Buchkritik

Eine Satire auf Wettbewerb und Leistung in Bonbonfarben

In Nele Jongelings Graphic Novel „Ich will nicht arbeiten“ geht es um Selbstoptimierung und den vermeintlichen Traumjob für jeden.

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Von Autor/in Silke Merten

Es ist hart genug, wenn fünf Bewerber im Assessment Center um den Traumjob konkurrieren. Aber die Zeichnerin Nele Jongeling setzt noch einen drauf: In ihrer Graphic Novel „Ich will nicht arbeiten“ lässt sie das Verfahren von einer Fernseh-Journalistin als Reality-Serie inszenieren.

Der Name der Moderatorin: Dr. Freude. Nur wirkt die ganze Figur samt Vokuhila-Frisur und Schnabelnase wie die Frage „Du lieber Himmel, was mache ich hier?“. Die Widersprüche des Bewerbungsverfahrens entlarvt schon die erste Folge. Auftritt: Britta Meyer, Leiterin des Wettbewerbs. 

„Britta Meyer: Wir wollen mit dem Projekt Hoffnung schaffen und die Chance auf einen Traumjob ermöglichen! In unseren Challenges lernen die Teilnehmenden, ihre Schwierigkeiten zu überwinden. So können sie beweisen, dass sie den Traumjob wirklich wollen. Doch nur, wer das Programm erfolgreich absolviert, bekommt einen Traumjob vermittelt.“ 

„Dr. Freude: Welche der fünf Kandidat:innen werden es schaffen, einen Traumjob zu ergattern? Finden Sie es heraus – jetzt nur bei DWF2!“ 

Nele Jongeling
Nele Jongeling Pressestelle (c) Nele Jongeling

Eine Satire auf Wettbewerb und Leistung in Bonbonfarben 

Diese ersten Seiten wirken wie der Auftakt zu einer grellen Satire. Erst recht durch die Bildgestaltung. Der ganze Comic ist in Bonbonfarben getaucht, die sich beißen. Die Figuren haben Tierköpfe. Gliedmaßen können sich in die mehrfache Länge ihrer selbst dehnen.

Aber obwohl die Zeichnerin die Wettbewerber Ente, Bär, Fuchs, Kaninchen und Stier ähneln lässt, gestaltet sie sie als lebensnahe Figuren, ihre Gefühlswelt wirkt nur zu vertraut. Realistisch dargestellt sind auch die Widersprüche der Arbeitswelt, die Nele Jongeling vorführt.

Mit deren Anforderungen tut sich vor allem Edith Feder schwer, die linkisch wirkende Hauptfigur mit Punktaugen und riesigem Entenschnabel. Gerade fertig mit dem Studium und ohne Orientierung, schreckt sie vor Teamwork und 40-Stunden-Woche zurück. 

Die Projektleiterin schickt sie und ihre Mitbewerber im „Projekt Traumjob“ in sinnfreie Aufgaben: aufs Gebäude klettern, Essen vorbereiten, Tabellen ausfüllen, ohne sich von Wurfgeschossen oder klingelnden Smartphones ablenken zu lassen. Das sorgt auf der Erzählebene für reichlich Komik. Und generiert innerhalb der Comicwelt gute Bilder für die Reality Serie.

Nele Jongeling: „Ich will nicht arbeiten“, Seite 53
Pressestelle Repordukt Verlag Bild in Detailansicht öffnen
Nele Jongeling: „Ich will nicht arbeiten“, Seite 56
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Nele Jongeling: „Ich will nicht arbeiten“, Seite 101
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Nele Jongeling: „Ich will nicht arbeiten“, Seite 131
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Nele Jongeling: „Ich will nicht arbeiten“
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Inszenierung ist Teil der Wahrnehmung

Mikrofon und Kopf der Moderatorin Dr. Freude sind immer nur ein paar Einzelbilder entfernt. Selbst, wenn Kapitel kurze Einblicke ins Leben der Bewerber geben, entpuppen die sich als Folgen der Serie. In diesen biographischen Episoden prallen Leistungsdruck und das Privatleben der Figuren aufeinander. 

Das Kind nahtlos in den Alltag integrieren, Beziehungen pflegen oder die übergriffige Familie in Schach halten – alles wird zur Herausforderung neben der eigentlichen Challenge. Hier offenbart sich, wie sehr Inszenierung inzwischen Teil unserer Wahrnehmung geworden ist. Und mit ihr der Druck zur Perfektion, den alle verinnerlicht haben. 

Hauptfigur Edith hält dem nicht stand. In ihrer Verunsicherung zerfließt ihr Körper mehr als einmal in Schlangenlinien. Oder löst sich sogar in seine Einzelteile auf. Dass sie für den Wettbewerb nicht gemacht ist, lässt sie aber am Ende nicht verzweifeln. 

Der Wunsch nach Perfektion und das echte Leben – unauflösbarer Widerspruch 

„Edith Feder: Zu versagen, fühlt sich gar nicht so schlimm an wie ich dachte. Fühlt sich besser an als ständig zu denken, etwas sei falsch mit mir. 

Dr. Freude: Glauben Sie mir, Sie sind nicht die einzige Teilnehmerin, die sich für ihre Probleme selbst verantwortlich macht.“  

Edith Feder: Hm ... Ich wünschte nur, diese Erkenntnis würde auch meine Miete bezahlen. 

Nicht nur Edith, alle Bewerber entpuppen sich als reflektiert. Und viel klüger als das Auswahlverfahren, an dem sie sich beteiligt haben. Das macht „Ich will nicht arbeiten“ trotz vieler witziger Momente zu einer traurig stimmenden Lektüre.

Denn einen Traumjob verdient hätte jeder und jede von ihnen. Es spricht für Nele Jongelings Erzählkunst, dass sie offenlässt, wer ihn bekommt. Und dass sie die Wahrheit hinter der Verlockung zeigt: Bekommen kann ihn nur einer.

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Silke Merten