Buchkritik

Unwegsamkeiten in Stadt und Land: Xaver Bayers neuer Roman „Hauch“

Veit und Dora eint eine eigenwillige Abmachung: Für längere Zeit leben sie voneinander getrennt und schreiben einander Briefe, mit der Hand und per Post verschickt.

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Von Autor/in Andreas Puff-Trojan

Bayers Roman setzt im Hoch- oder Spätsommer ein und endet im Frühjahr. Die Trennung der beiden Protagonisten – Veit und Dora – ist eine Abmachung. In dieser Zeit dürfen sie einander nicht persönlich treffen. Sie schreiben aber einander handgeschriebene Briefe, verschickt mit der Post.

Dora arbeitet als Übersetzerin, Veit als Schriftsteller. Dora leidet an Albträumen und Schlaflosigkeit. Das hat auch mit der urbanen Umgebung zu tun. Doch auch auf dem Land ist nicht alles Idylle:

Vögel fliegen erschrocken auf, weil eine Drohne vorbeisaust. Veit kommentiert das Geschehen:

Ein Schwanengesang auf die Natur 

„Es kommt mir vor, alles in der Welt ist zu einem Kippbild zwischen friedlich und bedrohlich geworden. Man muss Mal für Mal selbst entscheiden, wie man die Dinge sehen möchte. Wenn man denn entscheiden kann.“

Und Dora ergänzt mit apokalyptischen Worten: „Lieber Veit, wenn ich Deinem letzten Brief noch etwas hinzufügen darf, ist die gesamte Menschheit eine Kriegserklärung an die Natur.“

 

Xaver Bayer
Xaver Bayer (c) dts Nachrichtenagentur

Veit wiederum stellt eine existentielle Frage: „Warum konnte innerhalb so weniger Jahrzehnte eine derart eklatante Entfremdung des Menschen von der Natur stattfinden? Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass die Natur von immer mehr Menschen als veraltet, als nicht zeitgemäß angesehen wird.“

Grillenzirpen in der U-Bahn

Dora wiederum drückt dies in philosophischen Worten aus: „Das Sein hat sich hinter einer Kopie seiner Außenansicht zurückgezogen.“ 

Im urbanen Terrain beherrscht beständiger Lärm den Alltag. Der Smog greift die Lunge an. Und die Menschen? Dora nimmt sie zusehends als wandelnde Zombies wahr. Zwischen Baustellengetöse erlauscht Dora das Tschilpen der Spatzen.  

Gestern habe ich sogar ein Grillenzirpen vernommen, in der U-Bahn, aber es kam aus einem Mobiltelefon. 

Verlust ländlicher Geborgenheit 

Auf dem Land nimmt Veit naturgemäß etwas andere Veränderungen wahr: Auch dort gibt es Baulärm, rasende Rolande auf ihren Motorrädern und Flugzeuge ziehen ihre Bahn. Doch was auffällt, ist die Verödung der Dörfer:

Gasthäuser und örtliche Einkaufsläden schließen, wer Besorgungen hat, muss zu den Shoppingmalls nächstgrößerer Städte.

Und der Postkasten für die Briefe an Dora? Ist auch verschwunden – zahlt sich nicht mehr aus, sagt die Postverwaltung. Veit nennt diese Orte am Land das „Herz der Verlassenheit“. 

Wenn man nun im Weiterlesen meinen würde, irgendwann und irgendwo müsste bald die Bombe einschlagen, irrt man. Zeitweise hat man das Gefühl, die Briefe würden allein den tristen Ist-Zustand der Welt abbilden. Aber auch das ist ein Fehlschluss.

Ein Hauch des Lebens

Veit beobachtet die Vögel im Flug, das Fallen des Schnees, die Spuren der Hauskatze und das heftige Rauschen der Gräser und Bäume im Sturm. Die Bewegungen des Windes – sind sie nicht naturhafte Gleichung für den Atem, für den „Hauch“ im Dasein der Menschen? 

Selbst Dora, geplagt von ihren Albträumen, hat Träume, die aus Hoffnung gestickt sind. Auch das – ein Hauch des Lebens. 

„Lieber Veit, heute, im Traum, habe ich auf der Straße einen Ring gefunden, den offenbar jemand verloren hat. Aber wo gibt man Traumfundstücke ab? Deine Dora.“ 

Die Gelassenheit im Leben

Xaver Bayer ist mit seinem Roman Hauch etwas Besonderes gelungen: Apokalyptische Gedanken holen einen heutzutage öfters ein. Indem aber der Autor im Laufe des Geschehens durch Naturbeobachtung und durch die Dialoge der beiden Briefschreibenden ein Gefühl der „Gelassenheit“ erzeugt, nimmt er seine Leserschaft im Lesen der Briefe mit.

„Hauch“ ist sprachlich gesehen, völlig unspektakulär, man könnte sagen, der Roman steht diametral zur Aufregungs- oder Betroffenheitsliteratur. Doch genau das macht die Seriosität des Textes aus. In einem Brief fasst Veit es in kurzer, unmissverständlicher Weise zusammen – eine Art Aphorismus, den man sich durchaus einprägen sollte. 

„Die Welt will wahrgenommen werden, und sie will beschrieben werden, das ist alles.“ 

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Andreas Puff-Trojan