Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2026

Wie Franziska Gänslers Roman „Orca" Popkultur und Politik verwebt

In ihrem für den Deutschen Buchpreis 2026 nominierten Roman erzählt Franziska Gänsler von Cora und Olympia, deren Freundinnenschaft geprägt von Klimaaktivismus, Corona-Alltag und Klassenunterschieden immer radikaler wird.

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Von Autor/in Nina Wolf

Orcas versenken Jachten

2020, mitten im Corona-Lockdown, gehen Videos von Orcas viral, die gezielt Boote attackieren. Bilder, die auch die Freundinnen Cora und Olympia beim Scrollen entdecken – in Franziska Gänslers Roman, der jetzt auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht: „Orca“.

„Von Rosalía sprangen wir zu Joe Exotic, und von ihm kam Olympia auf die Orcas. Sie fragte mich, ob ich das mitbekommen hatte? Dass die angefangen hatten, Jachten zu attackieren? Orcas sind eh einfach krass, sagte sie, extrem schlau. Und matriarchal organisiert.“

Das Verhalten der Schwertwal-Gruppen, das die Meeresbiologie bis heute nicht eindeutig erklären kann, interpretierte das Internet als ein kollektiver, vielleicht sogar erlernter Akt der Auflehnung.

Killerwal-Familien in Gänslers drittem Roman

Ausgerechnet gegen Jachten richten sich die Angriffe - und so schön kompromisslos von den Killerwal-Familien!

In diesem Resonanzraum legt Franziska Gänsler ihren dritten Roman an.

„So kam dieses Bild, von dem ich dann immer mehr gemerkt habe, wie gut das eigentlich passt, weil es ja gerade für Cora immer auch um Zugehörigkeit geht“, erzählt die Autorin.

Zwei Orcas die unter Wasser schwimmen in Norwegen.
Die Autorin erzählt: „Ich habe es relativ schnell so angelegt, dass sich im Roman sehr viele tierische Narrative mit dieser menschlich domestizierten Welt mischen. Es gibt zum Beispiel ein Wildschwein, es gibt ein Kaninchen, es gibt Schlangen, es gibt einen Karakal.“ Auch Orca-Angriffe seien damals medial präsent gewesen und hätten zu dem gepasst, „was die Mädchen konsumiert hätten.“ IMAGO / Cavan Images

Zugehörigkeit und Freundinnenschaften

Zugehörigkeit – das ist das Stichwort, um das Coras ganzes Leben kreist. Sie ist Stipendiatin an einem privaten Gymnasium, ihr Platz ist abhängig von einem Förderprogramm.

Wo die Kinder um sie herum einfach dazugehören, muss Cora es sich erarbeiten, mit einem regelrechten Trainingsplan für den Lockdown:

„Alles stand seit Wochen still, unter einer Glasglocke aus Hitze und Pandemie, und ich hatte den Großteil des Lockdowns einem Plan der Anpassung gewidmet, dem Ziel, so auszusehen, als hätten meine Eltern plötzlich mehr Geld. Ich arbeitete an porenfreier Haut, weißen Zähnen und definierten Armen, einem Glow, der mit signifikantem Wohlstand kam.“

„Nach und nach politisieren sie sich – aus verschiedenen Gründen“

In dieser Zeit des einsamen Online-Unterrichts trifft Cora ihre alte Freundin Olympia wieder.

Die beiden übernehmen das Haus eines wohlhabenden Witwers – „der Elson“ – und aus einem Nebenjob wird über Nacht ein Zuhause für eine Gruppe von Klimaaktivistinnen und -aktivisten, die aus einem geräumten Waldcamp dort einzieht. Olympia schließt sich ihnen an, weil sie an die Sache glaubt.

Cora schließt sich an, weil sie an Olympia glaubt:

„Nach und nach politisieren sie sich auch aus verschiedenen Gründen und Cora entwickelt auch Ängste, Olympia zu verlieren und wird dadurch irgendwie immer krasser in dem, was sie auch tut und vorschlägt, um Olympia an sich zu binden.“

Franziska Gänsler
Franziska Gänsler Franziska Gänsler (c) Imago, dts Nachrichtenagentur

Kompromissloser Klimaaktivismus

Und mittendrin: der Elson selbst, der alte, schwerkranke Witwer, dessen Villa zum Rückzugsort der Gruppe wird.

„Ich hatte irgendwie schon sehr früh die Vorstellung von so einem, dass eben verschiedene Generationen an Aktivistinnen da auch verschränkt werden“, verrät Gänsler.

„Bei Elson ist es nicht nur, dass er die Villa bereitstellt. Er kommt selbst aus einer Familie, die einen Hof hatte, und er hat einfach viel Wissen, von dem er glaubt, dass das den Folgegenerationen fehlt – wie baut man selber Sachen an, wie lagert man ein, wie bereitet man sich vor?“

Mehrere tausend Menschen auf dem globalen Klimastreik von der Bewegung Fridays for Future in Stuttgart 2021.
Globaler Klimastreik in Stuttgart, 2021. Gänsler erklärt, dass der Roman aber nicht in Stuttgart spiele: „Ich denke mir die Schauplätze bisher immer aus und richte es mir dann alles so ein, wie ich es brauche.“ Der Mercedes-Stern, der in „Orca" über dem Hauptbahnhof beschrieben wird, sei dabei Zufall gewesen. IMAGO / Arnulf Hettrich

„Ich fand es interessant, nicht nur über dieses wie hinterlassen wir die Erde eigentlich folgenden Generationen abstrakt nachzudenken, sondern ganz konkret über Wissen und Fähigkeiten, und wie so eine Utopie innerhalb einer Dystopie aussehen kann, wenn man zusammenarbeitet.“

Auf der Suche nach einem Ziel

Die generationsübergreifende Gruppe arbeitet zusammen in der Elson-Villa, baut Gewächshäuser, bereitet sich auf ein Selbstversorgerdasein vor. Mit ihren manikürten Nägeln und dem Wissen aus dem Gymnasium eckt Cora dort an, Olympia nähert sich immer mehr der aktivistischen Ariel an.

