In Oswald Eggers neuer Prosaarbeit „Oskar Fiala und das Prinzip der kleinsten Wirkung“ lernt man einen Unbekannten kennen: Den 1893 in Leipzig geborenen Oskar Fiala, von Beruf gelernter Schriftsetzer. Als Autodidakt schrieb er Zeitungsbeiträge und literarische Texte. Und er wurde 1912 in der Straßburger Klinik für Geisteskrankheit interniert.
Diagnose: Dissoziative Störungen – Bruchstückhaftes Erleben der Identität und von Erinnerungen – und dissoziative „Fugue“ – das ist das plötzliche, unerwartete Weglaufen einer Person ohne objektiv feststellbaren Grund. Fiala verstarb 1948 völlig mittellos. Oswald Egger läuft sozusagen Oskar Fiala nach, zeitverschoben, forschend, dokumentierend – und holt ihn in sein Buch hinein.
Dabei sollte nichts davon vergöttert werden, es ging mir allein um den Umgang mit dem Namenlosen, dem >Dichter unbekannt<.
Geisteskranke Dichter und deren Identität
Der geisteskranke unbekannte Dichter steht in Gegensatz zu den bekannten Dichtern, die unter psychischen Störungen litten, etwa Friedrich Hölderlin, Georg Trakl, Antonin Artaud oder Paul Celan.
Oswald Egger geht es in seinem Buch aber nicht vorsätzlich um die Entdeckung eines vergessenen Autors, sondern um die Frage, was Ich-Identität versus Ich-Spaltung, Wahrnehmung versus Illusion und Halluzination bedeuten, wie sich dies darstellen lässt.
Es ist so, als wenn Gläser sich aneinanderreiben, davon höre ich wortähnliche Töne, dann ist es noch merkwürdig, dass, wenn hier jemand anderes spricht, dies zugleich eine Antwort auf meine Gedanken gibt. Auch ist mir vorgekommen, dass allein die leibeigenen Gedanken laut würden.
Ich, Nicht-Ich und der Schmerz
Die Wortfolge „leibeigene Gedanken“ durchzieht Eggers Buch, sind eine Art Leitmotiv: Das Denken wird am eigenen Leib erfahren. Bei Oskar Fiala bedeutet Denken – Schmerz, Halluzination, Angst, aber manchmal auch Scherzhaftigkeit.
Denken ist vielschichtig, so wie der Leib aus verschiedenen Organen und Gliedmaßen besteht. Descartes‘ Spruch „Ich denke, also bin ich“ ist bei Egger wie bei Fiala einer Andersartigkeit, einer Nicht-Eindeutigkeit auf der Spur.
>Ich bin< (dabei suchte ich das neue, nicht das alte Ich-Ich-Ich zu fühlen.)
Als Oswald Fiala im Oktober 1912 in die psychiatrische Klinik in Straßburg eingeliefert wird, ist er für die behandelnden Ärzte eine Besonderheit. Er wird sogar in deren Privatwohnungen eingeladen.
Denn er ist in der Lage, kohärent über Kunst und Literatur zu sprechen, zögert allerdings beim Essen – und lächelt verschmitzt. Was mag in ihm vorgehen?
Ich habe den Eindruck, die Unterredung wurde aufgeteilt, seziert und so vorbereitet, dass selbst ein leise eingesprochenes Wort in mir vibriert und widerhallen soll wie ein Donner ohne Blitz. Meine eigene Stimme wird mir so laut, dass ich nicht mitreden will, aus lauter Angst, die Wände zu demolieren oder allein mit innerer Stimme wie eine Bombe zu platzen.
Protokoll eines andersgearteten Universums
Im Buch „Oskar Fiala und das Prinzip der kleinsten Wirkung“ sind es oft minimale Wirkkräfte, die Fiala zu äußerst eigenwilligen Gedanken und Reaktionen bewegen. Die Ursache dafür mag die Psychiatrie erkunden. Oswald Egger hingegen protokolliert, fabuliert und kreiert auf äußerst poetische Weise ein andersgeartetes Universum.
Was ich niederschreiben will, ist ein furchtbares Geschrei, und jemand schreit alles, was ich schreiben soll.
Die „leibeigenen Gedanken“ des Oskar Fiala sind ein Schrei des Geistes und des Körpers. Ein Schrei, der gegen das Primat der Vernunft und Alltagslogik gerichtet ist. Oswald Egger schenkt dem Schrei des Oskar Fiala Gehör und verwandelt ihn in ein literarisches Dokument, das Leserinnen und Lesern nahe geht.
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