In Sachen Vergangenheit suhlt man sich ja gern im Gefühl wohliger Überlegenheit. Was haben die Menschen früher alles gedacht und geglaubt! Nur dumm, dass uns dieses Schicksal selbst auch einmal blühen dürfte.
Beispiel Liebe. In Kirsten Fuchs’ Romandystopie „Sneaker“ gilt sie als hochgradig dysfunktional. Ob man zueinander passt, verraten biochemische Messungen, und fürs lästige Gefühlskarussell gibt es Gefühlsblocker.
Wie viel Leid hat dagegen früher die Liebe verursacht, sinniert der 16-jährige Titelheld:
Wegen einer Person. Jemand mit Augen, als ob nicht alle Augen hätten. Aber dann hatte jemand so schöne Augen, dass die ihre Kinder verlassen mussten, obwohl die auch Augen hatten. Oder sie haben eine gut funktionierende Partnerschaft beendet. Wegen Augen!
Eine Welt, die jedes Risiko ausschließen will
Natürlich liegt der Witz dieser altklugen Tirade darin, dass sich Sneaker da schon längst selbst nicht mehr von einem Paar Mädchenaugen losreißen kann. Deren Besitzerin heißt Livt und ist klug genug, Sneakers hektische Suche nach einem Gefühlsblocker als verkappte Liebeserklärung zu deuten.
Science-Fiction verlängert gern Fehlentwicklungen der Gegenwart in die Zukunft: Der neue Roman der 48-jährigen Autorin erzählt von einer Welt, die sich nach diversen Kriegen und Klimakatastrophen so verletzlich fühlt, dass sie sämtliche Risiken abschaffen will, nicht zuletzt mittels Künstlicher Intelligenz.
Die letzten Menschen leben in Kuppeln, wo sie zum Beispiel damit beschäftigt sind, Pflanzen zu bestäuben, denn Bienen gibt’s leider nicht mehr. Weil der heranwachsende Ich-Erzähler auf Gartenarbeit keine Lust hat, hat er sich ein gefälschtes Attest besorgt.
Zu Romanbeginn lebt er zufrieden in Quarantäne in einem Smarthome, irgendwo im Umland, dauerüberwacht von einer fürsorglichen KI. Am liebsten widmet er sich seiner Sneaker-Sammlung – daher auch sein Spitzname.
Bewaffnete KI-Drohnen achten auf Nachhaltigkeit
„Sneaker“ ist ein Coming-of-Age-Roman, und zu den Merkmalen dieser Gattung gehört eine Heldenreise mit Gefahren und Erfahrungen, darunter Liebe und Tod. Die Reise des Protagonisten beginnt, als nach einem Sturm der Kontakt zu seinen Eltern in der Stadt abbricht.
Draußen gibt es einige Überraschungen: Neuartige KI-Drohnen beobachten plötzlich jeden und bestrafen kleinste Regelverstöße mit Punktabzug; wer sein Konto aufgebraucht hat, wird eliminiert – zum Wohle der Gesellschaft.
Zudem findet Sneaker ihm bislang unbekannte Gemeinschaften: In einer „Nachhaltigkeitssiedlung“ sparen Unterprivilegierte wie Livt jene Ressourcen, die die Reichen auch in der Zukunft noch hemmungslos verprassen. Und bei den antiautoritären „Freien“ darf es keine Wertung mehr geben – um jegliche Form der Ausgrenzung zu vermeiden.
Fragiles wokes Paradis
Der Preis für dieses woke Paradies ist hoch; die Menschen verzichten gleich völlig auf Liebe und Sex, damit sich niemand am Ende verletzt fühlen muss. Ein fragiles Gesellschaftskonstrukt, das durch den Einzug der beiden hormonberauschten Teenager Sneaker und Livt prompt ins Wanken gerät.
„Matoll legt die Hände vors Gesicht. „Ich muss die ganze Zeit daran denken. Du hast gemacht, dass ich daran denken muss, an dich, nackt. Entschuldigung. Es ist einvernehmlich in meinem Kopf. Aber dass ich das in meinem Kopf mit dir mache, ist nicht einvernehmlich. Bitte gib mir dein Okay, so an dich zu denken.“
Man sieht: Kirsten Fuchs geht es weniger um plausible Zukunftsannahmen als um einen satirischen Kommentar auf heutige Debatten. Das könnte eine reizvolle Lektüre sein – wären da nicht die sprachlichen Defizite des Romans, vor allem die reduzierte Rollenprosa des Protagonisten.
Am Genre liegt das nicht. Schließlich begeistern Coming-of-Age-Romane mit jugendlichen Erzählern oft gerade durch ihre Sprachlust, von „Der Fänger im Roggen“ bis „Tschick“. Was das angeht, bietet „Sneaker“ leider eine Enttäuschung.
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