Buchkritik

Liebesporträt der Generation Trennungsunfähig - Dana von Suffrin über „Toxibaby“

Herzchen liebt Toxi. Doch Toxi hadert mit der Welt und den Erwartungen an ihn. Eine klassisch zermürbende On-Off-Beziehung pflegen die beiden, in der die Frau zur Retterin mutiert.

Teilen

Stand

Von Autor/in Kristine Harthauer

13 Trennungen in drei Jahren haben Herzchen und Toxi hinter sich. Eine On-Off-Beziehung, über die Herzchen sagt:

Ich hatte nicht gewusst, wie sehr man sich an Terror gewöhnen kann und wie sehr man ihn sogar liebgewinnt.

Lieb haben sich Herzchen und Toxi – aber eben nur phasenweise. Ein Liebesportrait ihrer Generation habe Dana von Suffrin schreiben wollen. Und wenn man dieses Portrait liest, verfällt man in ein wohliges Schaudern.

Wie füreinander bestimmt

Dana von Suffrin bringt mit Herzchen und Toxi ein Paar zusammen, das sich so oder so ähnlich in vielen schönen Altbauwohnungen von Berlin bis München zoffen könnte – und dabei dieselbe Sehnsucht in sich trägt:

„Alle sehnen sich nach einer perfekten Karriere, nach einer perfekt kuratierten Wohnung, nach einem perfekten Körper und nach einer perfekten Beziehung. Und das scheint dann doch ein bisschen viel zu sein“, erzählt die Autorin.

Und auch Herzchen und Toxi waren der festen Überzeugung, sie wären füreinander bestimmt. Wie Platons Kugelmenschen hätten sie zueinander gefunden, zwei halbe Kugeln, die perfekt aufeinander passen.

Autorin Dana von Suffrin
Toxibaby und Herzchen lieben sich. Trotzdem sind sie auch ganz schön fies zueinander. Autorin Dana von Suffrin untersucht in ihrem Roman „Toxibaby" die Dynamiken einer Beziehung, in der ein Liebespaar sich zwischen Abhängigkeit und rauschhafter Liebe bewegt. Panama Pictures

Herzchens Retterinnen-Syndrom

Dass es zwischen beiden immer wieder funkt, liegt nicht nur an der gegenseitigen Anziehung, sondern auch an Herzchens beherztem Einsatz: Sie leidet am Retterinnen-Syndrom und ist der festen Überzeugung, die Frau zu sein, die Toxi zum Guten verändern könnte. Und vielleicht liegt im Liebesterror auch ein großer Lustgewinn?

„Ich glaube das auf jeden Fall, aber ich bin auch Freudianerin, und zwar wirklich bekennende. Und bei Freud wissen wir das eben auch, also der Lustgewinn äußert sich nicht immer so auf ganz offensichtliche Art und Weise und die Leute sind oft auf der Suche nach etwas, das sie eher in ihrem Todestrieb bestätigt“, so Dana von Suffrin.

Im Kraftfeld zwischen Todestrieb und Lebenstrieb bewegt sich auch Toxi. Er ist ein sehr schöner, mit viel Geschmack gekleideter Mann. Alle philosophischen und soziologischen Standardwerke hat er gelesen.

Alles außer ein anständiger Bürger

Einen richtigen Job oder Geld hat der Anfang 40-Jährige allerdings nicht. Will er auch nicht, denn für ihn gibt es nichts Schlimmeres als sich anzupassen und gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen.

Sein Ziel: bloß kein anständiger Bürger zu werden. Mit dieser Haltung geht es ihm allerdings alles andere als gut. Toxi leidet an der Welt.

„Toxi verweigert sich dem Ganzen, aber er verweigert sich auch nicht wirklich. Denn diese Art, wie er mit der Gesellschaft in Kommunikation tritt, sei es jetzt nur durch Aussehen, Kleidung, die ist dann ja doch auch wieder sehr an die Erfordernisse des Marktes angepasst“, erklärt von Suffrin.

