Eine neue Zeitrechnung beginnt
In der Vorrede zur „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno beschreiben die beiden Autoren den Kern dieser philosophischen „Fragmente“, nämlich herauszufinden, „warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt.“
Ari, die Hauptfigur in Maxim Billers Roman „Schwarze Samstage“, denkt ganz ähnlich: Nach den 1970er Jahren und einer Flucht aus der kommunistischen Tschechoslowakei geht er davon aus, er habe „das Schlimmste“ hinter sich.
Doch dann lernt er in Hamburg linke Gymnasiasten und Studenten der Post-68er-Generation kennen, die sich ein Ende Israels wünschen.
Billers Ich-Erzähler erlebt – im Rückblick auf die lange und verheerende Geschichte des Antisemitismus – dann aber doch eine kurze und glückliche Epoche, in der die Hoffnung wächst, mit dem Hass auf Juden könne es, zumindest in Deutschland, vorbei sein.
Die 80er Jahre jedenfalls nimmt der inzwischen in München lebende Ari als glorreiche Phase einer Popkultur wahr, in der antijüdische Ressentiments als gesellschaftliches Randphänomen gelten und in kulturellen Räumen kaum anzutreffen sind.
Mit dem Massaker der palästinensischen Terroristen am 7. Oktober 2023 in Israel beginnt für Ari eine neue Zeitrechnung.
Jedem, der mich in diesen Stunden panisch anrief, sagte ich, er solle sich und mich nicht so aufregen, das goldene Zeitalter für die Juden sei zu Ende.
Statt Mitleid mit den Opfern gibt es Solidarität mit den Tätern
Aus der Vorahnung wird eine Gewissheit. Die bundesrepublikanische Aufklärung der vergangenen Dekaden löst sich in Luft auf, schlägt um in eine neue Art der Barbarei.
„Schwarze Samstage“ liest sich schon bald als Autofiktion im Real-Life-Format: In Israel wüten die Mörder und Vergewaltiger noch, als sich überall in Europa die Umwertung bisher gültiger Werte rasend schnell vollzieht.
Terroristen heißen plötzlich Widerständler, und die bestialische Folterknechte, die ihre unvorstellbaren Taten mit eigenen Videokameras dokumentiert haben, werden keineswegs nur von Islamisten als „Freiheitshelden“ gefeiert.
Der einsetzende Kulturkampf, der sich gegen den sich wehrenden Staat Israel richtet, betrifft alle gesellschaftlichen Bereiche.
Ari, inzwischen erfolgreicher Schriftsteller, kann es nicht fassen, dass die Mehrheit auch und gerade im deutschen Literaturbetrieb weniger Mitleid mit den israelischen Opfern empfindet, sondern sich mit den palästinensischen Tätern solidarisiert.
„Noch am Abend des 7. Oktobers bekam eine freundliche Deutsche, die seit Jahren höflich versuchte, mich in ihren Bücherpodcast einzuladen, Jubelnachrichten ihrer politisch interessierten Freunde aufs Telefon. Die meisten schrieben ihr einfach nur ‚Free Palestine!‘, mehr nicht.“
Dialektik der Regression
„Schwarze Samstage“ stellt das Pogrom der Hamas und ihrer genozidal gesinnten erbündeten in den historischen Kontext antijüdischer Pogrome seit der Antike. Selbst nach dem Holocaust und dem gebetsmühlenhaft vorgetragenen „Nie wieder!“ – das zeigt der Roman sehr überzeugend – sind die uralten Ressentiments nicht verschwunden.
Für Ari ist der Antizionismus der radikalen Linken, der immer auch antisemitische Narrative bediente, eine Wiederkehr des Immergleichen. Das Buch verliert sich aber keineswegs in historischen Exkursen. Nahezu nebenbei wird die Familiengeschichte der Hauptfigur erzählt, in der sich der Irrsinn des 20. Jahrhunderts widerspiegelt.
Angesichts des Grauens, das nicht aufzuhören scheint, fragt der Ich-Erzähler schon in den ersten Sätzen nach der Verantwortung Gottes in der Welt.
Bei Maxim Biller folgt danach keine Abhandlung zur Theodizee, eher ein Abgesang auf unsere Zivilisation in Analogie zu Adorno und Horkheimer, nur dass es nicht mehr um Aufklärung, sondern um eine Dialektik der Regression geht.
Wer, so wie ich, nicht an Gott glaubt, wundert sich, was für überraschende Ideen er manchmal hat. Die Öfen von Majdanek. Nagasaki. Der frierende Napoleon in Russland.
„Und wie sonst soll ich mir das Unvorstellbare erklären, das (…) an einem ruhigen Spätsommertag im Süden Israels passiert ist? Konnten sich wirklich Menschen allein ein Blutbad von dieser Wucht ausdenken (…)? Was für eine (…) Wendung im ewigen Weltroman des angeblich Allmächtigen!“
Im Fadenkreuz
An die Vernunft im gesellschaftlichen Diskurs mag der Ich-Erzähler angesichts einer „weltumspannenden antijüdischen Free-Gaza-Raserei“ nicht mehr glauben.
Wenn es um die Reaktion Israels auf den Angriff der Hamas ging, sprechen inzwischen Extremisten im linken wie im rechten Lager in erschreckend ähnlichen Floskeln. Im Kulturbetrieb scheint es manchmal nur noch am Rande um lesenswerte Literatur, schlechte Filme oder interessante Theaterstücke zu gehen.
Fast jede Bühne wird, wie der Roman an vielen Beispielen illustriert, zum Aufmarschgebiet der Aktivisten aus der sogenannten „Palästina-Solidarität“, die nicht begreifen, dass sie, wie es bei Biller treffend heißt, „willige Helfer der Marketingabteilung der Hamas, des Islamischen Dschihad, der iranischen Revolutionsgarden“ sind.
Für den Erzähler Ari – und nicht nur für ihn – steht leider fest:
Jetzt ist alles wieder normal. Ab jetzt leben wir wieder im Fadenkreuz. Überall.
Für viele der Roman des Jahres
Maxim Biller hat einen Roman geschrieben, über den sich viele Leute aufregen werden – wenn sie ihn denn lesen. Das Buch ist wichtig, allein weil es sich um eine Dokumentation und Analyse der antiisraelischen und antijüdischen Stimmungsmache nach dem 7. Oktober handelt.
Manche Beschreibungen der Mordtaten wirken wie ausgedacht, entsprechen aber vermutlich in jedem blutigen Detail den historischen Fakten.
Wer den feinsinnigen Biller vermisst, der zuletzt „Mama Odessa“, ein Meisterstück der Familienprosa, oder die herrlich melancholische Novelle „Der unsterbliche Weil“ veröffentlicht hat, wird sich in diesem Prosawerk auf die Suche nach den leisen Tönen machen müssen, aber zwischen den Zeilen durchaus fündig werden.
Der Autor, der eigentlich keine Romane mehr schreiben wollte, hat aus lauter Verzweiflung einen literarischen Angriff veröffentlicht, der an seine Kolumnen erinnert, aber in seiner stilistischen Qualität die sprachlich oft mauen Werke der sozialkritischen Autofiktion wie etwa die von Didier Eribon weit überragt.
„Roman eines Jahres“ nennt Maxim Biller sein Buch. „Schwarze Samstage“ wird, für einige, vielleicht doch nicht so wenige Leserinnen und Leser, auch der Roman des Jahres sein.