Cora will sich beweisen, sucht ein Ziel, direct action, wie die Wale, die Jachten versenken: eine Gegnerin im Klimakampf in der Villen-Nachbarschaft.

Über Google fand ich sie sofort: Eleonore Brecht, Lobbyistin im Energiesektor.

Inspiration in der Popkultur

Die Mädchen scheuen bald auch keine Gewalt mehr. Gänsler entblättert diese Zuspitzung in einer Sprache, die sie sich hörbar erarbeitet hat. Denn ihre Ich-Erzählerin Cora ist eine Teenagerin, die Autorin Jahrgang 1987.

Die Lebenswelt der Mädchen beschreibt sie – ohne sich anzubiedern – mit zahlreichen popkulturellen Referenzen aus Serien, Musik, und zeichnet so eine überzeugende Lebenswelt der Heranwachsenden in einer politisch turbulenten Gegenwart.

Schauspielerin Zendaya in der HBO-Serie „Euphoria": Sie spielt die Jugendliche Rue, die mit Drogenabhängigkeit kämpft. Die Serie behandelt Themen wie Liebe, Freundschaft, Identität, Sexualität und psychische Belastungen und verbindet diese mit einer auffälligen, fast traumartigen Ästhetik aus intensiven Farben, Neonlicht, aufwendigem Make-up.
Schauspielerin Zendaya in der HBO-Serie „Euphoria": Sie spielt die Jugendliche Rue, die mit Drogenabhängigkeit kämpft. Die Serie behandelt Themen wie Liebe, Freundschaft, Identität, Sexualität und psychische Belastungen und verbindet diese mit einer auffälligen, fast traumartigen Ästhetik aus intensiven Farben, Neonlicht, aufwendigem Make-up. Landmark Media

„Teilweise ist es eine Ästhetik, die ich auch ansprechend finde, zum Beispiel Euphoria habe ich auch geguckt, oder Rosalía, Nina Chuba – die tauchen schon auch in meinem Feed auf, obwohl ich deutlich älter bin“, erklärt die Autorin.

„Aber es war tatsächlich auch viel bewusst, auf Social Media zu gucken: Wie sprechen Mädchen dieser Generation, und natürlich sprechen die auch unterschiedlich – die sind ja nicht alle homogen, aber die, die ich mir vorstelle: Wie würden die sprechen?“

Ein tragisches Ende an der Fleischtheke

Wie die Geschichte ausgeht, erfahren die Leserinnen und Leser schon auf den ersten Seiten: nicht gut. Cora landet nicht, wie geplant, als angehende Journalistin auf der Eliteuniversität, sondern an der Fleischtheke im lokalen Supermarkt – einer Umgebung, die die Autorin selbst kennt:

„Ich habe selber als Jugendliche in einem Supermarkt an der Fleischtheke gearbeitet, für eineinhalb Jahre, und ich finde diese Intimität, wenn man acht Stunden so eine Schicht zusammen hat, immer auf dieser Zeile zwischen den Schneidemaschinen und der Auslage, wie man sich da kennenlernt – das finde ich einfach eine sehr interessante Szene.“

Und Olympia? Sitzt nach einer Gewalttat im Gefängnis – von einem Teil der Klimabewegung als Märtyrerin gefeiert, vom Rest der Gesellschaft als Täterin verurteilt. Zwei Etiketten für dieselbe Tat, und Cora die Einzige, die beide Seiten kennt.

„Ich arbeite gern mit Jugendlichen. Ich find das eine wichtige Zeit, in der man sich findet, in der man viele Entscheidungen trifft, aber vieles auch gar nicht so abschätzen kann. Ich habe dann auch meine alten Tagebücher gelesen und versucht, reinzuspüren: Wer war ich denn in dem Alter? Und ich hoffe, dass das einerseits geglückt ist und da andrerseits eine gewisse Wärme drin ist, mit der ich auf diese Mädchen blicke,“ hofft die Autorin.

Keine reine Fallstudie zu Radikalisierung

Diese Wärme ist es auch, die „Orca" davor bewahrt, zur reinen Radikalisierungs-Fallstudie zu werden.

Gänsler seziert die ausschlaggebenden Entscheidungen der Teenagerjahre mit psychologischer Schärfe und verbindet Coming-of-Age und politischen Roman, ohne in Thesenliteratur zu kippen.

Dabei überwindet sie Genregrenzen: Spannend wie ein Krimi, rasant wie ein Psychothriller, genau wie ein Sozialdrama, beängstigend wie Climate Fiction.

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Nina Wolf