„Also selbst, wenn man eine Nische schafft mit seiner Persönlichkeit, ist man ja erst recht Teil dieses Marktes. Es gibt da gar kein Entkommen.“

Kapitalismus und Romantik

Liebe im Spätkapitalismus wird konsumierbar – und wenn sie einem nicht mehr schmeckt oder zu anstrengend ist, wirft man sie eben weg und widmet sich dem nächsten Date – das Angebot auf dem Markt ist ja groß genug.

Wie der Kapitalismus die Romantik korrumpiert, hat die Soziologin Eva Illouz treffend analysiert. Dana von Suffrin liefert den Roman zur Analyse. Ihre Figuren Herzchen und Toxi sind eine Parodie der liebenden, helfenden Frau und des toxischen, egoistischen Mannes.

Dabei ist Herzchen keinesfalls verblendet. Das Tragische ist, dass sie ganz genau weiß, worauf sie sich mit ihm einlässt. Toxi mit all seinen widersprüchlichen Seiten seziert sie einem schwindelerregenden Erzähltempo. Nur durch Kommata getrennt schrauben sich ihre Sätze in die Höhe, voller Dramatik, Witz und Tempo.

Zwischen Zwang und Besessenheit

Und tragischerweise klappt es nicht einmal im Bett mit den beiden:

„Toxi konnte sich nicht entspannen, er hatte keinen Humor, er war zwanghaft und hatte keine Fantasie, und ich wiederum wurde immer besessener von Sex und nichts auf der Welt kam mir begehrenswerter vor, und ich griff zu Toxis Entsetzen ständig in seine Unterhose, wo eine kalte, schwer atmende Muräne saß und ängstlich auf Störenfriede lauerte.“

Toxi zog meine Hand wieder heraus und wurde jedes Mal wütend, und ich fiel auf den Meeresgrund wie ein Hai, dem man die Flossen abgeschnitten hatte.

Generation Trennungsunfähig

Generation Beziehungsunfähig werden Millennials, also Menschen zwischen Ende 20 und Anfang 40, gerne betitelt.

Doch vielleicht trifft es Generation Trennungsunfähig eher: Wenn sich Herzchen und Toxi trennen, dann machen sie sich aus dem digitalen Staub und blockieren den Kontakt. Und gleichzeitig scheint es kein dauerhaftes Entkommen für die beiden zu geben, sie werden einander nicht los.

Beziehungs-Yo-Yo nennt das Dana von Suffrin.

Und wer weiß, vielleicht ist ihr unheimlich bitterböses und kluges Buch nicht nur unterhaltsam, sondern sogar heilsam für alle, die mal Toxi mal Baby sind.

Gespräch Dmitrij Kapitelman über Anthologie „Wir schon wieder. 16 jüdische Erzählungen“

Im Band, den Dana von Suffrin gerade herausgegeben hat, stellt sie sich vor, wie ihre 16 Autorinnen und Autoren in einem Zimmer sitzen und streiten. Einer davon: Dmitrij Kapitelman

lesenswert Magazin SWR Kultur

Carsten Otte spekuliert über die nominierten Bücher „Ich liege meistens falsch“ – Wunsch-Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026

Am 25. Februar wird die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse bekannt gegeben. Literaturredakteur Carsten Otte nennt seine Favoriten.

lesenswert Magazin SWR Kultur

Buchkritik Queere Krisen, familiäre Zwänge und Dating in Neuseeland: Rebecca K. Reillys Debütroman „Greta & Valdin"

Das bittersüße Leben zweier junger Menschen in Auckland – mit Herz, Humor und scharfem Blick für die Absurditäten moderner Beziehungen.

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Buchkritik Neuer Roman der Bestsellerautorin Liz Moore: „Der andere Arthur“

Eine Jugendliebe, eine jahrzehntelange Brieffreundschaft. Als Arthur vom Sohn seiner großen Liebe Charlene erfährt, dem „anderen Arthur“, gerät alles ins Wanken.

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Streit um Emerald Fennells „Wuthering Heights“-Verfilmung „Ich hatte immer das Problem, dass es zu wenig Sex in Literatur gibt“

Die neue „Wuthering Heights“-Verfilmung spaltet noch vor dem Erscheinen das Netz. Weshalb Erotik und Streit der Romanvorlage damit treu bleiben.

lesenswert Magazin SWR Kultur