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Mütter, Männer und Milieus

Mit einem Gespräch mit Martin Piekar. Mit einem Geburtstagsgruß an Petra Morsbach. Und mit neuen Büchern von Heike Geißler, Lukas Bärfuss und Hans-Ulrich Treichel.

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Traumata und Polenwitze

Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt des Jahres 2023 stach der Schriftsteller Martin Piekar allein schon durch seine Erscheinung heraus. Der in Schwarz gekleidete, langhaarige Mann mit den schwarz lackierten Fingernägeln lieferte noch dazu eine Performance ab, wie sie lange nicht zu sehen war.

In seinen Vortrag aus dem Text „Mit Wänden sprechen/Pole sind schwierige Volk“ hatte Piekar einen lauten, zwei Sekunden langen Schrei eingebaut:

Der Schrei der Überforderung eines jungen Mannes, der vaterlos mit seiner Mutter in einer engen Zwei-Zimmer-Wohnung aufgewachsen ist und die Mutter nach ihrer Krebs-Diagnose bis zu ihrem Tod gepflegt hat.

Nun hat Martin Piekar, geboren 1990 in Bad Soden am Taunus als Sohn polnischer Eltern, seinen Debütroman vorgelegt: „Vom Fällen eines Stammbaums“, so der Titel, erzählt die Geschichte eines vaterlosen Aufwachsens in Deutschland als Sohn einer Mutter, die vor dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Deutschland geflohen ist und die die traumatischen Erfahrungen ihres Lebens an den Sohn weitergibt.

Im Gespräch erzählt Martin Piekar von Scham und Polenwitzen, von der Fremdheit zwischen zwei benachbarten Ländern und davon, dass ein Kriegsende kein Datum hat.

Eine empfindsame Annäherung

Der Schweizer Lukas Bärfuss, Jahrgang 1971, ist aufgewachsen in einem Land, „in dem es keine Armut geben dürfte“, wie er es einmal formuliert hat.

Er selbst hat sich mit verschiedenen Jobs unter Wasser gehalten und von seinem 16. bis zum 20. Lebensjahr auf der Straße gelebt, bevor er Buchhändler wurde und mit dem Schreiben begann.

Bärfuss, der 2019 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit dem Büchnerpreis bedacht wurde, verfasst neben Theaterstücken dünne, aber gewichtige Bücher:

Romane, Essays, Erzählbände. 2022 hat er mit „Vaters Kiste“ einen Essay über seinen Vater veröffentlicht. Nun schreibt er in „Königin der Nacht“ über seine Mutter. Er habe „ein empfindsames Buch“ schreiben wollen, sagt er, eines, „das andere Menschen verstehen können“.

Holger Heimann hat „Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter“ gelesen und mit Lukas Bärfuss gesprochen.

Raus aus dem System

Heike Geißler, 1977 in Riesa geboren, hat sich in den vergangenen Jahren den Ruf einer der exponierten Vertreterinnen einer poetisch aufgeladenen Kritik der kapitalistischen Verhältnisse erschrieben.

In ihrem viel beachteten Buch „Saisonarbeit“ berichtete sie von ihrer Anstellung als Aushilfskraft beim Amazon-Konzern. Und in „Verzweiflung“ ging sie zuletzt jener Menschenfeindlichkeit in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens nach, die in uns besagtes Gefühl hervorruft.

In ihrem neuen Buch überschreibt sie einen Klassiker der deutschen Literatur:

In Heinrich von Kleists Erzählung wird der Rosshändler Michael Kohlhaas zum Verbrecher, weil sein Gerechtigkeitsempfinden mit dem Rechtssystem kollidiert. Heike Geißler erzählt in „Michaela Kohlhaas“ von einer Aussteigerin aus dem System, die ein Leben als Obdachlose annimmt und die Konsequenzen für ihren Abschied aus der Gesellschaft tragen muss.

Eine nicht durchweg gelungene Neuerzählung, wie unsere Rezensentin feststellt.

Die Schule des Lebens

Am 1. Juni feiert die Schriftstellerin Petra Morsbach ihren 70. Geburtstag. Morsbach ist eine Autorin, die sich schon immer Zeit gelassen hat für ihre Bücher. Ihre Stoffe recherchiert sie gründlich und sie verarbeitet sie in einer satirisch zugespitzten Sprache.

Neun Jahre sind vergangen, seit Morsbach ihren letzten und mehrfach preisgekrönten Roman „Justizpalast“ veröffentlicht hat. Nun kommt mit „Orion“ ein Buch, das ein nur vermeintlich unspektakuläres Frauenleben über sechs Jahrzehnte hinweg erzählt.

Die Hauptfigur kommt in den frühen 1960er-Jahren zum Studium nach München, lernt bei ihrem Aushilfsjob in einem Archiv ihren späteren Ehemann kennen, arbeitet als Lehrerin, bekommt ein Kind, wird geschieden, erkrankt schwer und landet schließlich wieder – in einem Archiv.

Ein Buch, in dem die Literatur das Leben spiegelt. Ein höchst gelungener Roman, in dem eine Lehrerin auch etwas von ihren Schülern lerne, sagt der Literaturkritiker Paul Jandl im Gespräch.

Die Abwesende

Die 1980er Jahre und Berlin bilden den literarischen Raum, in den der Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel immer wieder zurückkehrt. Treichel, geboren 1952, war 23 Jahre lang Professor am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig.

Und auch im Mittelpunkt seines neuen Romans „Das Karussell" steht ein Hochschullehrer im Ruhestand, der möglicherweise vergebenen Möglichkeiten nachtrauert. Der Roman führt, nach einem kurzen Auftakt in Berlin, wo sonst, nach Salerno im Süden Italiens.

Bernhard, die Hauptfigur, erinnert sich an eine lange zurückliegende Episode seines Lebens und an eine Frau, die nur sehr kurz und flüchtig präsent war und doch vieles geprägt hat. Schon Treichels Erfolgsroman „Der Verlorene“ über einen nach dem 2. Weltkrieg auf der Flucht verlorengegangenen Bruder hatte die Last einer großen Abwesenheit zum Thema.

Um etwas Ähnliches geht es hier: um ein nicht gelebtes Leben, um das Entgangene im Vergangenen.

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Moderator/in
Christoph Schröder
Redakteur/in
Christoph Schröder