musiker, die an Liedern, Gesang und an ihren Instrumenten festhalten.
Die Musiker des ANIM in Portugal verstehen sich dabei als Brücke in die Heimat. Sie erhalten den Gedanken von Afghanistan als einer Kulturnation, die dem Vergessen nicht anheimfallen darf.