Buchkritik

Das Mädchen mit dem Aufwärtshaken: Maja Iskras Debütroman „Uppercut“

Dorćol, Belgrad, 1990er Jahre: In ihrem eindrucksvollen Debütroman „Uppercut“ erzählt Maja Iskra von einer Mädchen-Kindheit zwischen Gewalt und Loyalität, Boxring und Betonruine.

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Von Autor/in Oliver Pfohlmann

Maja Iskras Roman „Uppercut“ erzählt von einem Kiez in einer bestimmten Zeit: dem Belgrader Stadtteil Dorćol in den neunziger Jahren. Während der Krieg zwischen Jugoslawiens Teilrepubliken lodert, herrscht in Dorćol der Krieg zwischen den Geschlechtern.

Auch schon unter Kindern. Wie auch anders, wenn hier die Mütter vor ihren betrunkenen Männern fliehen müssen und Lehrer Schülerinnen missbrauchen.

In Dorćol sieht auf dem Schulhof selbst die Liebe der Gewalt zum Verwechseln ähnlich: Will ein Junge seiner Angebeteten seine Zuneigung zeigen, verpasst er ihr einfach eine Ohrfeige.

Aufwärtshaken als Markenzeichen 

Man, besser gesagt Frau tut daher gut daran, schon früh zu wissen, wie man sich selbst verteidigt. Weshalb die cleversten Mädchen hier schon mit neun oder zehn Jahren Boxen oder Judo lernen. Wie die namenlose Erzählerin in Maja Iskras autobiografischem Roman.

Maja Iskra auf der Leipziger Buchmesse 2026
Maja Iskra auf der Leipziger Buchmesse 2026 (c) dts-Agentur

Seit der Grundschule verprügelt sie jeden Jungen, der ihr blöd kommt; der Uppercut, der Aufwärtshaken, wird ihr Markenzeichen. Für sie ist er ein „spiritueller Schlag“, der sich ebenso gegen den Gegner wie gegen sich selbst richtet. 

In der Grundschule hatte ich nie Angst vor Buben. Was mir wirklich Schauer über den Rücken jagte, waren Mädchen, die sich prügelten. Und davon gab es viele. Sie prügelten sich regelmäßig, manche sogar täglich.

Zum Glück lassen sich mit Mädchen leichter Freundschaften schließen. So erzählt „Uppercut“ nicht nur von der Brutalität auf den Dorćoler Straßen. Sondern auch eindrucksvoll von Loyalität und Kameradschaft, die teils ein Leben lang anhält.

Und von den Rückzugsorten dieser Mädchen, Lost Places wie die Ruine einer Betonfabrik. In ihr werden ungestört Grenzen ausgetestet, kann man sich für kurze Zeit frei fühlen.

Kindheit als Zweifrontenkrieg 

Iskras Roman wird lose episodenhaft in mehr als zwanzig kurzen Kapiteln erzählt. In der postpandemischen Gegenwart lebt die erwachsene Erzählerin – wie auch die 44-jährige Autorin – in Wien.

Ihre abendlichen Begegnungen mit einem potenziellen Liebhaber in Clubs oder Cafés lösen immer wieder „Flashbacks“ aus, Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend.

Im Rückblick erscheint ihr ihr Leben in den Neunzigern als Zweifrontenkrieg: draußen die ständige Gefahr auf den Straßen und zuhause die unerklärliche Wut des kettenrauchenden Alkoholiker-Vaters, der ihr Leben zu einem „Fegefeuer in Endlosschleife“ machte.

Für ihn ist seine Tochter eine Versagerin, alles, was sie macht, wird von ihm entwertet. Auch ihr Schreiben, ein weiterer Zufluchtsort, den die Erzählerin für sich entdeckt.  

Kreativ zu sein, ganz gleich in welcher Weise, in Anwesenheit meines Vaters, war gleichzusetzen mit Selbstvernichtung. Jedenfalls ein Eigentor.

Einfallslose Vergleiche

Maja Iskras Roman wird in einem telegrafischen Stil, einer Art Hauptsatz-Prosa, erzählt, die auf Dauer etwas eintönig wirkt. Dabei steht die überdrehte Expressivität mancher Sätze im auffälligen Widerspruch zur behaupteten Abgebrühtheit der Protagonistin.

Etwa wenn diese glaubt, in einer bedrohlichen Situation „Lava im Herzen“ und „ein Maschinengewehr“ in der Brust zu haben. Ähnlich einfallslose Vergleiche finden sich auf den gerade mal 150 Seiten leider immer wieder.

Wenig überzeugend ist auch das Namedropping der Debütantin, all die Verweise auf Hemingway, George Bataille oder Wim Wenders.

Der prägende Kiez 

Dass es die Autorin besser kann, ist keine Frage. Großartig zum Beispiel ist die Szene, als sich die erwachsene Erzählerin bei ihrer Rückkehr ins heutige Dorćol mit einem Taxifahrer über Dostojewski und das Böse im Menschen unterhält.

Heute gilt dieser Stadtteil als eines der hippsten Viertel Belgrads, mit urbanem Charme und modernem Flair, wie Reiseseiten versprechen.

Für die Erzählerin – wie auch für die Autorin selbst – ist das Dorćol von damals bis heute der prägende Kiez. Ein, trotz aller erlebten Gewalt, verlorener Sehnsuchtsort, mit dem sie wie durch eine unsichtbare Nabelschnur verbunden ist.

Gut, dass sie ihm mit „Uppercut“ nun ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

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Oliver Pfohlmann