Zusammenkommen, Austausch und Inspiration
An einem Freitagnachmittag im April reisen rund 40 Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger zum Kulturzentrum in Ingelheim. Einige von ihnen sind zum ersten Mal hier, andere kommen seit vielen Jahren. Denn diese Veranstaltung ist einmalig, sagt einer, der in diesem Jahr zum zweiten Mal dabei ist.
In den nächsten Tagen werden sie bei verschiedenen Dozenten, die alle renommierte Profis sind, Unterricht haben. „Das ist ein Zusammenkommen von ganz vielen Schlagzeugern, die einfach Bock haben, ein ganzes Wochenende Input zu bekommen“, sagt Organisator Sven Haßler.
Wenn niemand stillsitzen kann: Überall wird getrommelt
Doch schon bevor das Drum Weekend überhaupt losgeht, wird klar: Hier kann niemand stillsitzen. Ständig trommelt irgendwer auf irgendetwas herum – mit den Fingern auf dem Tisch, mit den Sticks auf den Beinen, auf Übepads, Sets und auf allem, was sonst so in der Gegend steht.
„Ich kann das gar nicht kontrolliert steuern und fange einfach an, irgendwas zu klopfen. Das kommt einfach aus einem raus“, erklärt Sven Haßler, der selbst Schlagzeuger mit eigener Schlagzeugschule in Mainz und Ingelheim ist.
Vom „Drum-Boot-Day“ zum Drum Weekend
In diesem Jahr veranstaltet er das Drum Weekend zum siebten Mal. Angefangen hat alles mit einem „Drum-Boot-Day“, an dem Sven Haßler noch selbst unterrichtet hat. Mittlerweile ist er aber nur noch Organisator und lädt sich renommierte Dozenten ein.
„Prinzipiell kam ich auf diese Idee, weil ich früher selbst immer auf Workshops war“, sagt er. Dieses Konzept wollte er dann nach Ingelheim bringen, seitdem ist die Veranstaltung stetig gewachsen.
Drum Clinics vs. Lernen in Levels
Vor allem die sogenannten Drum Clinics sind beliebt in der Branche. Sie werden oft von Instrumentenherstellern oder Musikgeschäften veranstaltet und sind eine Mischung aus Lehrveranstaltung und Bühnenshow, bei denen bekannte Drummer auftreten. Oft finden sie auch auf Messen statt.
Beim Drum Weekend in Ingelheim ist das Konzept anders – auch im Vergleich zu anderen Workshop-Veranstaltungen. Denn hier werden die Teilnehmenden je nach Fähigkeiten in verschiedene Gruppen eingeteilt, vom Anfänger bis zum Profi. In diesen Gruppen haben sie dann bei sechs Dozenten je 90 Minuten Unterricht.
Stars zum Anfassen: Die Dozenten beim Drum Weekend
In diesem Jahr waren unter anderem Chris Hoffmann, Aliyar Kinik und Luca Dechert dabei. Viele der Teilnehmenden freuten sich aber vor allem auf Jost Nickel, der insbesondere als Drummer in Jan Delays Band Disko No. 1 bekannt geworden ist.
In seinen Workshops sieht er sich als Wegweiser und will vor allem Spielfreude vermitteln: „Alles, was ich dazu beitragen kann, dass Leute Musik machen, ist super. Finde ich total schön, weil das einfach so eine sinnstiftende Tätigkeit ist.“
Auf der Suche nach neuen Impulsen
Um ihn und die anderen Dozenten live und vor allem nahbar zu erleben, sind viele der Teilnehmenden hergekommen. Hier können sie die Fragen stellen, für die bei Konzerten keine Gelegenheit ist, um besser zu verstehen, warum ihre Vorbilder so klingen, wie sie klingen.
Die Teilnehmenden erhoffen sich so neue Inspiration, Tipps und Tricks sowie unmittelbare Einblicke in die Spielweisen der Profis. Klara Schaefer aus Mainz beispielsweise möchte herausgefordert werden: „Ich möchte einfach in dieses Wochenende reingehen und wissen, dass ich anders wieder rausgekommen bin.“
Fünf Räume voller Groove: Ein „Fass ohne Boden“
In fünf Räumen wird stundenlang gleichzeitig getrommelt, Grooves trainiert und an Techniken gefeilt. Es geht um den präzisesten Rhythmus, das beeindruckendste Solo oder den perfekten Klang.
„Du bist ja niemals fertig mit einem Instrument. Das ist ein Fass ohne Boden“, sagt Sven Haßler. Immer wieder könne man sich bei anderen etwas abgucken und Neues hören und sehen, was dann in das eigene Spiel integriert werden kann.
Wenn ein Dozent am Schlagzeug sitzt und einfach gut klingt: Das ist gut, wenn das Herz im selben Rhythmus schlägt.
Nerd-Talk über Sticks, Becken und Technik
Nicht ganz ohne Grund haben Drummer den Ruf, Nerds zu sein. Schnell geht es eine halbe Stunde nur um eine einzige Schlagtechnik – und in workshopfreien Momenten wird sich über verschiedene Marken von Sticks oder über den Klang einzelner Becken ausgetauscht.
„Totale Fachidioten“: Detailverliebte Drummer-Szene
„Wir machen uns manchmal Gedanken über Sachen, die niemand hört und die auch andere Kollegen nicht wichtig finden und trotzdem sind wir da mit einem Mikroskop dran“, sagt zum Beispiel Jost Nickel. Irgendwie seien sie auch „totale Fachidioten“, meint er.
Und irgendwie gibt es beim Schlagzeug ja auch so etwas wie gesteigertes Nerd-Potenzial. Schließlich besteht es aus mehreren Einzelinstrumenten, wie Becken, Hi-Hat, Snare- oder Bassdrum, die sich jeder Musiker nach seinem persönlichen Geschmack zusammenstellen kann.
Vernetzte Community statt Konkurrenz
Bei so einer Veranstaltung wie dem Drum Weekend steht aber letztlich vor allem der Austausch im Vordergrund – egal ob über das Instrument, die Technik, eigene Erfahrungen oder Spielweisen. „Wir Schlagzeuger sind schon so ein spezielles Volk, das untereinander vernetzt ist und sich total gut versteht“, sagt Sven Haßler.
Konkurrenzdruck oder Neid gibt es nicht beim Drum Weekend. Das gemeinsame Lernen und das Miteinander sind wichtiger. Das ist für viele der Teilnehmenden – neben den hochkarätigen Dozenten – auch ein Grund, nach Ingelheim zu kommen: Hier können sie Gleichgesinnte treffen und sich über die gemeinsame Leidenschaft austauschen.
Wenn das Schlagzeug zum Star wird
Als ganz besonderer Programmpunkt findet am Samstagabend dann außerdem eine Performance-Show statt. Die Teilnehmenden und andere Interessierte können die Dozenten dabei unter Konzertbedingungen erleben und bewundern.
Dabei rückt das Schlagzeug endgültig von der hinteren Bühne ins Rampenlicht. Denn das, was manchmal als Begleitinstrument wahrgenommen wird, bildet nicht nur die Basis einer jeden Band, sondern ist beim Drum Weekend in Ingelheim auf jeden Fall der Star.