Platz 3 (70 Punkte)

Safae el Khannoussi: Oroppa

Teilen

Stand

Das Buch sei der „Der Roman des Jahres“, hieß es schon vor Erscheinen, und das zu einem Zeitpunkt, als das Jahr kaum angefangen hat. Saffae El Khannoussi wurde 1994 im marokkanischen Tanger geboren und kam im Alter von vier Jahren nach Amsterdam, wo sie bis heute lebt. „Oroppa“ – das arabische Wort für den alten Kontinent – wurde im vergangenen Jahr in den Niederlanden tatsächlich als bester Roman des Jahres ausgezeichnet. Eine Geschichte, die vom Tod inmitten des Lebens handelt:

„Salomé Abergel wäre anstandslos in den Tod hinübergeglitten, hätte der Tod sie, nachdem er erst unschlüssig auf ihr herumgekaut hatte, nicht doch wieder ausgespuckt – zurück ins Leben.“

Abergel ist eine jüdisch-marokkanische Künstlerin, die aus politischen Gründen Marokko verlassen hat. Nun verschwindet sie spurlos. Eine Gruppe von Menschen macht sich auf die Suche nach ihr, angefangen in Salomés Amsterdamer Haus. Die Spuren führen quer durch Europa bzw. von Oroppa bis in den Maghreb. Harte Geschichten tun sich auf; zu den Menschen, die nach Salomé suchen, gehören ihre Agentin, ihr Sohn, aber auch ihr ehemaliger Peiniger. Menschen, die auf dem Weg ihre Migrationsgeschichten erzählen oder damit konfrontiert werden.

„Viele der Geschichten in Oroppa sind mir so oder in Abwandlung einst selbst erzählt worden – von meinem Vater Esabi, meiner Großmutter Rhimou und meiner Urgroßmutter Zohra, von vielen Menschen, denen ich zufällig einmal über den Weg gelaufen bin und mit denen ich Freundschaften geknüpft habe, Menschen, deren Namen ich kenne, Menschen, deren Namen ich vergessen oder nie erfahren habe“, schreibt die Autorin im Nachwort. Nun stehen sie alle in einem Buch.

Diskussion über vier Bücher SWR Bestenliste März 2026

Ein vielleicht gar nicht mal so überraschendes Ergebnis lieferte die Bestenliste-Runde im Freiburger Literaturhaus. Werke, die auf die Vergangenheit zurückblicken, führten nicht selten zu hitzigen Diskussionen über die Gegenwart. Meike Feßmann, Eberhard Falcke und Jörg Magenau diskutierten über vier auf der SWR Bestenliste im März verzeichneten Werke.
Auf Platz 4 steht ein Buch aus der Friedenauer Presse, nämlich Banines „Liebe ist Dir verboten. Ernst Jünger und ich. Aufzeichnungen 1942-1991“. Die von Alexander Pschera übersetzten, eingeleiteten und herausgegebenen Reflexionen der in Baku geborenen Schriftstellerin führten zur kontrovers beantworteten Frage, wie neben der geistigen Anziehung das erotische Verhältnis, insbesondere ein sexueller Übergriff Jüngers zu bewerten sei. (ab 1:10)
Safae el Khannoussis Roman „Oroppa“ in der deutschen Fassung von Stefanie Ochel wird durchweg gelobt. Das Buch der marokkanisch-niederländischen Autorin, das im Hanser Verlag erschienen ist, steht auf Platz 3 der März-Bestenliste und zeichnet sich vor allem durch eine vielschichtige und zunächst nicht leicht zu lesende Mehrstimmigkeit aus. Trotzdem oder auch gerade deshalb wird es als „Meisterwerk“ gefeiert. (ab 20:55)
Kurios, komisch und surreal ist Dorota Masłowskas Episodenroman „Im Paradies“, den Olaf Kühl für den Rowohlt Berlin Verlag aus dem Polnischen ins Deutsche übertragen hat. Die ästhetischen Mittel der Autorin und das Roman-Etikett werden innerhalb der Jury unterschiedlich bewertet, genau wie die Frage, ob „Im Paradies“ (Platz 2) auch als Gesellschaftsportrait Polens zu lesen sei. (ab 37:01)
Äußerst kritische Anmerkungen gab es zu Judith Hermanns Erinnerungsbuch „Ich möchte zurückgehen in der Zeit (S. Fischer Verlag). Hermann begibt sich auf Spurensuche in Polen. Dort möchte sie mehr über ihren Großvater erfahren, der Mitglied der SS und mutmaßlich an Verbrechen der Besatzer beteiligt war. Doch die Recherche verläuft im Dunklen. Worum geht es in dem Text? Handelt es sich um eine literarische Familienaufstellung? Wie fügt sich der Besuch der Erzählerin bei der Schwester in Neapel in die Gesamtkonstruktion ein? Welche Rolle spielt der Stil der Autorin bei Einordnung des Buchs? Es wurden viele Fragen gestellt, die zu heftiger Kritik der Jury führten. Ein Buch, das auf Platz 1 der SWR Bestenliste steht, das Publikum nachdenklich stimmt und Debatten über die Gegenwart der Vergangenheit auslöst. (ab 53:15)
Aus den vier Büchern lasen Antje Keil und Sebastian Mirow. Durch den Abend führte Carsten Otte.

SWR Bestenliste SWR Kultur

Newsletter SWR Bestenliste Newsletter – jetzt kostenlos abonnieren!

Wenn Sie regelmäßig den SWR Bestenliste Newsletter erhalten möchten, tragen Sie sich bitte in unseren Verteiler ein. Dieser Service ist kostenlos.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
SWR