Platz 1 (88 Punkte)

Sidonie-Gabrielle Colette: Chéri

Teilen

Stand

Die Schriftstellerin Colette, mit vollem Namen Sidonie-Gabrielle Claudine Colette wurde 1873 im Burgund geboren; im Alter von 20 Jahren heiratete sie den Literaten Henry Gauthier-Villars, ging nach Paris und begann, unter Pseudonym autobiografische Geschichten aus dem Leben einer jungen Frau zu erzählen. Nach der Scheidung trat Colette auch als Varietékünstlerin auf, schrieb aber weiterhin und kam mit ihrem Roman „La Vagabonde“ im Jahr 1910 in die Auswahl für den Prix Goncourt.

„Chéri“, entstanden in den Jahren 1919/1920, wurde Colettes bekanntester Roman. Die Schriftstellerin Dana Grigorcea nennt den Roman, der nun in einer Neuübersetzung von Patricia Klobusiczky in einer schmucken Manesse-Ausgabe erschienen ist, „ein Jahrhundertwerk“. Und fügt an: „Grenzen ausloten und verschieben, dafür steht Colette wie kaum eine andere Künstlerin ihrer Zeit. Ihr großes Kunststück aber besteht darin, die Provokation salonfähig zu machen und sich damit ins Zentrum der Gesellschaft zu hieven, mithin das Thema «Frau». Ihre aus der weiblichen Perspektive erzählten Geschichten etablieren das Begehren der Frau als dem des Mannes gleichwertig, und dies in einem konservativen Land.“

Die Provokation von „Chéri“ besteht zusätzlich darin, dass das Begehren einer älteren Frau zu einem jüngeren Mann geschildert wird. Pikanterweise unterhielt Colette zur Zeit der Entstehung des Romans ein Verhältnis mit ihrem Stiefsohn aus zweiter Ehe. „Chéri“, also der Liebling, ist im Roman ein 24-jähriger, blendend aussehender Filou, dem die wesentlich reifere und lebenserfahrene Léa nicht widerstehen kann und will. Eine Amour fou mit pikanten erotischen Details. Und mithin auch ein Zeugnis weiblichen Selbstbewusstseins.

Newsletter SWR Bestenliste Newsletter – jetzt kostenlos abonnieren!

Wenn Sie regelmäßig den SWR Bestenliste Newsletter erhalten möchten, tragen Sie sich bitte in unseren Verteiler ein. Dieser Service ist kostenlos.