Buchkritik

Abrechnung mit einem selbstverliebten Kunstbetrieb: Martin Mosebach „Die Richtige"

Das Verhältnis von Künstler und Modell ist ein bereits mehrfach in Literatur und Film behandeltes Thema. Martin Mosebachs sprachmächtige Erzählkunst, seine messerscharfen Beobachtungen aber machen seinen Roman zu einem Erlebnis.

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Von Autor/in Martin Maria Schwarz

Es ist die Geschichte der fatalen Beziehung eines Malers zu seinem Modell, die diesen Roman im Innersten zusammenhält. Louis Creutz, ein Starkünstler mit der Spezialität Porträt- und Aktmalerei, lernt inmitten seiner ihm ergebenen Entourage auf einer Vernissage Astrid kennen.

Sie ist Mitte Dreißig, eine verhinderte Sängerin und natürlich attraktiv. Und natürlich weckt sie sein Begehren, natürlich versucht er zunächst nur, sie als Modell zu gewinnen, natürlich wird daraus mehr, natürlich zunächst ohne ihr Einverständnis, auch wenn das Modell-Liegen für ein neues Gemälde von Louis Creutz ihr Selbstgefühl natürlich hebt.

Er hatte sie in sein Leben mit dessen Gesetzen hineingezogen. Sie ahnte immer noch nicht, was da hinter ihrem Rücken entstand, aber sie war von der fraglosen Notwendigkeit erfüllt, es müsse fertig werden und das hänge tatsächlich und einzig an ihr allein. Wie war es ihm gelungen, derart über ihre Gedanken zu herrschen. Gegen ihren Willen, aber immer nur genau so lange, wie sie sich im Atelier und in seiner Gegenwart befand.

Künstler und Modell – ein heikles Kapitel

Auch diese Reflexionen von Astrid samt der darin schon anklingenden Gefahr drohenden Selbstverlustes gehören zum Standardprogramm von derlei Erzählungen. Denn Martin Mosebach wandelt in der Hauptachse seines Romans auf literatur- wie filmgeschichtlich ausgetretenen und reich beschilderten Pfaden.

Narzisstische Besessenheit im Künstlermilieu, psychische Übergriffigkeit bei der malerischen Aneignung eines Körpers, manipulative Eingriffe in die Persönlichkeit eines Menschen, diese Eckpunkte und Motive sind schon so oft beschrieben worden in den Geschichten über das Verhältnis von Künstler und Modell, dass man sie eigentlich schon als auserzählt betrachten kann.

Sie tauchen in Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“ genauso wie im Film „Die schöne Querulantin“. Kurz gesagt: Das Strickmuster ist vertraut und wird hier eigentlich nur ein weiteres Mal bemüht, ohne dass eine weiterführende Idee oder eine andere Perspektive hinzukäme. Wäre das schon alles, dann wäre der Roman eine Enttäuschung.

Psychogramm eines Machtmenschen

Dass er es nicht ist, liegt an Zweierlei. Hinter den Standards der Haupthandlung schreibt Martin Mosebach zum einen an einem seiner Lieblingsthemen weiter. Dem Ausloten der Profile von Macht und der Psychogramme von Machtmenschen, das heißt bei Mosebach fast immer: Machtmänner.

So wie schon „Krass“, der Titelträger einer seiner Vorgängerromane, übt auch Louis Creutz auf seine soziale Umgebung eine überdimensionierte Dominanz aus, ist ein Weltverschlinger und Seeleneroberer, der in Abweichung von Krass nun aber zusätzlich zum Seelenzerstörer wird.

Und in einer weiteren Modifikation fahndet Mosebach hier nach Verwundbarkeiten und Schwachstellen in der Persönlichkeitsstruktur derartiger Männer. Eine solche findet Astrid, als sie ihn, aus gegebenen Anlaß, des Freundschaftsverrats bezichtigt und tatsächlich kurz ins Wanken bringt:

Sie hatte allen Ernstes gewagt, ihn als Person anzugreifen, genauer noch: als Mann. Wenn er für sich selbst altertümliche Prinzipien wie Ehre und Ritterlichkeit längst abgeschüttelt hatte, dann das nicht, dass die anderen das mitbekommen sollten. So ausgehöhlt der Begriff Ehre inzwischen auch sein mochte, so gehöre er dennoch zu einer Auffassung von Männlichkeit, die er für sich in Anspruch nahm.

Die Selbstgewissheit von Louis Creutz wird indes nur kurz gestört. Es ist im Folgenden von einer geradezu bedrängenden Anziehungskraft zu erleben, wie dieser zu einem Sinnbild eines Menschen heranwächst, dem nichts, was er an Zerstörungskraft ausübt, zum Nachteil wird. Ganz im Gegenteil.

Auf allen Ebenen grandios erzählt

Zum zweiten besticht auch dieser Roman wieder durch eine Fülle von Nebenhandlungen, Episoden und Kleingeschichten, die den Roman allein schon kostbar machen. Das reicht von der mit feiner Ironie angereicherten Schilderung von Verlegenheit in der Creutz’schen Gesellschaft anlässlich eines eher mittelmäßigen Auftritts von Astrid als Sängerin, über einen kunstvoll beschriebenen Jagdausflug, bis zum Auftauchen einer gespenstisch wirkenden Nebenfigur namens Flora, einer wie aus dem Leben gestürzten Frau, ebenso wie Astrid später ein Opfer von Creutz.

Allein, wie sie eingeführt wird, mit einem ziellos wirkenden, manischen Gang durch Stadt und Stadtwildnis, über Seiten hinweg, ist in dieser Form ein außergewöhnliches Porträt eines Menschen. Und dann sind da auch wieder die meisterhaften Beschreibungen von Gemälden, die Sezierungen des Feingewebes menschlicher Gemeinschaften oder Reflexionen über die Malerei, wie sie bei Gedanken des Aktmalers zum Thema Haut erscheinen:

Die Haut sei der Mensch, diese dünne Oberfläche enthalte ihn ganz. Erst die Haut mache den Körper. Wenn man den Menschen ansähe, dann sei es die Haut, die ihn repräsentiere und man könne sogar sagen, die ihn vollständig repräsentiere.

In solchen Apercus, den erzählerischen Capriccios, die Mosebach als tiefenscharfen Seher und die Verwandlung des Sehens in eine Sprache ausweisen, die wiederum bisweilen selbst die Wirkung von Gemälden hat, liegt die Klasse von „Die Richtige“. Solche Exzellenz sprachbildnerischer Meisterschaft wiegt die espritarme Kernerzählung souverän auf.

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Autor/in
Martin Maria Schwarz