Was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein

„Das können wir uns nicht leisten“: Miriam Davoudvandis frühe soziale Ausgrenzungserfahrungen

Miriam Davoudvandi beschreibt in ihrem autobiografisch inspirierten Buch „Das können wir uns nicht leisten“, die Folgen von Geldmangel auf viele Aspekte ihres Lebens.

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Stand

Von Autor/in Claudia Fuchs

„Armut ist immer relativ"

Miriam Davoudvandi, Tochter einer rumänischen Mutter und eines iranischen Vaters, verbrachte ihre ersten Lebensjahre in einer Einzimmerwohnung in einem Bukarester Plattenbau, wo sie mit ihrer Mutter lebte. Es müssen glückliche Jahre gewesen sein, wie sie sich in einem Interview erinnert.

Das kleine Mädchen stromerte über die Hochhausflure, klingelte bei Nachbarn, die ihr Süßigkeiten gaben oder sie zum Fernsehen einluden. Viel Geld hatte hier niemand.  

Der Einschnitt kam mit dem Umzug nach Deutschland, ins vermögende Bad Säckingen. Hier teilte sich die Sechsjährige mit den Eltern und zwei älteren Halbbrüdern eine Sozialwohnung. Ein kleiner Aufstieg, findet die Autorin: Aus zwanzig Quadratmetern waren siebzig geworden.

„Armut ist immer relativ. Sie steht in Relation zum Land, in dem du lebst, … zum Umfeld, … in dem du dich bewegst. Und sie steht in Relation …  zu dem, was du brauchst, um glücklich werden zu können. … In diesem Buch soll es daher um relative Armut mitten in einem wohlhabenden Land gehen, … und was das mit einem macht.“ 

Leben in Deutschland 

Alle Erfahrungen, die Miriam Davoudvandi in ihrem neuen Leben in Deutschland machte, verbinden sich für sie mit dem Thema „Armut“: „Armut und Schule“, „Armut und Essen“, „Armut und Aussehen“ lauten einige der Kapitelüberschriften ihres Buches, das eine Mischung aus Memoir und Sachbuch ist.

Miriam Davoudvandi
Miriam Davoudvandi (c) dts Nachrichtenagentur

Beziehungen, Bildung, Freizeit, körperliche und psychische Gesundheit – all diese Lebensbereiche waren nach Davoudvandis Erfahrung wegen mangelnder finanzieller Mittel für sie eingeschränkt. 

Die Autorin unterstellt damit eine Monokausalität für ihre vielfältigen Erfahrungen der Ausgrenzung, die einfach klingt und vielleicht deshalb erst einmal überzeugt.

Aber das Gefühl, arm zu sein, ist sehr subjektiv und die Autorin schreibt konsequent aus ihrer Perspektive. Wie ihre Brüder die damalige Situation der Familie erlebten, erfahren wir nicht. 

Migration und Aufstiegserwartung 

Davoudvandis Eltern waren fast fünfzig Jahre alt, als sie nach Deutschland einwanderten. Viel Energie und Zeit, ein neues Leben aufzubauen, hatten sie nicht mehr.

Die Last der Aufstiegserwartung lag auf den Schultern der strebsamen Tochter. Die Einser-Schülerin sollte es schaffen und die Eltern entschädigen für die Mühen ihrer Arbeit in schlecht bezahlten Jobs.

Eine gewaltige Hypothek für ein Kind, das sich mit Mitschülern in großen Häusern verglich, die nach den Ferien von ihren Urlaubsreisen erzählten. Familie Davoudvandi fuhr im Sommer im Bus zu den Verwandten in Rumänien – kein sehr cooles Reiseziel in den Augen der jungen Autorin. Also …

„… nervte ich meine Eltern so lange mit einem Mallorca-Urlaub, bis sie nachgaben. … Wir landeten in einem 3-Sterne-All-inclusive-Hotel auf Malle, mein Vater hatte einen guten Deal im lokalen Reisebüro geschossen. Es gab ein Buffet, genau wie ich es von Fotos kannte, mit Gemüse, das zu Blumen geformt wurde“, erzählt die Autorin.

„Noch heute habe ich 200 000 Fotos in der Camera-Roll meines Handys. Wenn Leute sich über Touris aufregen, die jeden noch so unscheinbaren Müll fotografieren, verstehe ich das nicht.

Was, wenn das auch ihr erster oder einziger Urlaub ist? Go, Queen, fotografier’ den zehnten Blumenstrauch aus drei verschiedenen Perspektiven!

Davoudvandis Schreibstil orientiert sich an Hip-Hop- und Raptexten, die sie ihren Kapiteln jeweils voranstellt. Es ist ein direkter, umgangssprachlicher Ton, kein literarisches Schriftdeutsch. 

Erfolgreiche Journalistin, Autorin und Podcasterin 

Obwohl die Autorin nach achtzehn Semestern ihr Studium abbrach und damit nicht dem Bildungsideal ihrer Eltern entspricht, scheint sie es geschafft zu haben:

Sie ist eine erfolgreiche Journalistin, Autorin und Podcasterin, präsent in den Medien und auf Lesebühnen. Ihre Geschichte vom Aufstieg aus prekären Verhältnissen spricht viele an und macht wohl auch den Erfolg des Buches aus.

Es ist eine Story, die Miriam Davoudvandi nicht nur ihren Lesern, sondern auch sich selbst erzählt. Bekanntlich neigen wir aber dazu, unsere eigene Lebensgeschichte so zu erzählen, wie sie für uns stimmig ist. Dies sollte man bei diesem Buch auf jeden Fall mit bedenken.

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Claudia Fuchs