Ein Ort, an dem man alles rauslassen kann
Es lebe der Stammtisch! Demokratie braucht Orte. Das Parlament für den öffentlich ausgetragenen politischen Streit. Ausschüsse und Fachgremien für die inhaltliche Arbeit. Medien für die öffentliche Kontrolle. Die Justiz für den Rechtsstaat. Und ja: Sie braucht auch einen Ort für den Austausch der Menschen untereinander. Sie braucht, jawohl, den Stammtisch!
Der Mensch ist, wie er ist: meist gut, oft vernünftig, manchmal böse, bisweilen etwas dumm oder seinen Emotionen ausgeliefert. Deshalb entgleiten Debatten im Internet so oft. Und doch braucht eine Demokratie einen Ort, an dem man alles rauslassen kann. Ungefiltert, das Herz ausschüttend, manchmal auch: sich auskotzend.
Einen Ort, an dem man vor der ganz großen Öffentlichkeit geschützt ist, vor moralischer Totalverurteilung und der Wut, die Debatten auf großer Bühne heute so oft entfesseln. Wo man dem anderen verbal den Kopf waschen oder auch zurechtrücken, sein Leid teilen oder leidenschaftlich streiten kann.
„Im Eingeweide einer Kneipe“
Der wunderbare Autor, Übersetzer und Sprecher Harry Rowohlt antwortete auf die Frage nach dem vollkommenen irdischen Glück: „Im Eingeweide einer Kneipe mit klugen Freunden dummes Zeug schwätzen.“ Genau das! Der oft verschriene Stammtisch kann exakt dieses Glück ermöglichen: ein Raum, in dem Menschen regelmäßig miteinander ins Gespräch kommen und eben manchmal auch dummes Zeug schwätzen.
Manche sprechen das Wort „Stammtisch“ mit Verachtung aus, Nase rümpfend. Als säßen dort nur Ewiggestrige, Besserwisser und Menschen mit einfachen Antworten auf komplizierte Fragen. Klar, man trifft dort fragwürdige Ansichten, Fußballbundestrainer, Coronaexperten, bessere Bundeskanzler und Menschen, die finden, früher sei alles besser gewesen. Man trifft also: Menschen.
Nur unterscheidet das den Stammtisch nicht vom Rest der Gesellschaft. Der Unterschied ist: Man sitzt sich gegenüber. Man hört den Unterton, das Zögern, das Lachen, sieht das Augenzwinkern oder spürt die Wut. In Zeiten von Internetforen, sozialen Medien und Online-Partnerbörsen kommen wir viel zu selten ins Gespräch.
Sich in die Augen schauen können
Am Stammtisch merkt man schneller, ob jemand nur provozieren will, sich verrannt hat oder hinter dem lauten Spruch einfach Frust steckt. Und wenn einer Unsinn redet, bekommt er keinen Wutemoji, sondern einen Einwand, einen Blick oder ein: „Jetzt hör aber mal auf!“ Vielleicht auch Gelächter.
All das sind soziale Korrektive, die das Netz kaum kennt. Dort gewinnt oft, wer am lautesten schreit. Algorithmen lieben Zuspitzung. Am Stammtisch funktioniert soziale Kontrolle besser. Man möchte sich schließlich nächste Woche wieder in die Augen schauen können. Jemanden wegen einer steilen These für immer auszuschließen, ist dort zum Glück schwieriger als im virtuellen Raum.
Der Stammtisch ist langsam und verzeihend
Die Zumutung von dummem Zeug, wie Harry Rowohlt es nennt, und das menschliche Miteinander trotz allem – das ist demokratisch. Demokratie heißt nicht, nur mit Menschen zusammenzusitzen, die dieselbe Meinung haben. Das wäre kein Stammtisch, sondern ein Fanclub.
Natürlich gibt es Stammtische, an denen Ressentiments gepflegt werden. Aber sie verschwinden nicht, wenn der Stammtisch verschwindet. Dann fehlen nur die Menschen, die widersprechen könnten. Das Ressentiment sucht sich einen anderen Ort – womöglich das Internet, wo es tausendfach geteilt wird.
Der Stammtisch ist langsam und verzeihend, das ist seine Stärke. Wer sich lange kennt, weiß, wie der andere tickt. Man kann streiten und trotzdem noch gemeinsam ein Bier trinken. Man kann seine Meinung ändern, ohne dass einem Jahre später ein Screenshot vorgehalten wird.
Der politische Gegner ist auch ein Mensch
Vielleicht braucht unsere Demokratie mehr Stammtische, als Übungsplatz fürs Streiten. Orte, an denen man lernt, die eigene Sicht zu formulieren und Widerspruch auszuhalten. Wo man Andersdenkende im direkten Miteinander überzeugen oder anerkennen kann, dass sie vielleicht doch recht haben. Wo man merkt: Der politische Gegner ist eben auch ein Mensch.
Es muss nicht einmal eine Kneipe sein, obwohl es sehr schöne, atmosphärische gibt. Stammtisch ist ohnehin eher eine Haltung: regelmäßig zusammenkommen, reden, widersprechen und trotzdem wiederkommen. Das ist manchmal mühsam, viel öfter aber: das vollkommene irdische Glück. Denn der Mensch braucht das: manchmal einfach dummes Zeug schwätzen zu können. Deshalb ist der Stammtisch so wertvoll.
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