Wiederentdeckung eines bedeutenden Krebsforschers
Sam Apple hat sich an einem Spagat versucht, denn anders als der deutsche Titel suggeriert, geht sein Buch weit über den Rahmen einer Biographie hinaus.
Der Kaiser von Dahlem erzählt zur Hälfte Wissenschaftsgeschichte.
Rund um Otto Warburg, den 1970 verstorbenen Forscher, dessen Erkenntnisse lange vergessen waren, bis sie Ende des letzten Jahrhunderts von der Zunft wiederentdeckt wurden. Apple stellt fest:
Einer der wichtigsten Beiträge der Warburg-Renaissance besteht darin, dass sie die Einstellung vieler Mediziner zu Ernährung und Krebs verändert hat.
Wege und Umwege der Forschung
Wie genau, das fächert Sam Apple im Detail auf. Er blickt dabei vor allem auf die Forschung seines Landes, der USA. Er erzählt von Wissenschaftlern wie den Biochemikern Britton Chance und Craig Thompson, die Warburgs Forschungen wieder hervorkramten und sie mit den neuen Erkenntnissen der Genetik und Molekularbiologie abglichen:
„Die Veränderung in der Art und Weise, wie eine Zelle ihre Nahrung aufnimmt und verwertet, ist nicht nur eines von mehreren Ereignissen auf dem Weg zum Krebs. Die ungezügelte Nahrungsaufnahme bildet den eigentlichen Ursprung der Krankheit, indem sie die Zelle für die Möglichkeit des Wachstums aktiviert und die nachfolgende Krebsentwicklung vorantreibt.“
Krebs, so argumentieren diese Wissenschaftler, sei eine genetische Krankheit, doch könne die genetische Veränderung nicht getrennt von der Stoffwechselveränderung betrachtet werden.
Im Duktus einer populärwissenschaftlichen Forschungsgeschichte erzählt Apple von Wegen und Umwegen der letzten Jahrzehnte, auch von enttäuschten Hoffnungen. Wenn es etwa um die Zusammenhänge zwischen Diabetes und Krebs ging oder um die Rolle des Zuckerkonsums.
Ein eitles, selbstverliebtes Genie
Wer wiederum der Mann war, der heutige Forscher mit seinen Erkenntnissen inspirierte, jener Otto Warburg – davon erzählt der erste Teil des Buches. Ein eitler, selbstverliebter Professor, wie er im Buche steht. Ein brillanter Wissenschaftler, der sich aber auch selbst im Wege stand.
Er war schon immer gespalten gewesen. Mit seinem aristokratischen Denken war er ein Mensch des 19. Jahrhunderts, aber gleichzeitig auch ein moderner naturwissenschaftlicher Visionär. Ein charmanter Gesprächspartner und ein von seiner eigenen Bedeutung erfüllter Diktator.
Warburg verbaute sich durch seine Eitelkeit die Chance, aus Fehlern zu lernen, die andere ihm nachwiesen. Auffallend bleibt der im deutschen Buchtitel angerissene Punkt: Als jüdischer Forscher konnte er in NS-Deutschland bis zuletzt arbeiten.
Apple erklärt das schlüssig aus der brennenden Angst vor der Krankheit Krebs, die viele führende NS-Größen beherrschte. Hitler, Himmler und andere hofften eben doch, dass Otto Warburg das Mittel gegen die tödliche Krankheit finden könnte. Warburg hätte in die USA fliehen können, doch er tat es nicht.
Gut lesbares Denkmal für einen Vollblut-Wissenschaftler
Sam Apples Buch macht deutlich, wie die Deutschen ihren Status als wissenschaftliche Weltmacht, die Nobelpreisträger am Fließband hervorbrachte, sehenden Auges opferten: auf dem Altar wehleidiger Großmannssucht, perversen Rassismus und schierer Dummheit. Die führende Rolle in der Krebsforschung übernahmen nun die USA.
Apple hat dem unbequemen, menschlich schwierigen Vollblut-Wissenschaftler Warburg ein gut lesbares Denkmal gesetzt. Wohl sollte man für den zweiten Teil des Buches Grundkenntnisse der Biochemie mitbringen, um die Fülle von Details fassen zu können. Wie man sich im ersten Teil ein wenig in der deutschen Geschichte auskennen sollte.
Zwischen den Zeilen schwingt die Ahnung mit, dass die Krebsforschung heute womöglich einen großen Schritt weiter wäre, hätten die beiden Weltkriege mit ihren Folgen nicht unschätzbare Ressourcen aller Art verschlungen.
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