Buchkritik

Psychothriller für Heterofatalistinnen: „Was wir uns versprechen“ von Camille Laurens

Camille Laurens erzählt in „Was wir uns versprechen“ von Gaslighting in Perfektion – ein packender autofiktionaler Psychothriller, dem nur die letzte Portion Mehrdeutigkeit fehlt.

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Von Autor/in Oliver Pfohlmann

Liebe macht blind – selbst die, die es besser wissen müssten. Wie Claire Lancel, die ihre Ehe mit einem Narzissten gerade erst in einem autofiktionalen Buch verarbeitet hat.

Doch zu Romanbeginn verliebt sich die Mittfünfzigerin erneut; dieses Mal jedoch in einen Mann, der ein Ausbund an Achtsamkeit und Verständnis zu sein scheint. Dass dieser Theaterregisseur namens Gilles ihren Ex in Sachen Toxizität wie einen Waisenknaben aussehen lässt, erkennt Claire erst viel zu spät.  

Eine große Täuschung

Wobei „zu Romanbeginn“ nicht ganz richtig ist. Es dauert seine Zeit, bis man versteht, dass die erzählende Claire in der Gegenwart im Gefängnis sitzt, angeklagt wegen versuchten Mordes an Gilles.

Die erste Hälfte von Camille Laurens’ Roman besteht aus Gesprächen, die Claires Anwältin mit ihr, ihrem Agenten und ihren Freundinnen führt, ein vielstimmiger, sich oft auch widersprechender Chor.

Wie konnte eine große, leidenschaftliche Liebe so eskalieren? Was geschah an jenem verhängnisvollen Tag im Haus der beiden in Südfrankreich tatsächlich und warum?  

„Ich wollte, dass die Leser gemeinsam mit mir missverstehen, dass sie sich zu Beginn genauso täuschen wie ich, im ganz großen Stil. Sie wissen nicht, dass man ihnen etwas vormacht. Wie ich glauben sie daran. Was nach der berühmten Definition für den Roman gilt, die „willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit“, gilt auch für die Liebe“, heißt es im Roman. 

 

Camille Laurens
Camille Laurens (c) Pierre Perusseaux, Bestimage

Autofiktionales Verwirrspiel 

Ist das Ich, das hier gegen Romanende spricht, die Protagonistin oder die reale Autorin? Die 68-jährige Camille Laurens teilt mit ihrer Hauptfigur Claire Lancel nicht nur die Initialen. Sie ist als Romanautorin selbst Spezialistin für autofiktionale Verwirrspiele.

Und hat mit „Was wir uns versprechen“ nun den Roman der Stunde zum sogenannten Heterofatalismus vorgelegt. Also zu jener Desillusionierung und Wut der Frauenwelt angesichts immer neuer Fälle von unentschuldbarem männlichem Beziehungsgebaren.  

Der Titel verweist auf einen zentralen Moment der Beziehung zwischen Claire und Gilles: Ziemlich genau auf dem Höhepunkt ihres Liebesglücks nimmt der durchtriebene Gilles Claire vorsorglich ein Versprechen ab, nämlich niemals ein Buch über ihn zu schreiben.

Im Gegenzug verspricht er ihr, sie niemals zu betrügen. Gehalten wird natürlich keines dieser Versprechen.  

„Das kann ich Ihnen schon sagen, warum ich es versprochen habe, Frau Rechtsanwältin. In meinen Augen war es ein Leichtes, das Versprechen zu halten, kinderleicht. Warum? Weil glückliche Menschen keine Geschichte haben, darum“, schreibt die Autorin.

„Ein Roman über ihn und mich? Aber wovon hätte er gehandelt? Von den Kerzen auf dem Tisch, dem blauen Meer, dem Armkettchen? Das Buch wäre den Lesern nach zwei Seiten aus der Hand gefallen.“ 

Lehrbuchartiger Fall von Gaslighting 

Diese Gefahr besteht zum Glück zu keiner Zeit. Vielmehr entpuppt sich „Was wir uns versprechen“ angesichts von Gilles’ Perfidie und Claires wachsender Verzweiflung als regelrechter Pageturner. Und zugleich als lehrbuchartiger Fall von Gaslighting, also der planmäßigen Manipulation und Irreführung des Partners.

Im letzten Teil, als Claire sich von einer am Boden zerstörten Geliebten wieder in eine Schriftstellerin verwandelt, seziert sie schonungslos Taten und Denken ihres Liebhabers – der selbst inzwischen im Rollstuhl sitzt und angeblich sein Gedächtnis verloren hat.

Mit ihrer in der Du-Form geschriebenen Rekonstruktion ihrer Beziehung hält sie ihm gleichsam den Spiegel vor und besteht unbarmherzig auf der Wahrheit.  

Womit wir beim einzigen Schwachpunkt dieses Psychothrillers wären: Mehrstimmigkeit wie im ersten Romanteil ist in der Literatur nur sinnvoll, wenn die Wahrheit bis zuletzt doppelbödig bleibt, wenn sich die Leserinnen und Leser zwischen mehreren Deutungsmöglichkeiten entscheiden müssen.

Wer hier Opfer, wer Täter ist, daran bestehen aber in dem von Lis Künzli übersetzten Roman nie wirklich Zweifel. Egal. Eine spannende, erschütternde Lektüre bietet „Was wir uns versprechen“ in jedem Fall.

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