Buchkritik

Macht und Sex im antiken Rom

Messalina wurde zum Symbol von Nymphomanie und Habgier stilisiert. Die Historikerin Honor Cargill-Martin macht sich auf, um ein geschichtlich fundiertes Bild von ihr zu erstellen.

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Von Autor/in Andreas Puff-Trojan

Valeria Messalina – Hochadelige im antiken Roman und Ehefrau des Kaisers Claudius. Messalina – bis heute Synonym für sexuelle Ausschweifung, Nymphomanie und Habgier. Wie kam es zu diesem Geschichtsbild?  

Es ist die Geschichte einer Frau, die es in einer Welt von Männern wagt, Macht auszuüben, und die Folgen ihrer Entscheidung zu tragen hat.

Messalina und die männlichen Geschichtsschreiber 

Die Autorin Honor Cargill-Martin stellt zu Anfang ihres Buchs „Messalina. Intrigen, Macht und Orgien im antiken Rom“ eines klar heraus: Diejenigen, die nach dem Tod Messalinas über sie schrieben, waren ausschließlich Männer. 

Natürlich betrieben sie Nachforschungen, doch historische Genauigkeit oder Ausgewogenheit war damals kein Kriterium. 

Für Cargill-Martin ist es allerdings eines! Sie hat genau recherchiert und vor allem bettet sie das Leben der Messalina in die Geschichte ihrer Zeit. 

Honor Cargill-Martin
Honor Cargill-Martin Pressestelle (c) C.H. Beck, Anna Gallifent

Mehr Bedeutung für die Rolle der Frau

Mit Octavian, der als Herrscher den Namen „Augustus“ trug, änderten sich in Rom die politischen Verhältnisse gravierend. Die Republik mit ihrem Senat wurde mehr und mehr zu einer Monarchie umgestaltet. 

Dabei gewann die Rolle der Frau an Bedeutung. Sie avancierte zur Garantin dynastischer Nachfolge. Und damit hatte sie auch politischen Einfluss, wie sich bei Livia, der Frau des Kaisers zeigt. 

Messalina war sich dessen bewusst, als sie als Frau des Claudius 41 nach Christus den Thron bestieg. Wie Livia bei Augustus gehörte sie zum engsten Beraterkreis des Claudius.  

Privilegien und Politikwechsel

Die Kaiserin hatte beträchtlichen Einfluss auf ihren Ehemann. Sie hatte ständig Zugang zu ihm und zu seinem Bett, und das wusste sie zu nutzen.

Kaiser Claudius konnte von zwei Sachen nicht lassen: Wein und Frauen. Zumindest sexuell soll er Messalina geradezu hörig gewesen sein. Der Senat wiederum erkannte, dass es von großem Vorteil sein konnte, wenn zur Kaiserin gute Verhältnisse aufgebaut wurden.

Man erteilte ihr zwei Privilegien: Sie bekam in der ersten Reihe der Theater einen gesonderten Ehrenplatz und man gestattete ihr einen eigenen „carpentum“, einen geschlossenen Wagen – wir würden das heute „Staatskarosse“ nennen.  

Beide machten sie sichtbar und in den Augen der Öffentlichkeit bedeutender, und indem Claudius ihr erlaubte, sie anzunehmen, signalisierte er einen Politikwechsel.

Macht, Sex und Intrige 

Messalina erfüllte auch eine äußerst wichtige Funktion als Kaiserin: Sie gebar Claudius eine Tochter und einen Sohn. Damit schien die Erbfolge gesichert. Cargill-Martin schildert das antike Rom nicht als Hort des Friedens und der Eintracht. Intrigen waren an der Tagesordnung. Messalina entwickelte sich zu einer Meisterin der Intrige.

Macht zu haben und an der Macht zu bleiben, war ihr Ziel. Dabei schuf sie sich eine Menge Feinde. Dazu kam, dass sie tatsächlich mit einigen Untergebenen Sex hatte – was stillschweigend akzeptiert wurde. 

Doch als sie mit dem jungen Senator Gaius Silius ein offen zur Schau gestelltes Verhältnis einging, schlugen ihre Gegner zu. Sie fiel bei Claudius in Ungnade, wurde nun selbst eines geplanten Staatstreichs bezichtigt und ermordet.  

Der tiefe Fall einer Kaiserin 

Das alles erklärt noch nicht, weswegen Messalina zum Symbol sexueller Ausschweifung stilisiert wurde. Vielleicht aber so: Der Vorgänger von Claudius am Thron war Caligula – gefürchtet für seine Unberechenbarkeit und Grausamkeit. Wahrscheinlich war er tatsächlich dem Wahnsinn nahe. 

Machtmenschen wie Caligula, aber auch wie Messalina bedeuteten eine Gefahr für das Bestehen des Staatswesens. Sie in den Annalen der Geschichte als menschliche Monstren erscheinen zu lassen, war letztlich ein Gebot der Ordnung – ein Mahnruf an die Mächtigen, sich zu mäßigen. 

Honor Cargill-Martins Messalina-Biographie besticht durch historischen Faktenreichtum, ausgewogene Argumentation und erzählerisches Können. Und dabei rückt sie Messalina ins rechte Licht der Historie. Besser kann man es nicht machen!

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Andreas Puff-Trojan