Zweite Staffel der Literatursendung in der ARD Mediathek

„Longreads“ mit Heidi Reichinnek: „Manchmal brauchst du Literatur, um dich einfach abzulenken“

In der Literatursendung „Longreads“ führt Schriftstellerin Helene Hegemann Gespräche über „Lebensbücher“. In der neuen Staffel trifft sie die Linken-Politikerin Heidi Reichinnek.

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Von Autor/in Frank Hertweck

Heidi Reichinnek bei „Longreads“

Politik in Deutschland ist ein Fulltime-Job. 24/7 Dauerstress. Doch im Wahlkampf hat der Tag mehr als 24 Stunden. Die Politikerin Heidi Reichinnek hat sich trotzdem Zeit für uns genommen.

Für uns, das ist „Longreads“, ein Literaturformat der anderen Art mit der Gastgeberin Helene Hegemann. Sie ist Schriftstellerin, aber vor allem neugierig auf Dinge, die sie nicht schon weiß. Und auf Personen, die sie überraschen.

Jeder der Gäste bringt ein „Lebensbuch“ mit – eines also, das einen die Welt anders sehen lässt. Helene Hegemann überlegt sich im Gegenzug ein, wenn man so will, „Antwortbuch“.

Eine Dönerbude im Bundestag

Das Team trifft sich am Platz vor der Volksbühne in Berlin, nicht weit entfernt von der Parteizentrale der Linken. Heidi Reichinnek hat nicht viel geschlafen, siehe oben, ist aber hellwach.

Man besichtigt die Volksbühne, die Ende des 19. Jahrhunderts gegründet wurde, und erfährt, dass aus Gründen der Gleichheit früher die Sitzplätze verlost wurden. Die Volksbühne ist Helene Hegemanns zweites Zuhause, weil ihr Vater hier als Dramaturg gearbeitet hat. Also Heimspiel.

Nur eines gibt es nicht mehr: einen Späti, den Heidi Reichinnek auch im Reichstagsgebäude vermisst. „Das könnte der Markt mal regeln, dass es eine Dönerbude im Bundestag gibt“. Die Bücher, um die es geht, könnten verschiedener nicht sein.

„84 Charing Cross Road“ von Helene Hanff

Reichinnek bringt einen der überraschendsten Besteller mit: nämlich den 1970 erschienen Briefwechsel zwischen der Amerikanerin Helene Hanff, die auf der Suche nach entlegenen Büchern bei einem Antiquariat in England landet. Und dem Angestellten Frank Doel, der in dieser Brieffreundschaft immer der Zurückhaltendere sein wird.

Zwanzig Jahre schreibt man sich, ohne sich je zu sehen. Daraus entstand: „84 Charing Cross Road“ von Helene Hanff.

Heidi Reichinnek findet es bedauerlich, dass es kein Happy End gibt, Helene Hegemann sieht das viel skeptischer: ohne die Entfernung keine Freundschaft. Während Reichinnek die Unterstützungspakete nach England als solidarische Handlung einer auch nicht gerade begüterten Amerikanerin sieht, versteht Hegemann das eher als eine Form der Machtausübung und Selbsterhebung.

„Lumpenroman“ von Roberto Bolaño

Beim „Lumpenroman“ von dem chilenischen Schriftsteller Roberto Bolaño ist man sich schon etwas einiger. „Lumpenproletariat“, dieser Begriff von Karl Marx hat schon die Schülerin Heidi auf die Palme gebracht, weil er die ausschließt, die gesellschaftlich ganz unten stehen. 

Die Heldin des letzten Romans von Bolaño befindet sich genau dort, aber eines verliert sie nicht: ihre Selbstachtung. Oder um es mit den Worten von Heidi Reichinnek zu sagen: „Ich glaube einfach, dass Nichtstun oder Aufgeben keine Alternative ist.“

Für Heidi Reichinnek sei Literatur wichtig, um andere Lebenswelten zu verstehen, den eigenen Blick zu öffnen. Das Lesen könne Impulse setzen. Trotzdem haben Bücher noch ein anderes, nicht zu unterschätzendes Potential für die Linken-Politikerin: „Manchmal brauchst du Literatur, um dich einfach abzulenken“.

Mit Performancekünstlerin River Roux (li.) besucht Helene Hegemann (re.) die stillgelegte Filmfabrik ORWO in Wolfen bei Bitterfeld.
Mit Performancekünstlerin River Roux (li.) besucht Helene Hegemann (re.) die stillgelegte Filmfabrik ORWO in Wolfen bei Bitterfeld. © SWR/Anne Wilk Anne Wilk Bild in Detailansicht öffnen
Helene Hegemann (re) trifft die Schauspielerin Lena Klenke (li.) in Bitterfeld.
Helene Hegemann (re) trifft die Schauspielerin Lena Klenke (li.) in Bitterfeld. © SWR/Anne Wilk Anne Wilk Bild in Detailansicht öffnen
Im wiedereröffneten Berliner Tacheles trifft Hegemann Rapper, Unternehmer und Spoken-Word-Poet Kelvyn Colt.
Im wiedereröffneten Berliner Tacheles trifft Hegemann Rapper, Unternehmer und Spoken-Word-Poet Kelvyn Colt. © SWR/Anne Wilk Anne Wilk Bild in Detailansicht öffnen
Helene Hegemann (re.) trifft die Co-Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag Heidi Reichinnek (li.)
Helene Hegemann (re.) trifft die Co-Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag Heidi Reichinnek (li.) © SWR/Anne Wilk Anne Wilk Bild in Detailansicht öffnen

Diese Gäste trifft Helene Hegemann in der zweiten Staffel

In der zweiten Staffel von „Longreads“ trifft Helene Hegemann Performancekünstlerin River Roux. Sie spricht über Körper, Identität und Begehren, entlang von Foucaults „Über Hermaphrodismus“ und Vladimir Nabokovs „Lolita“.

Rapper Kelvyn Colt nimmt uns mit in die Mechanismen von Einfluss und Selbstinszenierung, gestützt auf Edward Bernays’ „Propaganda“ und Naomi Kleins „Doppelgänger“.

Schauspielerin Lena Klenke erkundet mit Miranda Julys „Auf allen vieren“ und Helga Schuberts „Die Welt da drinnen“ die Intimitäten des Alltags, die Brüche des Ichs und die Kraft leiser Gesten.

Helene Hegemann, Autorin und Regisseurin

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Buchkritik Naomi Klein – Doppelgänger

Die kanadische Autorin und Umweltaktivistin Naomi Klein hat ein weiteres anspruchsvolles Buch folgen lassen: „Doppelgänger. Eine Analyse unserer gestörten Gegenwart“. Es ist eine beklemmende Bestandsaufnahme unserer Verdrängungen und Projektionen in einer Welt, die auf Kosten anderer funktioniert.
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Autor/in
Frank Hertweck
Gespräch mit
Helene Hegemann