Eine hochenergetische Künstlerin
Britta Marakatt-Labba wirkt ungewöhnlich klein und zierlich, aber mit ihren 78 Jahren und ihren hellwachen Augen hinter der blauen Brille sprüht sie geradezu vor Energie. Neugierig eilt sie in der Mainzer Kunsthalle von Bild zu Bild und schaut sich an, wie ihre Werke präsentiert werden – es ist ihre erste Einzelausstellung im deutschsprachigen Raum.
Die Wände der Ausstellungsräume sind in kühles Blau getaucht und bieten den passenden Hintergrund für die vielen gestickten Bilder, die unaufdringlich und ruhig daherkommen. Sie erzählen von der Natur im hohen Norden, von der Geschichte und den Mythen der Samen, früher auch Lappen genannt, dem indigenen Volk des nördlichen Skandinaviens.
Auseinandersetzung mit der Kultur der Samen
Besonders beeindruckend sind die langen schmalen Panoramen, auf denen man unendliche Weiten, Rentieren-Herden und samische Nomaden vor ihren Zelten sieht. Mit feinen Stichen zeichnet die Künstlerin den unendlichen Himmel, das bläulich schimmernde Eis und das Leben der Sami. Als Untergrund für ihre filigranen Stickereien dienen ihr Säcke, Leinwand und Stoffe.
Die intensive Auseinandersetzung mit der Kultur der Samen liegt in ihrer eigenen Biographie: Britta Marakatt-Labba wurde 1951 in eine samische Familie mit neun Kindern hineingeboren, ihre Eltern waren damals als Rentierzüchter auf der Wanderung von Norwegen nach Schweden. So kam sie ganz traditionell in einem Zelt zur Welt, einer sogenannten Kote.
Als samisches Kind erlebte Marakatt-Labba nicht nur die Verbundenheit mit der Natur, sondern auch die Ausgrenzung und Diskriminierung der Sámi. Ihr Vater starb, als sie fünf Jahre alt war. Dieser Schicksalsschlag, aber auch ihre Interessen und Neigungen bewogen sie, Künstlerin zu werden. In den 1970er-Jahren studierte sie deshalb in Schweden und Norwegen Kunst.
Teilnahme an der „documenta 14“
Nach der Hochschule schloss sich Marakatt-Labba in Norwegen dem ersten samischen Künstlerkollektiv an, der sogenannten Máze-Gruppe – ein aktivistisches Bündnis, das die samische Kultur als Teil der nordischen Gegenwartskunst begriff und für die Akzeptanz und die Rechte der Sami kämpfte. 1979 gründete das Kollektiv den „Samischen Künstlerbund“.
Obwohl Britta Marakatt-Labba schon jahrzehntelang als Künstlerin arbeitet, wurde sie erst 2017 durch ihre Teilnahme an der „documenta 14“ international bekannt. Mit einem meterlangen Fries aus besticktem Stoff erregte sie Aufmerksamkeit, auch bei der Leiterin der Mainzer Kunsthalle, Stefanie Böttcher.
Ich bin immer wieder beeindruckt, wie sie das schafft, die Bildaufteilung ohne Skizzen im Prozess zu entwickeln – dafür hat sie ein wahnsinniges Gespür.
Böttcher hat sich jahrelang um die in aller Welt verteilten Werke für die Schau in Mainz bemüht. Die Ausstellung „Stitched Tracks“ (englisch für „gestickte Spuren“) umfasst knapp 60 Textilarbeiten und Aquarelle. Darunter sind nicht nur idyllische Motive. Die Künstlerin thematisiert auch den bedrohten Lebensraum der Sámi.
Kunst als Teil von Umweltprotest
Ein wiederkehrendes Motiv von Marakatt-Labba ist der Kreis, zum Beispiel als Einfriedung für die Rentiere. Die Kreise sind manchmal durchbrochen oder von senkrecht aufragenden Zäunen eingeengt. Auch der polare Horizont ist nicht immer makellos: Plötzlich wird er zerteilt von vertikalen Erdölbohrern oder geometrisch abgezirkelten Grenzen.
In ihrem Werk „Die Krähen“ erzählt Britta Marakatt-Labba vom sogenannten Alta-Konflikt, der von 1968 bis 1982 herrschte. Damals protestierten Umweltaktivisten und Sámi gegen den Bau eines Wasserkraftwerks in Nord-Norwegen. Die Regierung schickte Hunderte von Polizisten dorthin, um die Demonstranten zu vertreiben. Die Proteste blieben erfolglos, das Kraftwerk wurde gebaut.
Nimm nur soviel Fisch, wie du zum täglichen Leben brauchst, um denen etwas übrig zu lassen, die nach dir kommen – das ist die Mythologie und der Glaube der Sámi.
Mit Nadel und Faden lässt Britta Marakatt-Labba fragile Welten entstehen. Als engagierte Künstlerin macht sie auf das indigene Volk der Sámi und die Umweltzerstörung in ihrer Heimat aufmerksam. Nach Einzelausstellungen in Oslo und Stockholm ist sie jetzt auch in Mainz zu sehen: Eine betörend schöne Ausstellung mit einer starken Botschaft, die noch lange nachwirkt.